Von Werner Haftmann

Es scheint eine Eigenartiges modernen Menschen, daß er jeder Aussage die Härte einer Behauptung gibt. So beantwortet er – ex cathedra – Fragen, die die Zeit aufwirft, aus der Konstitution-seines eigenen Ich. Dabei ist es nicht so sehr der oft beklagte Mangel an einer echten, Lebensmitte, an einer echten allgemeinen Anschauung in der modernen Zivilisation, der zur Erklärung dieses Verhaltens ausreichen würde, vielmehr ist sich der moderne Mensch insgeheim vollkommen sicher darüber, daß in seiner eigenen Existenz alle Triebkräfte seiner Zeit selbst wirksam sind. Es scheint für ihn eine reine Frage intensiver Aufmerksamkeit, die er auf sich selbst richtet, und schön glaubt er, alle Geheimnisse seiner Zeit bewältigen zu können und – sofern er dies als lauterer Mensch unternimmt – auch aussprechen zu dürfen. Indem der moderne Denker sich auf die in ihm wirksame Gesinnung beruft, glaubt er, daß in ihm selbst alle Ströme der Zeit zusammenfließen.

Eine derartige Anschauung scheint ungeheuerlich- und höchst angreifbar. Aber schon Tolstoj und Dostojewskij waren ihr unterworfen. Walther Rathenau hat für diese Anschauung ein wundervolles Bild gefunden: "Es besteht eine Art prästabilierter Harmonie zwischen dem unbewußt gestaltenden Träumen der Zeit und der Einzelarbeit des Betrachters... Mechanisch betrachtet, verhalten wir uns bestenfalls "zu ihr wie, das Auge zur Hand dessen, der vom Blatte spielt: das Auge ist um einen Takt voraus, aber beide halten Schritt und folgen der Komposition eines Dritten", Und Ernst Barlach schrieb in einem Brief den Satz: "Alles im Leben geschieht unbewußt, wenn auch mit nachträglicher Erkenntnis der Folgerichtigkeit."

Ja, es scheint eine stillschweigende Voraussetzung des modernen Denkens zu sein, daß durch eine genaue Betrachtung der konstitutiven Elemente des eigenen Geistes etwas wie eine geschichtliche Aussage zum allgemeinen Leben und zur Kultur der Gegenwart erreicht wird. Wenn aber danach wahr sein soll, daß alles, was wir denken, in einem bestimmbaren Zusammenhang steht zu all dem, was heute gedacht wird, so müßte diese "stillschweigende Voraussetzung" sich ebenfalls in einer sozusagen wissenschaftlichen Methodik wiederfinden lassen. Und – dem ist. in der Tat so.

Sowohl in der Philosophie wie in der Geschichte, in der Theologie wie, in der Kulturphilosophie hat sich heute eine Methode entwickelt, die die Möglichkeit voraussetzt, die denkende Person mit ihrem Objekt identifizieren zu können. Diese Methode ist vorläufig noch namenlos; lediglich die Kunstgeschichte, deren Quellen am unmittelbarsten und direkt erlebt werden können, hat innerhalb ihrer Disziplin dafür eine Bezeichnung gefunden: die "Strukturforschung", der methodische Ausgangspunkt der neuen Wiener Schule, die vor allem in dem Wiener Ordinarius für Kunstgeschichte, Hans Sedlmayr, ihren wegweisenden Vertreter gefunden hat. Im Grunde aber liegt die gleiche Methode allem weitwirkenden Denken von heute zugrunde. Sie hat in der Theologie bei Karl Barth, in der Philosophie bei Heidegger ihre – Vertreter. Sie besteht cum grano salis in der Behauptung, daß das historische oder erkenntnistreue Bild nicht etwa durch die historische oder andersartig gegenständliche Quelle, sondern am besten durch ein geistiges Gleichwerden mit dem zu Behandelnden. Gegenstand richtig gezeichnet werden könne. So behauptet Sedlmayr in seinem Buch über den römischen Barockarchitekten Borromini, daß es ihm durch seine sich mit seinem Gegenstand identifizierende Betrachtungsweise nicht nur gelungen sei, die künstlerische und geistige Welt seines Helden in geistig-objektiver Wirkliche keit zur Darstellung zu bringen und daß er auf Grund dieses Wissens nicht nur Echtes vom Falschen eindeutig und kritisch exakt habe’scheiden können, sondern daß er selbst zeichnend Architekt turpläne weiterentwickelt habe, die er später in neu aufgefundenen Architekturzeichnungen Borrominis bestätigt gefunden habe.

Karl Barth setzt in seinem Kommentar zum Römerbrief eine ähnliche Methode auf theologischem Gebiet geradezu voraus, da er glaubt/und bekennt, daß seine Auslegung des Roemerbriefes nicht nur den Geist des Heiligen Paulus träfe, sondern ihn nahezu fortsetze, so daß diese seine Paulus-Erkenntnis geradezu ein Paulus-Sein bedeute. Dieser ungeheuerlichen Behauptung, die im neuen – Protestantismus durchaus beheimatet ist, kommt als theologische Grundvoraussetzung der Glaube an die ständige Wirksamkeit der Offenbarung zu Hilfe, die dem "strengen Christentum" heute ganz geläufig ist. So schreibt ein gewiß im tätigen Getriebe der Zeit stehender Mensch wie Max Huber, der Zürcher Professor fürVölkerrecht und frühere. Präsident des Haager Schiedsgerichtshofes: "Es gehört zur Gewißheit des Glaubens, daß die Offenbarung alle? dem Menschen sagt, was nach Gottes Ratschluß diesem notwendig ist, und daß aus der Gesamtheit der ihm so gegebenen Einsichten der Gläubige, durch den Heiligen Geist gefährt, Antwort auf jede Frage findet, die irgendeine Lage und irgendeine-Zeit ihm stellt.

Auch eine Betrachtung der Denkvoraussetzungen Heideggers führt zu ähnlichen Resultaten. Der Ursprung der Heideggerschen (existentiellen) Philosophie kann, nämlich als gar nichts anderes als ein intensives Hören auf sich selbst, bezeichnet werfen, auf die in ihm von ihm gemachte Grunderfahrung, daß Sich das Sein beweist durch die Angst vor dem Nichts. Trotz ihrer historischen Ableitbarkeit vom Denken Kierkegaards ist Heideggers Philosophie so sehr "Erfahrungsphilosophie" und setzt auch beim Leser so Sehr die gleiche Grunderfahrung voraus, daß sie Menschen, die diese Grunderfahrung nicht an sich selbst gemacht haben, gar nicht verständlich sein kann, weil sie sonst notwendigerweise unklar ist. In Heideggers Philosophie belauscht das eigene denkende Ich das eigene seiende Ich. Die Methode ist uns bekannt; sie beruht auf der Identifizierung des eigenen denkenden Ich mit dem eigenen seienden Ich.