Der rührige Oberbürgermeister von Leipzig, Dr. Zeigner, hatte sich im Januar selbst der Mühe unterzogen, bei dem Präses der Handelskauf mer Hamburg vorzusprechen und ihm zuzusagen, daß in diesem Jahre die Leipziger Messe eine wirkliche Verkaufsmesse sein werde. Nach den schlechten Erfahrungen des Vorjahres und dieser. oberbürgermeisterlichen Zusage fuhren die Hamburger Kaufleute mit besonders hochgespannten Erwartungen nach Leipzig.

Die umfangreiche Organisationsarbeit Hamburger Handelskammer erhielt allerdings schon vorher einen erheblichen Stoß, als statt der zugesagten drei nur zwei Sonderzüge von Hamburg nach Leipzig gefahren wurden, und die Hoffnungen der Hamburger Kaufmannschaft fielen schließlich sehr schnell auf den Gefrierpunkt, als sie nach 16stündiger Fahrt in Leipzig ankamen und viele Stunden bis zum Morgengrauen in eiskalter Märznacht auf dem Bahnhofsvorplatz warten mußten, um schließlich mit der ersten Straßenbahn in die Quartiere zu gelangen

Zur Eröffnung der diesjährigen Frühjahrsmesse hatte der Himmel dann aber sein wolkenloses, blaues und sonniges Vorfrühlingsgesicht aufgesetzt. als wollte für die Mühen dieser "Interzonenfahrt" entschädigen, Sonderzüge über Sonderzüge rollten aus der sowjetischen und aus den drei westlichen Zonen mit Ausstellern und Besichern nach Leipzig, das trotz der erheblichen Schäden einen tadellosen, sauberen Eindruck macht. Viele der Besucher hatten nun aber Stunden zu tun, um die vorgeschriebene Registrierung zu erledigen und anschließend endlich, die Lebensmittelkarten zu bekommen. Es herrschte auf-diesem Gebiet in Leipzig eine Überorganisation; eine Fülle von Papieren und Formularen war erforderlich. Erfreulich aber war die Höflichkeit der Beamten und besonders der Straßenbahner, sehr im Gegensatz zu manchen westlichen Städten.

Ein Rundgang durch die gegenüber dem Vorjahr erheblich erweiterte Messe gewährt einen Überraschenden Einblick in die Fülle der deutschen Produktion, die in allen Zonen anlaufen kann, wenn...

Dieses "Wenn" diktierte auch in diesem Jahr das Gesicht der Leipziger Messe. Ohne Zweifel ist die Leipziger Frühjahrsmesse auch in diesem Jahr wieder das Schaufenster Deutschlands, aber es hat lediglich eine neue, moderne und ansprechende Dekoration erhalten!

Die Fülle des Gebotenen ist überwältigend. Sie ist es auf dem Gebiet des Hausrats ebenso wie auf dem Gebiet von Glas. Porzellan, Uhren und Lederwaren in der Mustermesse, oder auf dem Gelände der technischen Messe, die Werkzeugmaschinen? Textilmaschinen, Photos Optik, Öfen, Buromaschinen, Fahrzeuge und Landmaschinen zeigte. Die Messestände führen beste deutsche Präzisions- und Wertarbeit vor, die die Anerkennung aller deutschen und ausländischen Besucher findet. Interessiert sieht man russische Offiziere und Soldaten, besonders in den Ständen des prachtvollen Meißner Porzellans, stehen und an anderen Ständen das Zusammenwirken der Teile? komplizierter Maschinen betrachten.

Wenn aber nun der Besucher, der an den hohen Bedarf der ausgebombten und geflüchteten Familien in Stadt und Lands aller Zonen denkt, einmal am Stand der Meißner Porzellanmanufaktur nach den Lieferungsmöglichkeiten für Gebrauchsware fragt, wird, ihm zur Antwort gegeben: "Leider haben wir für den privaten Bedarf keine Möglichkeiten; unsere Erzeugung geht seit langem ausschließlich auf. Rechnung der sowjetischen Militär-Administration (SMA)" und der thüringische Fabrikant mit dem hervorragenden Aluminiumgeschirr will seine Erzeugnisse sofort nach Hamburg und den übrigen Städten der Westzone liefern, wenn ihm das notwendige Aluminiumblech, über das er nicht verfügt, geliefert wird.