Der Entschluß Präsident Trumans, einen Kredit von nicht weniger als 250 Mill.Dollar zur Stabilisierung der wirtschaftlichen und der politischen Verhältnisse in Griechenland zu gewähren, hat nicht nur wegen der außerordentlichen Höhe dieser Summe, die schließlich an der griechischen Bevölkerungszahl von 6 Millionen gemessen werden muß, gewaltiges und berechtigtes Aufsehen erregt. Noch stärker hat sich die Weltöffentlichkeit dadurchbeeindrucken, lassen, daß auf diese Weise Amerika gewissermaßen mit voller Kraft aufeinem Schauplatz politisch wirksam wird, der bisher als eine britische Treuhänderschaft angesehen worden war. Außenminister Marshall hat dies mit der Feststellung unterstrichen, daß „Griechenland von erstrangiger Bedeutung für die Vereinigten Staaten“ sei. Es ist durch den ständigen aktiven Druck an seinerNordgrenze in den letztenMonaten mehr und mehr in den Brennpunkt der großen Politik geraten, Truman kam zu seinemEntschluß, nachdem die seit Januar in Griechenland weilende USA-Wirtschaftsdelegation ihn empfohlen und nachdem die griechische Regierung in einer Notean die USA die völlige Erschöpfung ihrer Existenzmittel festgestellt und „wirtschaftlicheHilfe und Beistand anderer Art“ erbeten hatte. Die Entscheidung Trumans bedarf noch der Billigung des Kongresses.

In Griechenland herrscht gegenwärtig nicht nur eine schwere Finanz- und Wirtschaftskrise. In weiten Teilen des Landes, besonders in den nördlichenProvinzen, ist durch die Tätigkeit großer Guerillabanden jedes normale Leben unmöglich geworden. Die Untersuchungskommission des Weltsicherheitsrats, die seit Januar an Ort und Stelle die Lage prüft und besonders die Ursachen der Zwischenfälle an der albanischen, jugoslawischen und bulgarischen Grenze festzustellen sucht, wird es schwerhaben, einen einheitlichen Bericht zu verfassen. Jedenfalls steht fest, daß die griechischen Wirren sowohl außenpolitische wie innerpolitische Ursachen und Anlässe haben.

In groben Umrissen lassen sich drei Arten von Anhängern dieser Banden unterscheiden. Einmal sind es linksgerichtete Männer, die in die Berge geflohen sind, um der Verhaftung zu entgehen, die aber möglicherweise an und für sich zur Mäßigung neigen. Eine zweite Gruppe besteht aus den Kommunisten, vondenen behauptet wird, daß sie imgroßen und ganzen Patrioten seien und sich nicht dazu hergäben, als fünfte Kolonne zu dienen. Das mag von der Masse gelten, allein alle diejenigen aber, die sich einmal als Aufrührer betätigt haben,sind für die Zukunft von ihrer Führung abhängig, und diese hat bisher wenig Anzeichen von Mäßigung erkennen lassen.Als dritte Gruppe ist eine sogenannte mazedonische Freiheitsbewegung festzustellen, die das Ziel verfolgt, das ganze griechischmazedonische Gebiet einschließlich Salonikis inihre Hand zu bekommen, das als ein autonomes Staatswesen; zunächst innerhalb des griechischen Staates, der erste Schritt zur Errichtung einer Balkanföderation unter jugoslawischer Führung sein würde.

Seit Kriegsende hat Großbritannien einschließlich der Beiträge zur UNRRA Griechenland Unterstützung in Höhe von 55 Mill. Pfund Sterling geleistet, und es scheint, daß die britische Regierung, nicht geneigtoder vielleicht auch nicht inder Lage ist, diesen Opfern weitere folgen zu lassen. Es ist sogar fraglich, ob England die Bitte der USA erfüllen wird, seine Truppen länger als vorgesehen in Griechenland zu belassen. Das mag für die Amerikaner nicht allzu überraschend sein, die schonseit Monaten Fachleute nach Griechenland geschicktund im übrigen die Frage des „Vakuums“ ständigin ihrer Presse erörtern, das überall entsteht, wo die Briten Positionen freigeben. Darauf hat der bekannte amerikanische Publizist. Walter Lippmann erst dieser Tage hingewiesen und erklärt, die Konsequenzen solcher Vorgänge seien unübersehbar, besonders in Anbetracht der Tatsache, daß die Auseinandersetzung über die Nachfolge in der Geschichte „bis jetzt niemals ohne Krieg beendigt werden konnte“; Lippmann leitet daraus die Folgerung ab, daß die USA England bei der Aufrechterhaltung seiner Positionen jede Hilfe gewährenmüsse. Andere amerikanische Stimmen treten dafür ein, daß die USA überalldort, wo ein solches „Vakuum“ entsteht, ihrerseitssofort auftreten müßten, um es auszufüllen. Möglicherweise waren es Erwägungen dieser Art, die den Entschluß des Präsidenten hervorriefen, Griechenland auf diese Weise – rasch und mit bemerkenswerter Großzügigkeit – zu Hilfe zu kommen.

Berichten der USA-Presse zufolge seien dieamerikanischen Repräsentanten in Griechenland derMeinung, daß Griechenland, wenn die USA nicht alles unternähmen, um das politische und wirtschaftliche Chaos zu beseitigen, mit mathematischer Sicherheit eine weitere sowjetische Marionette auf dem Balkan werden müßte, was die Balance in diesem Teil Europas schwer erschüttern würde. Wie weit die Besorgnisse gehen, zeigt sich in der in Amerika wiedergegebenen Äußerung eines französischen Diplomaten, wonach, falls Griechenland kommunistisch wird, Italienundschließlich auch Frankreich ohne Zweifel. folgen würden. Nach derselben Quelle seien die amerikanischen militärischenExperten der Auffassung, daß dieEinbeziehung Griechenlands in die Sowjetsphäre zu einer Flankierung der Türkei führen würde; Kreta würde wie ein Pfropfen aus der ägäischen Flasche herausgezogen werden, und die Sowjets würden auf gutem Wege sein, ihre Ambitionen im Mittleren Osten zu verwirklichen.

Es ist jetzt abzuwarten, wie sich der Kongreß zu Trumans Plan stellen wird. Vermutlich wird der Präsident innerhalb und außerhalb des Parlaments auf einigen Widerstand stoßen. Vor allem werden die Kommunisten, die zwar in den USA nicht zahlreich sind, aber über manche Beziehungen zurPresse verfügen, die Behauptung propagieren, daßhier ein neuer Versuch gemacht werde einen cordon sanitaireum die Sowjetunion zubilden. Die sonstigen linksgerichteten Elemente werden wahrscheinlich darauf hinweisen, daß mit diesem Kredit einem unbeliebten König und einem halbautoritären Regime Hilfe geleistet werde. Die Isolationisten, die immer noch ein Faktor in den USA sind, werden bezweifeln, ob die USA wirklich echte Interessen im Mittelmeer zu vertreten haben. Ein großer Teil der amerikanischen Öffentlichkeit sieht zwar mit Besorgnis und Mißtrauen auf die, Außenpolitik der Sowjetunion, betrachtet aber die Auseinandersetzungen auf dem Balkan nicht als unmittelbare Gefahr für die Interessen der USA.Die Regierung wird gerade diese Gruppe von der Richtigkeitihres Plans zu überzeugen haben.

Der Schritt Trumans wird nicht nur in Griechenland bedeutende Folgen, sondern auch in den anderen Balkanstaaten und in der Türkeibestimmte Auswirkungen moralischer Art haben. Die vielzitierte türkische Zeitung „Akscham“erklärte im Zusammenhang damit, daß die Vereinigten Staaten und Großbritannien sich endlich ihrer eigenen und auch der Interessen derjenigen Völker erinnern sollten, die sich für die politischen Prinzipien des Westens entschieden und eingesetzt hätten.

A. B.