Von Walter Henkels

Zu Koblenz auf der Brücken / Da lag ein tiefer-Schnee / Der Schnee, der ist verschmolzen / Das Wasser fließt in See," so singt es, wenn wir uns erinnern wollen, treu und redlich in "Des Knaben Wunderhorn". Wir brauchen das Jahr neunzehnhundertsiebenundvierzig gar nicht zu verlassen und nicht auf dem Strom der Zeit zurückzurudern. Der Schnee dieses barbarischen Winters ist auch jetzt wieder verschmolzen; nur ein paar verharschte Schneereste halten in den Falten der Berge das Terrain hartnäckig besetzt. Die Eisversetzungen an der Loreley und auf der Mosel haben sich gelöst und sind talab getrieben. Das Wasser fließt nach wie vor in See; wie sollte es. auch anders. Diesbezüglich, hat sich nichts geändert, so manches sich auch seit "Des Knaben Wundern horn" geändert hat. Das Wasser ist geblieben und, fließt mit der in jedem Frühjahr üblichen Gewalt unter der, wie wir lesen "Pout sur le Rhin" dahin.

Nun stehen wir wieder auf der Koblenzer Brücke im März neunzehnhundertsie benund vierzig, und es ist diesmal die Behelfsbrücke und heißt die Pfaffendorfer Brücke, obwohl die Pfaffendorfer Brücke nebenan zertrümmert im Strom liegt. Im biblischen Alter von achtzig Jahren starb sie den üblichen Brückentod des Frühjahrs 1945.1865 wurde sie erbaut. Nur ein einsamer Mann mit einem fauchenden Sauerstoffgebläse erinnert daran, daß es nicht nur die Zeit ist, wie es bei Ovid heißt, welche die Dinge zernagt.

Wir stehen mitten auf der Brücke. Verkehr wogt, pulst oder brandet, wie man will. Holzgas-Generatoren; französische Militärfahrzeuge, zwei Pferdefuhrwerke mit klapperdürren Gäulen und viele, viele Menschen, die einen Vergleich mit den traurigen Rössern und Holzfasern wohl aushalten, bereit wahrscheinlich wie sie, in denStelen zu sterben. Zwei französische Gendarmen fragen denFremden nach dem "Papier", denn wer von den vielen Menschen bleibt schon mitten auf. der Brücke stehen, um das Bild, das Panorama oder den Anblick, wie man es auch nennen mag, ins Auge zufassen?

Drüben liegt, von der letzten Winter- oder ersten Vorfrühlingssonne verkleidet! der Ehrenbreitstein, Feste, Bollwerk oder, wie es einmal einer mit einem pompösen Superlativ ausdrückte, das Gibraltar des Rheinlandes trutzig natürlich, wie die einst gebräuchliche Formel lautete. Die Trikolore weht jetzt dort oben, weithin sichtbar. Ebenfalls trutzig.

Unterhalb liegt die ehemalige Schiffbrücke, die restlichen Pontons ausgefahren, ein fast prähistorisches Überbleibsel, von Karl Baedeker mit Sternchen yersehen, vom Verkehrsverein einst als Attraktion gepriesen, von allen Rheinreisenden als Unikum betrachtet, von Museumsleuten unterDenkmalschutz gewünscht von den Rheinschiffern als ein lästiges Hindernis betrachtet, von einem Pionierleutnant und zehnMann März 1945 – als letzte Möglichkeit angesehen, den Krieg womöglich doch noch zu gewinnen. Vermittels einigerSprengladungen.

Der Talkessel, ein großer Trog, dem Mosel und Lahnein paar freundliche Akzente beigeben, könnte die-Basis bilden für manche geistreiche Betrachtung. Dieser Erdenfleck, von dem Goethe meinte, er sei vielleicht das schönste Naturbild, das ihmvor dieAugen gekommen sei, könnte nicht nur Anlaß zu einer poetischen, sondern weit eher zu einer politischen Betrachtung; sein. Denn "der Rhein ist Teutschlands Strom? aber nicht Teutschlands Gränze", wie man noch auf einem Denkmal lesen kann. Wer auf der Pfaffendorfer Brücke steht, kann es noch ohne große Phantasie sehen: Die politische Demonstration und Repräsentation war hier besonders eindrucksvoll und deutlich. Hier liegt das wilhelminische Zeitalter der bürgerlichen Jahrzehnte, dasdie nationalen Gefühlswerte mit ungedämpftem Trommelklang proklamierte, zertrümmert, angerostet und abgewrackt.