Nach der vor kurzem erfolgten Uraufführung des Dramas "Die Frau, die sich Helena wähnte von Horst Lange wurde jetzt das Stück – im Theaterstudio der Münchner Schaubude gespielt. Hanns Braun schreibt darüber:

Die Geständnisse, die sich Helene; macht, gleich nachdem der junge Mann fortgegangen ist, den sie so gerne dabehalten hätte, sind delikatester Art. Zweifellos würden sie uns peinigen, wenn wir ungewollt. Zuhörer waren. Aber auch als gewollte Zuhörer – im Theater – werden nicht wie angeredet, sondern haben die Qualität der Zeugenschaft. So befinden wir uns Helenens Selbstgesprächen gegenüber dennoch in der Lage jener wohlbekannten. Buschsitzer, die Susanne im Bade belauschen. Zwar zerschellt – an dem Namen des Dichters Horst Lange – der Verdacht, der bei der Kunde von einem dreiaktigen Drama mit einer einzigen Darstellerin reger wird: der Verdacht, es müßte, der Spannunng, zuliebe, schließlich doch auf ein déshabiler hinauslaufen, Derlei geschieht hier im eigentlichen Sinne nicht. Nicht vor unseren Augen. Aber seelisch – das läßt sich nicht leugnen – ist das ganze erste Bild und ein Gutteil der folgenden eine einzige Entkleidungsszene.

Helene hat "die" Niederlage der Frau erlitten. Sie hat begehrt und ist verschmäht worden. Aus Gründen, die möglicherweise hohe Achtung für sie, wo nicht gar Liebe, bezeugten. Gleichviel. Ihre Enttäuschung treibt sie, ihre Gefühle bloßzulegen, ihr Leben Revue passieren zu lassen. Es ist das Leben einer Garçonne, es sind die Gefühle einer Allzuwissenden, die dem einen Mann Helen war, dem anderen Helene, dem dritten Helene. Darum wohl meinte der Besucher von vorhin, es käme auf jeden Vokal an – womit er sie in den Traum der trojanischen Helena hineintreibt, der der unruhig Entschlummernden hernach die Enttäuschung des fehlgegangenen Abends kompensiert. Denn in diesem Traum (der das zweite Bild füllt) ist sie der Archetyp, Helena, auf Trojas bedrohten Zinnen, mit Paris, mit Odysseus redend, selber. Allerdings erfahren wir bündig erst im dritten Bild, als das Telephon die Schläferin weckt und der Besucher sich fernmündlich Verabschiedet, da er noch in der gleichen Nacht ins Feld zurückkehrt – erst jetzt erfahren wir, daß "Troja" ein Traum gewesen. Solche Nachträglichkeit ist dramaturgisch immer falsch; hier noch besonders, weil sie uns von weit phantastischeren Vermutungen auf eine vergleichsweise banale Lösung herabstimmt. Sie gibt zwar den Schlüssel, warum wir uns die Troja-Szen über vergeblich fragen, was sie im Zusammenhang des Ganzen soll; denn daß Helena gelegentlich ihrer Schwägerin Kassandra Rolle übernimmt und ihre Selbstbespiegelung mit zeitgemäßen Untergangsvisionen würzt, sperrt usw. jenen Sinn nicht auf. Aber auch nach der letztwilligen Erhellung fühlen wir uns ein wenig wie Helene behandelt und scheiden, insoweit, unbefriedigt. Galanterweise wird man "Die Frau, die sich Helena wähnte", ein Capriccio nennen. Eine Laune. Die durchschwülte Laune eines männlichen Dichters, die, undramatisch wie ist, in der Novelle zu ihrer, eigensten Form hätte gedeihen können.

Alles wiederholt sich. Nach dem ersten Weltkrieg hatten wir auch ein Einpersonendrama. "Ostpolzug" hieß es, war von Arnolt Bronnen, und Fritz Kortner gastierte damit in den alten Kammerspielen. Aber weder Bronnen damals noch Lange heute konnten sich entschließen, das Drama ganz aus dem Innern dieses einen Menschen zu bestreiten – was immerhin möglich sein müßte, wenn man einen Stoff wählt, der in Katastrophennähe Entscheidungen aufruft und eine Wandlung des; Helden darstellt. Sie bekommen es, ihrem Experiment gegenüber, vielmehr beide mit der Angst, es könnte doch zu frugal und spannunngslos geraten. und so lassen sie das Requisit Telephon und Kulisse als Verbindungen zur Außenwelt mitspielen. Aber kaum spricht der Monologiste dahinein oder dorthiaus, wird das Monologische entzaubert als ein Notbehelf; denn ein Odysseus; der, angeredet, ohne Laut zu geben in der Kulisse verbleibt, ist. keine Stilnotwendigkeit, sondern eine Sparmaßnahme.

Wenn man gleichwohl – der von Otto Osthoff inszenierten Aufführung in der Münchner "Schaubude" mit einer Irritation folgte, die ihrerseits schon wieder. Teilnahme war, dann liegt das nicht nur daran, daß eine Frau auf der Bühne stand – wovon, alten Erfahrungen nach, jegliches Schaugerüst lange zu zehren vermag. Sondern auch daran, daB Eva Vaitl (vom Staatsschauspiel) zur – Schönheit, ohne die man nicht Helena sein kann, auch jene nervöse Anmut mitbrachte, ohne die das beklemmende Hetärenselbstgespräch uns nicht annehmbar zu machen wäre. Denn um mit einem Wort der Gertrud von Le Fort daran zu erinnern: die Frau ist "das Verhüllte". Dies bedenkend, muß man bewundern, wie die junge Darstellerin dem prekären Seeledurchstochern und bitteren Selbstentblößen standhielt. Sie nuancierte trefflich und war uns als Garçonne natürlich näher denn als – antikische Helena, um so mehr, als auf Ilions Mauern ihre Stimme, an Biegsamkeit verlor. ("Sei nicht feig, Partei" sollte sie der gut abstimmende Inszenator nicht laut hinabrufen, sondern wie beschwörend zu sich selbst sprechen lassen. Denn als Streitvorschrift für einen Geliebten ist solche Mahnung doch gar zu arg.)

Die Premierenbesucher, ermutigt durch das heroische Beispiel auf der (von Eduard Sturm gestalteten) Szene, hielten wacker im Ungeheizten aus und bedachten am Schluß die Darstellerin, den Spielleiter sowie den Dichter mit wärmendem Beifall. Dieser modern-antik zwiegespaltenen Helenade war, wie gesagt, die Kontur, einer Handlung (und Wandlung) zu bläßlich eingeschrieben, als daß von einem dramatischen Gebilde zu reden wäre. Indessen war es ja wie die Überschrift, sagt, eine Studioaufführung. Nichts soll uns hindern – mit Lust und Talent wie hier zu experimentieren.

Hanns Braun