Es gehört zu den besten Traditionen der Studenten in allen Ländern der Welt, neuen gütigen und politischen Ideen in besonderem Maße aufgeschlossen zu sein. Auch Sie deutsche Studentenschaft besitzt, jedenfalls bis um dieJahre der Revolution von 1848, eine Geschichte, die ihr eine besondere Aufgabe und Bedeutung, im Rahmen der nationalen Entwicklung zukommen läßt. Seit der Gründerzeit, vor allem aber seit dem Beginn des wilhelminischen Reiches, war sie im wesentlichen ein konservativer Faktor geworden. Erst in den letzten; Jahren des vergangenen Regimes schien sich an den deutschen Universitäten so etwas wie die Erneuerung des alten Geistes, wie er in den Zeiten der Metternichschen Reaktion einmal lebendig gewesen war, wieder zu regen. Es ist daher wichtig, sich heute, angesichts der sozialen Bedeutung der Studentenschaft, die Frage vorzulegen, wieihre geistige Stellung augenblicklichzuumreißen ist.

Der Typus, der zur Zeit an den deutschen Universitäten herrscht, steht allen politischen und geistigenEreignissen der Zeit wesentlich indifferent gegenüber, wenn er nicht, wie in vielen Fällen, sogar noch in der Anschauungswelt von gestern verharrt. Der reine "Arbeitsstudent" ist nicht nur in Deutschland durch die verlorenen Kriegsjahre zu einer solchen Bedeutung gekommen. Berichte aus Oxford oder aus Cambridge deuten auf ähnliche Verhältnisse hin. Im Gegensatz etwa zu 1919 werden nur selten Probleme leidenschaftlich diskuriert, die keine direkt erkennbare materielle Beziehung zur künftigen Lebensstellung haben. Die Studentenschaft spiegelt also die geistige Gesamtsituation unseres Volkes. wider, obwohl es gerade Site Aufgabe wäre, darüber hinauszuwachsen. Dasselbe gilt auch für die Einstellung zum Politischen. Politische Gruppen sind an den Universitäten nur in geringer Zahl vertreten, so daß man fast sagenmöchte, die politischen, Wie auch die eigentlich geistigen Leidenschaften seien nur auf Einzelpersonen oder sektenhafte Gebilde, beschränkt.

Daher ist es auch verständlich, daß es, mit Ausnahme dieser kleinen Gruppen, kein eigentlichesstudentisches Gemeinschaftsleben gibt. Man soll und man darf derartige Tatsachen nicht nur aus dem Vorhandensein der materiellen Fakten erklären;die Geschichte der russischen Studenten etwa vor 1917 beweist, daß es allein darauf nicht ankommt. Alle diese Gegebenheiten deuten auf das große Vakuumhin das heute in Deutschlandbesteht

Der Student verkörpert auch heute noch weitgehend das deutsche Bürgertum, das, obgleich esals soziales Gefüge kaum noch besteht, in bestimmten typischen, Denkformen verankert ist. Es ist ein Vorurteil, heute noch anzunehmen, daß essich bei den Studenten um die Söhne reicher Eltern, handelt. Die Masse der Studentenschaft befindet sich in einem bitteren Kampf um die nackte Existenz, und die Umstände, unter denen viele ihr Studium weiterführen müssen, sind kaum tragbar. Eine Analyse der soziologischen Struktur, zeigt, daß sich Arbeitersöhne nur in ganz verschwindendem Ausmaß an den Universitäten befinden. – Man ist sich der Notwendigkeit eines sozialen Strukturwandels keineswegs überall bewußt.

Die geistige Situation an den deutschen Universitäten mit ihrer tiefgehenden Indifferenz gegenüber den Aufgaben, die uns heute gestellt sind – einer Indifferenz, die keineswegs durch eine neue Weitung des rein geistigen Interessenbereichs kompensiert wird –, stimmt außerordentlich bedenklich. Bei einem kurzen Blick auf die Geschite der deutschen Demokratie aber wird es bereits klar; daß hier eines der entscheidenden Probleme unseres staatlichen Lebens zu suchen ist.

Die Weimarer Demokratie scheiterte nicht nur an dem Mangel einer historisch gewachsenen demokratischen Grundlage im deutschen Volk selbst; ihr fehlte es vor allem, nachdem die alten bestimmenden Klassen scheinbar zusammengebrochen waren, an einer hochqualifizierten Führungsschicht, die sie. abgelöst und den schwierigen Prozeß eines langsamen Übergangs zu neuen politischen Formen hätte vornehmen können. Das deutsche Bürgertum besaß in seinerMehrheitnicht den Willen dazu. Die Bedeutung also, die das Studententum von heute bereits morgen in unserem Volk haben wird, ist gar nicht zu unterschätzen und ist eng mit der Frage verknüpft, ob es uns überhaupt gelingen wird, ein stabiles und gesundes Staatswesen aufzubauen. Deswegen hängt sehr viel davon ab, welche Richtung die Entwicklung an den deutschen Hochschulen nehmen wird, und man sollte das Problem unserer Universitäten nicht nur vom finanztechnischen Standpunkt her betrübten. Eine großzügige Begabtenauslese aus allen Schichten der Bevölkerung, verbunden mit grundlegenden Studienerleichterungen, ist die eine Voraussetzung für eine Änderung der augenblicklichen studentischen Denkstruktur. Die andere liegt in der Erkenntnis, daß die Universität nicht nur eine quantitative Funktion der Wissensvermittlung hat, sondern daß ihr. vor allem auch eine erzieherische Aufgabe gestellt ist. Außer einer sorgfältigen Pflege des Dozentennachwuchses ist dafür ein fest in sich gefügtes studentisches Gemeinschaftsleben notwendig, daß nun aber nicht wie früher abseits von der Gesamtheit, sondern in enger Verbindung zu ihr sich entwickeln muß. Die englischen Universitäten haben auf dieser Grundlage den jungen Menschen seit Jahrhunderten zum selbstverantwortlichen Staatsbürger im breitesten Sinne erzogen, auch wenn er sich noch nicht gleich für eine bestimmte politische Gruppe zu entscheiden vermochte. Wir sollten erkennen, daß hier, angesichts der späteren sozialen Stellung der Studenten, eine der entscheidenden Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie gegeben ist. Heinz-Joachim Heydorn