Der polnische Vertreter auf der Londoner Konferenz, Wierglowski, erklärte am 27. Januar, daß bis zum 1. November 1947 die deutschen Ostprovinzen mit 4 298 000 Polen besiedelt sein würden. Das Büro für Kriegsverluste beim Ministerrat in Warschau gab am 1. Februar 1947 bekannt, daß polnischen Kriegsverluste an Menschenleben 6 023 000 betrügen, wovon allerdings nur 644 000 unmittelbar durch Kriegsereignisse hervorgerufen worden seien. Die anderen seien dem Naziterror zum Opfer gefallen. Für ein Volk von der Größe des polnischen sind dies erstaunliche Zahlen, aber sie sindvon höchsten amtlichen polnischen Stellen bekanntgegeben worden, so daß ihre Richtigkeit nicht anzuzweifeln ist.

Die Wohnbevölkerung des früheren polnischen Staates betrug diesseits der neuen polnischen Ostgrenze ander Curzon-Linie (Bug-San) 1939 (ausschließlich Danzig) 23,02 Millionen Einwohner (Statistisches Hauntamt.Warschau). Diese Zahl erhöht sich um den Teil der polnischen Bevölkerung, der von den Russen jenseits des Bug und San aus jenen Gebieten vertrieben wurde, die sich Polen 1921entgegen den Bestimmungen des VersaillerVertragesangeeignet hatte. In diesen an Rußland zurückgegebenen Gebieten bekannten sich von den 11,7 Millionen Einwohnern nur 3,25 Millionen zur römisch-katholischen Religion, die in diesen Gegenden das einzig stichhaltige Kriterium für die polnisch Nationalität darstellt. Man darf jedoch annehmen, daß genauso wie diekatholischen Litauer in ihrer Heimat gelassen wurden, auch ein großer Teil der polnischen Kleinbauern und Landarbeiter von den Russen nicht vertrieben worden ist, so daß der Menschenzuwachs, den Polen aus dem Osten erfahren hat, zwei Millionen kaum überschreiten dürfte.

Dagegen hat Polen erhebliche weitere Menschenmassen eingebüßt. Nach wiederholten polnischen Regierungserklärungen sind oder sollen alle Deutschen evakuiert werden. Hiervon wurden in Westpreußen, Posen, Ostoberschlesien und Kongreßpolen 950 000Deutsche betroffen. 150 000 Polen sollen sich in Danzig, das bisher 410 000 Einwohner zählte, niedergelassen haben, Die Zahl der Juden, die nach Kriegsende aus Polen emigriert oder evakuiert sind, ist nicht bekannt, doch hat die Militärregierung sich zur Aufnahme von allein 100 000 Juden in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands im Vorjahre bereit erklärt.Andere Juden sind auf verschiedenen Wegen nach Cypern und Palästina gelangt,

Einen weiteren Ausfall stellen die verschleppten Polen dar, die sich weigern in ihre Heimat zurückzukehren, und deren Zahl nach Bekanntmachungender UNNRA auf etwa 700 000 zu beziffern ist. Nimmt man dann noch die Armee des Generals Anders hinzu, so ergibt sich, daß alle diese Einbußen an Menschen den Menschenzuwachs aus dem Osten wahrscheinlich nicht unerheblich überschreiten. Der natürliche Bevölkerungszuwachs in den letzten sieben Jahren kann den der Friedenszeit nicht erreicht haben. Berücksichtigt man, daß der Geburtenüberschuß in den von Russen bewohnten Gebieten erheblich höher (2.1 v. H.) war als der polnische Gesamtdurchschnitt (1,21 v. H.), so wird der natürliche Bevölkerungszuwachs seit 1939 wohl mit rund 3,5 v. H. oder 810 000 Menschen angesetzt werden können. Nach Abzug der von den Polen angegebenen 6 023 000 Kriegsverluste beträgt demnach die heutige Bevölkerung des neuen Polen 17,81 Millionen Einwohner. Bei diesem enormen Verlust an Menschen kann auch nicht damit gerechnet werden, daß der Geburtenüberschuß in den nächsten 15 Jahren die Höhe der Vorkriegsjahre erreichen wird.

Von dieser Gesamtbevölkerung von 17,81 Millionen Menschen, haben nun nach polnischen Angaben 4,30 Millionen ihre Heimat verlassen, um sich in den deutschen Ostprovinzen niederzulassen, so daß nur 13,5 Millionen im bisherigen Polen verblieben. Weitere Millionen würden folgen müssen, um den Raum auszufüllen, den bisher 8,9 Millionen Deutsche bewohnten. Dies um so mehr, als die polnische Regierung erklärt hat, das Land in kleine Bauernstellen aufteilen zu wollen. Demnach können höchstens 10 Millionen im Raum des bisherigen Polens verbleiben, das im Jahre 1939 rund 23 Millionen Menschen beherbergte. Eine ungewöhnliche Menschenleere muß die Folge sein, denn die polnischen Städte und Dörfer sind mit Ausnahme von Warschau nicht annähernd so zerstört wie die deutschen und waren nicht den verheerenden Bombenangriffen der Westmächte ausgesetzt.

Weite Landstriche werden wegen Menschenmangels unbestellt liegenbleiben müssen – im übervölkerten Europa eine groteske Situation. In Deutschland dagegen sollen 71Millionen Menschen (einschließlich der Kriegsgefangenen) auf 13,94 MillionenHektar Acker zusammengepreßt werden, nur um 17,8 Millionen Polen 16,5 Millionen Hektar Land geben zu können. Es soll sich mit anderen Worten eine viermal so große Bevölkerung von einer erheblich kleinerenAckerfläche ernähren, als sie Polen erhalten soll. v. Oertzen-Rothen