Zu dem in Nummer 8 der „Zeit“ erschienenen Leitartikel „Vor der eigenen Tür“ hat sich bereits das sozialdemokratische „Hamburger Echo“ mit heftigem Unmut geäußert. Während wir stets darauf verzichten,

uns mit persönlichen Anwürfen zu befassen, sind wir – gern bereit, einen ernst zu: nehmenden Parteipolitikerzu Wort kommen zu lassen und uns mit seinem Standpunkt auseinanderzusetzen.

Vor und hinter der Parteikulisse

Von Erich Klabunde, Vorsitzendem der Sozialdemokratisehen Bürgersschaftsfraktion, Hamburg

Mehr als 90 v. H. aller deutschen Wähler sind politisch nicht organisiert. Ihr parteipolitischer Einfluß beschränkt sich darauf, daß sie anläßlich einer-Wahl dieser oder jener Partei ihre Stimme geben. Zwischen den Wahlen sind sie mehr oder minder unpolitisch, jedenfalls sozusagen unparteipolitisch.Aber sie urteilen in dieser Zwischenzeit über politische Fragen, wenn; diese, sie gerade. Bewegen, und sie urteilen dabei auch über dieParteien als Elemente des politischen Lebens. Doch sie, kennen diese Parteien nicht von innen. Es gehört zu den Eigenheiten des politischen Lebens, daß ein solches Urteil volle Geltung beanspruchen kann, wenn auch solche Urteile nicht nur den Vorteil der Distanz genießen, sondern erheblich mit demRisiko der Unkenntnis belastet sind. Unter dieser Perspektive erscheint es. angebracht, Richard Türgels Ausführungen in der „Zeit“ zu betrachten („Vor der eigenen Tür – Parteigeist und Selbst-,besinnung“).

Wie würde sich seine Kritik gestalten, wenn er die Dinge nicht nur extra muros sähe, sondern auch den Standpunkt intra muros besäße, also als zeitgeschichtlicherBeobachter mit umfassenden Perspektiven sprechen könnte? Er würde wohl die Un-Vollständigkeit der Parteien feststellen, an die heute sämtliche Aufgaben herantreten, obwohl sie nur schrittweise die Kräfte dafür gewinnen und nur allmählich in sich die Klärungen schaffen, die die Bewältigung aller Aufgaben erfordert. Aberer würde auch, die Entwicklung der Parteien in sich sehen und insbesondere den Tag für Tag weitergeführten Prozeß der geistigen Klärung, die nur auf der Grundlage immer wieder erneuter Selbstkritik möglich ist. Er würde sich vor allem hüten, in den Fehler der Unpolitischen zu verfallen, die nicht die langsame Umsetzung der Idee in dieWirklichkeit suchen, Sondern in den Parteien die Ideale sofort verwirklicht sehenwollenund deswegenenttäuscht sind. Er würde dem Unpolitischenden Spiegel eines anderen Kulturgebietes vorhalten und beispielsweise auf den Urchristen verweisen, der wohl in das Reich Gottes kommen wollte, aber, doch wußte, daß er vorerst das Dasein, dieser Welt zu durchleben hätte. Er würde insbesondere die Ungeduld im politischen Denken der Unpolitischen kritisieren.