An die Adresse der Vereinigten Staaten sind dievielen Kommentare gerichtet, die ab Begleitmusik zum britischen Weißbuch wirtschaftspolitisch interessanter sind als das Weißbuch selber, Dieses gibt vorwiegend eine nüchterne, akademische Analyse der wirtschaftlichen Lage und der wirtschaftlichen Kräfte Großbritanniens für 1947, verheimlicht dabei aber durchaus nicht den Ernst der Situation. So werden Zweifel geäußert, ob he wirtschaftlichen Grundlagen Großbritanniens wiederhergestellt werden gönnen. In den Kommentaren aber wird offen eine an den Lebensnerv des Landes gehende Krise, als Folge der Unterproduktion und Mangelwirtschaft, als unvermeidlich dargestellt, falls die andere Welt ihre Wirtschaftspolitik nicht ändert. Geringfügige Ereignisse, wie einst der Zusammenbruch der Kreditanstalt könnte diese Krise täglich auslösen. –

Die britischen Sorgen mögen. manchem von uns bei unserm Leben, ohne Kohle, ohne Wärme, ohne Licht und bei unzureichender Ernährung und Kleidung als Bagatellen erscheinen, das heutige Leben in London mag uns, trotz zeitweiliger Abschaltung des Stroms, noch paradiesisch vorkommen – aber über diese Gegenwartsaspekte hinaus beibt für eine Politik auf lange Sicht die Frage, ob Großbritannien über seine Verhältnisse lebt, ob es nicht eines Tages gegenüber dem Ausland seine Zahlungsunfähigkeit eingestehen muß. Das Weißbuch findet diese Lage für die trockene Formulierung, daß die Großbritannien zur Verfügung stehenden Produktionsmöglichkeiten um wenigstens 25 v. H. unter den Anforderungen bleiben,

Großbritannien muß volkswirtschaftlich den Krieg liquidieren, das heißt: bezahlen. Du finanzwirtschaftliche Seite besagt dabei wenig im: Vergleich zur volkswirtschaftlichen. Die Lage der Finanzen ist sogar günstig, denn der für den ersten Nachkriegshaushalt bei Ausgaben von 3887 Mill. Pfund erwartete Fehlbetrag von 725 Mill. wird wahrscheinlich auf 200 Mill ermäßigt werden können. Erhebliches Kopfzerbrechen bereiten dagegen der britischen Regierung die Fragen, wie die volkswirtschaftlichen Verluste des Krieges gedeckt und die Ausfälle an Produktion wieder aufgeholt werden können. Diese volkswirtschaftliche Bilanz ist bitter. Sie ist im Weißbuch nicht aufgestellt worden, denn das Weißbuch behandelt mir die Verhältnisse des Jahres 1947. Drei Punkte erscheinen uns vor allem wichtig. Erstens muß Großbritannien heute feststellen, daß viele Werte dahin sind. Es sind weniger die zerstörten Häuser, sondern vor allem die Auslandsanlagen, dieSchiffe und die City. Diese drei Aktiva bedeuteten einst hohe Einkommen für England als Mittelpunkt des Welthandels. Die Netto-, zinseinnahmen – Großbritanniens werden für den Durchschnitt der Jahre 1936/38 mit 203 Mill. Pfund angegeben, die der Schiffahrt mit 105 Mill. Pfund und andere ähnliche Einnahmen, wie, solche der City mit 37 Mill. Bei diesem Gesamtbetrag von 345 Mill. war ein Einfuhrüberschuß von 388 Mill. kein schwerwiegendes Problem, aber immerhin verblieb damals schon ein Defizit von 43 Mill. während bis zum ersten Weltkrieg die britische Zahlungsbilanz jährlich mit einem Plus von 200 Mill. Pfund abschloß und bis zur Krise des Jahres 1929 mit einem solchen von 100 Mill. Pfund. Für 1946 wird nun ein Defizit von 450 Mill. Pfund errechnet, und für 1947 ein solches von 350 Mill. angenommen. Das ist eine bedenkliche Entwicklung. Diese Zahlen können nur geschätzt, werden, denn es besteht noch keine, genaue Übersicht, was an Auslandsanlagen geblieben ist und was diese, netto erbringen. "Für die Schiffahrt ist, vorsichtshalber kein Posten eingesetzt. An Stelle der einstigen Einnahmen von 345 Mill. Pfund verbleiben (für 1946) 50 Mill. und werden für 1947 etwa 75 Mill. Pfund angenommen. Großbritannien kann sich also nicht mehr eine zusätzliche Einfuhr von 345 Mill. Pfund leisten, sondern 1947 nur noch 75 Mill. Pfund. Anderseits sind die Ausgaben der Regierung im Ausland infolge der politischen und militärischen Verpflichtungen von 13 Mill. vor dem Kriege auf 300 Mill. Pfund 1946 gestiegen. Sie sollen in diesem Jahr auf 175 Mill. Pfand ermäßigt werden. Mit Recht klagte Außenminister Bevin kürzlich, daß für Großbritannien unerfüllbare Unterstüzungsund Zuschußforderungen aus allen Teilen der Welt eingingen. – Großbritannien kann nicht mehr einen wesentlichen" Teil seines hohen Lebensstandards aus. den früher gemachten Ersparnissen decken, denn diese Ersparnisse sind weitgehend dem Kriege zum Opfer gefallen. Zweitens mußte Großbritannien sogar während des Krieges Schulden aufnehmen. Der Gesamtbetrag dieser neuen Schulden wird mit 3500 Millionen Pfund angegeben, also mit 70 Milliarden RM alter Parität. An der Spitze dieser neuen Gläubiger stehen Indien mit 1217, Ägypten mit 470, Irland mit 191, Australien mit 178, Argentinien mit 131, Palästina mit 116 und Irak mit 100 Millionen Pfund. Diese Länder, die einst Schuldner Großbritanniens waren, sind heute als Gläubiger sehr hart. Sie lassen sich nichts abhandeln, obgleich Großbritannien das Argument anführen kann, daß es diese Schulden nur einging, um im Interesse auch der jetzigen Gläubiger den Krieg zu führen und um diese Länder gegen mögliche Angriffe, zu verteidigen. So wurden Truppen in Indien, Ägypten, Australien, Irak und Palästina stationiert. Um die Schulden, an Argentinien zurückzuzahlen, hat Großbritannien seinen Besitz an argentinischen Eisenbahnen angeboten.

Drittens müssen im Lande selbst die vielen Investitionen und Reparaturen nachgeholt werden, die während des Krieges im Hinblick auf dringlichere Aufgaben unterblieben sind. Es sind dies Wohnhäuser, Fabriken und Eisenbahnen: Neue Krisen, wie etwa eine schwere Transportkrise, werden befürchtet,-weil Großbritannien hoch nicht in der Lage war, diese Lücken aufzufüllen.

Aus dieser Analyse ergeben sich zwei entscheidende Schlußfolgerungen: mehr exportieren und – weniger für den persönlichen Bedarf verbrauchen. Die Ausfuhr soll bis Ende dieses Jahres auf 140 v. H. des Umfanges von 1938 gebracht! werden, das heißt für die Hauptträger der Ausfuhroffensive auf 165 v. H., weil unter den einstigen wichtigen Exportgütern Kohle völlig ausfällt, und für Baumwollwaren und Stahl keine Steigerung möglich ist Von der Eisenerzeugung an Fertigwaren muß Großbritannien für lange Zeit 25. v. H. für die Ausfuhr bereitstellen, wenn dieses Ziel und, für die kommenden Jahre eine weitere Steigerung auf insgesamt 175 v. H. erreicht werden soll. Die Einfuhr kann anderseits 1947 nur auf 80 bis 85 v. H. der Menge des Jahres von 1938 gebracht werden. Der Einfuhrwert dieses Jahres wird im Weißbuch auf 1450 Mill. Pfund geschätzt, wovon 725 Mill. auf agrarische Produkte entfallen, 525 Mill. auf Rohstoffe, 60 Mill. auf Ausrüstungsgegenstände, 55 Mill. auf Erdöl 50 Mill. auf Tabak und 35 Mill. auf Verbrauchsgüter. Ob sich Großbritannien noch 55 Mill. Pfund für Benzin und 50 Mill. für Tabak erlauben kann, wird zur Zeit-besonders lebhaft diskutiert.

Die Forderung: "Mehr investieren und weniger verbrauchen" hat im Weißbuch – den Niederschlag gefunden, daß für den persönlichen Verbrauch der Engländer in diesem Jahr nur 66.5 v H. des Volkseinkommens vorgesehen sind, gegen 78 v. H. vor dem Krieg, für Investierungen und Instandhaltung dagegen 20 v. H. des Volkseinkommens gegen 16,5 v. H. Die Investierungen sollen mindestens 15 v. H. über denen eines normalen Vorkriegsjahres liegen. In den Verbrauchsgüterindustrien waren entsprechend dieser Politik Ende vorigen Jahres nur 8 Mill. Menschen beschäftigt gegen knapp Mill. vor dem Kriege, während für Investierungen 3,6 gegen 3 Mill. eingesetzt waren.

Kann Großbritannien von sich aus diese Forderung nach Mehrexport und Mehrinvestierungen erfüllen? Eine entsprechende Politik ist wirtschaftlich gesehen durchaus möglich, wenn Großbritannien die dabei unvermeidliche Senkung des Lebensstandards, also die Fortdauernder heutigen Mangelwirtschaft, für noch mindestens zehn Jahre hinnimmt. Aber politisch ist dieser Weg kaum zu beschreiten. Bitter rächt sich heute, daß Großbritannien wie auch andere Nationen während des Krieges aus psychologischen Gründen gut verdienen ließ. Die Reallöhne sind höher als vor dem Kriege: Das Maß läßt sich immer schwer berechnen, es liegt zwischen 10 und 30 v. H. Um die Lebenshaltungskosten niedrig zu halten, zahlt der Staat jährlich 400 Mill. Pfund Subventionen. Das sind erhebliche Liebesgaben, die nicht von heute auf morgen ausradiert werden können. Außerdem steht die öffentliche Meinung unter dem Banne der Forderungen des humanitären Sozialismus. Erhöhung des Lebensstandards, mehr Freizeit, Fünftagewoche, bezahlter Urlaub, Schutz gegen soziale Gefahren, wie im Rahmen des Beveridgeplans, Schutz der persönlichen Freiheit – das sind die Parolen, während die Wirklichkeit im Zeichen der Mangelwirtschaft Steht. Die zu exportierenden und neu zu investierenden Werte können also kaum durch eine Senkung des Lebensstandards herausgepreßt werden.