Selbst die Dämmerung weht hier durchs Land wie eine Krankheit, dachte Spillmann, als er vor dem zertrümmerten Portal des Bahnhofs stand, auf dem er eben angekommen war. Er zögerte, in die Stadt hineinzugehen, in seine Geburtsstadt. Dies soll die Heimat sein! überlegte er. Nichts ist zu erkennen, gar nichts. Wenn ich nicht wüßte, daß ich hier einst zu Hause war, würde ich es selbst nicht glauben!

Spillmann war verwirrt Er war "zu Hause", aber er wußte nicht, wohin er seine Schritte lenken sollte. Er kam sich vor wie ausgespien in eine unheimliche Fremde. Und nun – vor dem Bahnhof hin- und hergehend – begriff er nicht, warum er sich die lange Zeit so darauf gefreut hatte, hierher zurückzukommen. Nun war es soweit, und er war ratlos. Hatte er nicht gewußt, daß die Eltern schon vor Jahren, als er fort war, starben und daß die Stadt vom Kriege hart mitgenommen wurde? Gewiß, erfahren hatte er es, und sein Gehirn hatte es registriert, wie so ein Gehirn alle möglichen Tatsachen registriert. Aber gewußt hatte er es nicht. Das Wissen befiel ihn erst jetzt, da er die Trümmer sah Und der Ratlosigkeit verfiel. "Wissen tut man die Dinge erst, wenn man ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht!" sagte er laut vor sich hin.

Spillmann wanderte hinein in die Dämmerung wie in ein fremdes, nie betretenes Land. Er suchte die Straßen, auf denen er als Kind gespielt. hatte. Er fand sie nicht. Ganze Stadtviertel waren ein Trümmerfeld. Aber einen Baum fand er inmitten verfallener Häuser. Spillmann grüßte ihn als den einzigen. Überlebenden inmitten der Zerstörung. Dieser Baum, der sich nicht einen Zentimeter fortbewegen konnte, blieb als einziges Lebendiges übrig! Die Menschen aber sind hin und her gelaufen und haben emsig Dinge hin und her geschleppt, wie aufgescheuchte Ameisen ihre Puppenhin und her schleppen – und nichts blieb! Der Baum aber, der Verharrende, überdauerte. Spillmann stand mit diesen Gedanken unter dem Baum und blickte aufwärts. In den Zweigen wohnten die ersten Sterne. Und es schien Spillmann nichts Sinnloseres zu geben auf der Welt als das Hin- und Hergelaufe.

Er überlegte, weiter, daß irgendwo in dieser Stadt noch Leute leben mußten, die ihn kannten! Vielleicht würde einer ihn aufnehmen. Aber wo mochten sie hausen inmitten dieser veränderten Örtlichkeiten? Es mußte Tag werden, bis er sie, aufspüren würde. Den neuen Tag mußte er abwarten.

Urd so erschienen in seinem Denken die Begriffe "Warten" und "Wartesaal". Es war dies der Ort, von dem man ausging und an den man zurückkehrte, wenn man keine Unterkunft hatte. Es war dies die nüchterne Geographie der Vernunft, gleichsam eine verbogene Vision vom Hort des Lebens. Dorthin trottete er zurück.

Spillmanns Visionen von den Wartesälen der Well entbehrten – wie es die Eigenschaft von Visionen zu sein pflegt, mit denen, man häufiger umzugehen beliebt,– nicht eines gewissen Prunks; dort war es wann, dort, hatte man einen Platz für sich, wenn man es ein bißchen klug einzurichten vermochte, sogar einen mit dem Rücken an der Wand.

Der Wartesaal, den Spillmann vorfand, entsprach dieser Vorstellung keineswegs. Er war zugig und kalt, denn die Fensterhöhlen waren mit Brettern notdürftig vernagelt. Außerdem war er überfüllt. Spillnann stand an der Tür des Wartesaals genau so ratlos, wie er vorher vor dem Bahnhofsportal gestanden hatte. Schließlich fand er einen Platz nahe an der Theke. Während er sich setzte, befühlten die Nachbarn ihre Rucksäcke und ihre in Bündel verschnürte Habe, ab wollten sie sich vergewissern, ob noch alles vorhanden sei. Alle musterten ihn feindlich.