Nachdem soeben auf der Moskauer Konferenzdas Thema Flüchtlingsverteilung in Deutschland angeschnitten worein ist, und vor Jahresfrist im März 1946 ein internationales Flüchtlingsamt beim Wirtschafts- und Sozialrat der UNO gegründet wurde, wächst unsere Hoffnung, daß dieses Problem aus seiner zonalen Unlösbarkeit in eines weiteren Rahmen gespannt werden wird.

Es ist eine Utopie, zu glauben, daß das zerstörte und zerstückelte Deutschland mit dem Problem der Vertriebenen, die heute nahezu ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Restdeutschlands darstellen, aus eigener Kraft fertig werden kann. Es gibt nur einen Präzedenzfallin der Geschichte,-der eine in dieser Beziehung ähnliche Katastrophe über ein Land gebracht hat: den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch. Griechenland mußte seinerzeit zwischen 1922 und 1924 nach der "Machtergreifung" Kemal Paschas 1,5 Millionen Griechen aus Kleinasien und Ostthrazien zurücknehmen, während gleichzeitig etwa 350 000 Türken in die Türkei abwanderten. Bei einer eigenen Bevölkerung von damals 5 Millionen mußte Griechenland also mehr als 1 Million Ausgewiesener in seine Volkswirtschaft eingliedern. Es zeigte.sich bald/daß die zwar sehr dankenswerte Unterstützung des englischen und des amerikanischen Roten Kreuzes und verausreichte, charitativer Organisationen keineswegs ausreichte, um dieses Problem zu meistern. Erst als der Völkerbund im Herbst 1923 die "Greece Refueine Settlement Commission" gegründet hatte, und eine internationale Anleihe von 12 Millionen Pfund zur Verfügung gestellt wurde, konnte die Umsiedlung in einem Zeitraum von etwa zehnJahren durchgeführt werden, eine Leistung, die in Griechenland deswegen überhaupt nur durchführbar war, Linie zur Absiedlungder Ausgewiesenen in erster Linie das dünnbevölkerte Mazedonien zur Verfügung stand; das auf diese Weise eine politisch sehr erwünschte Stärkung des griechischen Elements erfuhr.

Eine Bevölkerungstransaktion des Ausmaßes, wie sie eben in Deutschland vor sich gegangen ist, ist im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten überhaupt nicht zu bewältigen, und doch sind wir durch diese Erkenntnis nicht von der Verpflichtung, entbunden, alle nur denkbaren Anstrengungen zur Selbsthilfe zu unternehmen.

Es sind jetzt genau zwei Jahre vergangen, seit die ersten Wellen des noch immer nicht versiegten Stroms der Vertriebenen, die heutigen Westlichen Zonen erreichte. Was ist nun in dieser Zeitspannegeleistet werden? Erstaunlich wenig, sofern wir diebritische Zone betrachten,die im Vergleich zuramerikanischen in dieser Hinsicht außerordentlich rückständig ist Viele Versprechungen. sind den Vertriebenen vor den Wahlen von sämtlichen Parteien gemacht worden; zahlreiche Stellen und Referate innerhalb der Landesverwaltungen haben nominell den Auftrag, sich um die Vertriebenen zu kümmern, was sich nach Lage der Dinge in der Praxis zumeist dahingehend auswirkt, daß-, diese Stellen ihre Aufgabe darin sehen, die Einheimischen vor dem Ansturm der Vertriebenen zu schützen. Es gibt in der britischen Zone auch nicht einmal eine Erfassung nach Berufsgruppen. Es gibt darum noch immer wichtige Spezialisten, wie Feinmechaniker, Uhrmacherund Maschinenschlosser, die Kühemelken oder zur Waldarbeit eingesetzt sind.

Wenn diese beiden Jahre nicht vollkommen nutzlos verronnen sein sollen, dann muß jetzt an der Schwelle des dritten Jahres im Exil – Und die Zeit-Schwelle der Vertriebenen richtet sich nicht nach dem Kalender, sondern nach dem Zeitpunkt der Austreibung aus der Heimat – versucht werden, wenigstens aus den negativen Erfahrungen zu lernen, wie man es nicht machen soll.

Man muß einmal versuchen, das ganze Problem mit neuen Augen zu sehen und sich wunsch-und vorurteilslos über die derzeitige Situation und deren mutmaßliche Entwicklung klarzuwerden. Zunächst ist es falsch, die Vertriebenen grundsätzlich und von vornherein ausschließlich als Konsumenten und niemals als potentielle Produzenten anzusehen. Zweifellos ist durch die Zuwanderung aus dem Osten die Disproportion im Bevölkerungsaufbau, die der Krieg gezeitigt hat, noch verschärft worden: Überalterung, Erhöhung des Frauenüberschusses und Rückgang, des Anteils der arbeitsfähigen Bevölkerung, aber wieviel. brauchbare Arbeitskräfte gibt es anderseits unter den Vertriebenen – welche Summe von Können, Erfahrung und Geschick liegt da brach!

Das einzige Kapital, über das Deutschland doch verfügt, ist seine Arbeitskraft – jeder Mensch, der überhaupt arbeiten kann, ist ein Produktionsfaktor innerhalb der Volkswirtschaft; darum darf es nicht geschehen, daß die Intelligenz und Arbeitskraft zahlloser Millionen nicht oder gar falsch ausgenützt wird. Einen Feinmechaniker zum Holzfällen einzusetzen, ist ebenso sträflich, wie auf einem zuckerrübenfähigen Boden dreijährigen Klee zu bauen. Als Rußland nach dem ersten Weltkrieg, ohne, irgendwelches fremdes Kapital und ohne eine nennenswerte Industrie im eigenen Land, daran ging, seine Wirtschaft auszubauen, stand ihm dazu nur die Arbeitskraft seiner Millionenbevölkerung zur Verfügung. Wenngleich es uns an den reichenBodenschätzen und Möglichkeiten Rußlands fehlt, so liegt doch auch in der Arbeitskapazität des deutschen Volkes ein wesentlicher Aufbaufaktor. Wenn man allerdings ein Fünftel der ganzen Bevökerung lediglich als Konsumenten und nicht zugleich auch als-Produzenten ansieht, wird man mit dem Vertriebenenproblem nie weiterkommen.