Von Alfred Joachim Fischer, London

Trotz Atatürk und westlichen Reformen lautet die türkische Volksparole immer noch „Javasch, javasch“ – langsam, langsam! Dieser gar nicht so ungesunde Grundsatz gilt auch für die politische Entwicklung. Die Symptome deuten heute auf eine langsam immer enger werdende Zusammenarbeit zwischen Ankara und der arabischen Welt hin. Was sich vorbereitet, ist, wie jeder politisch denkende Türke zugibt, kein Liebesbund, dürfte dafür aber eine ziemlich haltbare Vernunftehe sein.

Jahrhunderte waren die arabischen Länder als seine Glieder mit dem osmanischen Imperium verbunden. Auch als dieses übernationale Staatengebilde morsch zu werden begann, hatte Großbritannien als Weltmacht weiter ein Interesse an seiner Erhaltung, Die Türkei kämpfte jedoch im ersten Weltkrieg, an Deutschlands Seite. Lawrence glückte es, die arabischen Völker des osmanischen Imperiums durch Unabhängigkeitsversprechungen von Konstantinopel zu lösen und sie zu erfolgreichen Revolten anzufeuern. Die Türken sind ein nachtragendes Volk. Bis heute haben sie ihren arabischen Untertanen von damals den „Verrat“ innerlich nicht vergeben. Wenn der Islam seine Vormachtstellung im neuen türkischen Staat fast kampflos verlor, so trug die Schuld hieran nicht zuletzt die Enttäuschung über das Arabertum. Warum – so fragen sich die sehr realistischen Türken – sollten sie das kostspielige Kalifat noch aufrechterhalten? Schatten Gottes auf Erden war ein schön klingender Titel. Wie sich jedoch gezeigt hatte, fand der Schatten des Sultan-Kalifen bei den sogenannten gläubigen. Völkern nicht einmal mehr Waffengefolgschaft. Nach Abschaffung des Kalifats nahm die Entfremdung zwischen Türken: und Arabern immer mehr zu. Die letzteren blieben strenggläubige Anhänger Mohammeds; in der Türkei hingegen setzte sich der sogenannte Laizismus durch. Religion wurde zur Privatsache, ja es gab nicht einmal mehr, religiösen Schulunterricht.

Mustafa Kemal Atatürk, der Prophet des modernen Türkentums, hatte sein Volk offiziell dazu aufgefordert, sich nach innen zu wenden und allen arabischen Ländern den Rücken zu kehren. Innerhalb der mohammedanischen Welt war das Verhältnis der Türkei zum entfernteren indischen Islam ein wesentlich besseres. Ankara hat sich immer dankbar daran erinnert, daß Indiens Mohammedaner sich seinerzeit in London für Anerkennung der kemalistischen Republik erfolgreich einsetzten.

1937 wurden die Türken Partner des Sadabad-Paktes, dem im Mittleren Osten etwa dieselbe Bedeutung zukam wie der Balkan-Entente in Südosteuropa (Nichtangriff, Garantie der gegenseitigen, Grenzen usw.). Zu den Unterzeichnern dieses Vertrages gehörte jedoch nur ein einziger arabischer Staat: der Irak; die anderen drei waren Persien, Afghanistan und die Türkei. „Emanzipation der Völker des Ostens!“, diese Devise gehörte zu denkemalistischen Lehrsätzen. 1936 war die Frage der Unabhängigkeit Syriens und Libanons aus dem akademischen, in ein praktisches Stadium gelangt. Auch die Türkei nutzte damals Frankreichs, zunehmende Schwäche in Europa aus. Unter Druck erreichte sie; daß Hatay (Sandschak Alexandrette) – das zwar eine türkische Bevölkerungsmehrheit aufwies, aber für Syriens Handelsinteressen lebenswichtig war – am 28. November 1937 eine eigene Republik unter praktischer Vorherrschaft der Türken wurde. Allerdings hörte, die Existenz dieses künstlich geschaffenen Zwergstaates schon am 28. Juni 1939 auf. Auf Grund einer vertraglichen Vereinbarung mit Frankreich; die der Völkerbund bestätigte, wurde das umstrittene Gebiet der türkischen Republik, einverleibt. Syrien hat diesen „Dolchstoß“ noch vor der eigentlichen nationalen Geburt bis heute nicht verschmerzt.

Wie uns der bekannte Istanbuler Politiker Yalcin verriet, hat Hitler angeblich der Türkei für eine Allianz nicht nur den Kaukasus, vielmehr auch Ägypten, Syrien; Irak und Palästina versprachen. Diese Lockung machte jedoch nur geringen Eindruck, da Ankara die Aufrechterhaltung des national einheitlichen Staates einer Rückkehr zum früheren Konglomerat mit all seinen Gefahren vorzog. Bestimmte Kreise standen jedoch dem Gedanken einer Renaissance des Imperiums offenbar Weniger ablehnend gegenüber. Bei Aufdeckung der Geheimorganisation „Grauer Wolf“ stellte sich heraus, daß in ihren Zielen ein turkomanisches Reich unter Einschluß arabischer Staaten gehörte. Auch hohe Militärs waren Mitglieder dieses illegalen Bundes.

Man kann nicht behaupten, daß die türkische Regierung der Arabischen Liga von vornherein mit besonderem Wohlwollen gegenübergestanden hätte. Zu großer Einfluß des Arabertums im Mittleren Orient war ihr unerwünscht. Auch fürchtete sie reaktionäre Rückwirkungen auf die eigene Nation, in der die modernen Lehren noch nicht Zeit gehabt hatten, fest zu verwurzeln.