Von Walter Lenz

Dies ist die Geschichte vom jungen Europäer Carboni, der die Frechheit besessen hatte. sich in das zwanzigste Jahrhundert hineingebären zu lassen, dem aber auch noch andere ebenso verbrecherische Untaten nachgewiesen wurden und der dafür in gerechter – in europäischer – Weise bestraft wurde. – Man verzeihe diese Einleitung: sie ist notwendig, obwohl ich weiß, daß man eine Geschichte nicht erst einleiten, sondern einfach anfangen soll. Dieses Mal aber muß ich so handeln, wie es hier geschieht, indem ich nämlich – so gut ich kann – eine ganz einfache Geschichte aufschreibe, die sich tatsächlich zutrug, muß ich sogar Dinge sagen, die ich eigentlich nicht sagen will. Ich will nicht irgendeinem Menschen oder Menschengruppen, die sich Nationen zu nennen belieben, einen Vorwurf machen. Das wäre mir auch durch Gesetz verboten, da ich, wie Carboni, durch Geburt – also durch etwas, das völlig außerhalb jeder persönlichen Einflußnahme meinerseits lag – Angehöriger eines Staates in Europa bin; eines Staates, der zur Zeit kein Staat ist, trotzdem aber noch Staatsangehörigkeit bewirkt, Ich will aber mein Teil tun, damit Menschen wie Carboni – vielleicht wird er Nachfahren haben – in einigen Jahrzehnten die gleichen Dinge nicht mehr als Verbrechen angerechnet werden. Vielleicht aber sind in einigen Jahrzehnten die Menschen auch so weit, daß schon auf den ersten Atemzug die Todesstrafe steht, was sicherlich ein Fortschritt gegenüber der heutigen Zeit wäre, in der es immer noch üblich ist, den ersten Atemzug mit Jubel zu begrüßen, mit Festen und Segen, worauf die weiteten Atemzüge dann häufig sehr mutwillig mit Lasten und Strafen belegt zu werden pflegen. –

Als Carboni im Jahre 1927 in einem kleinen Bergdorf geboren wurde, blühten an den Berglängen rings um sein Dorf die Maisrispen braunrot und leuchteten in der Sonne. Sein Vater war ein Schmied, der den klobigen Rädern der Karren neue Eisenleiter aufzwang, der den Maultieren Hufeisen annagelte und abends bisweilen sehr viel roten Wein trank. Wenn Vater Carboni viel Wein getrunken hatte, schimpfte er auf das Handwerk der Schmiede und ganz am Schluß, wenn er den Tränen schon nahe war, verfluchte er bitter die ganze Zunft, weil sie, wie er sagte, unfähig gewesen war, "dem da" (dazu zeigte er stets mit dem rechten Daumen, über die Schulter hinter sich, ganz gleichgültig welcher Himmelsrichtung er auch immer sein Gesieht zuwandte) ... "dem da" mit einem Vorschlaghammer den Schädel einzuschlagen, ehe er so weit gewesen sei. Und solcher Weise, sprach Carbonis Vater von dem gewissen Sohne eines Schmieds. Und Mutter Carboni schien diese Ausdrücke der Trunkenheit sehr zu fürchten. Wenn sie fühlte, daß Täter Carboni bald so weit war, schloß sie Türen und Fenster, und in der Schenke hielt sie ihm sogar den Mund zu. Denn jener andere Sohn eines Schmiedes war sehr mächtig in Italien:

EineSchule besuchte Carboni nicht. Der Priester der Kirche im Nachbardorf gab ihm und den andern Jungen aus dem Dorf nach dem Kirchgang ein wenig Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen. Carboni konnte schließlich seinen Namen kritzeln und auch mit Mühe einfache Meldungen der Zeitung lesen.

Eines Tages sagten die Leute im Dorf, es sei Krieg. "Wieder einmal!", schimpfte Vater Carboni und machte nun fest jeden Abend – mit seinem breiten Daumen die gefeuchtete Bewegung über die rechte Schulter. Und als Carboni fünfzehn Jahre alt war, hieß es, daß der Staat ihn brauche. Ein Mann in Hemdsärmeln – auf dem Hemd viele Abzeichen – war in das Dorf gekommen und hatte eine Rede gehalten, daß alle Männer, die eine Waffe tragen könnten, nun dem Vaterland helfen müßten, vom Knaben bis zum Greise. Vater Carboni, der während der Rede mit verbissenem Gesicht dagestanden hatte, war am gleichen Abend so betrunken gewesen, daß er nicht einmal mehr die Bewegung mit dem Daumen machen konnte. Er lallte nur noch: "Mit einem zehnpfündigen Hammer hätte IHM sein Vater den Schädel einschlagen müssen."

Carboni mußte andern Tags in die Hauptstadt des Landes fahren: Er wunderte sich, wie schwer er sich dort mit dem Dialekt seines Bergdorfes verständlich machen konnte. Er wurde in einen "Verband" eingereiht. Nachdem er fast vier Wochen dem bedrohten Vaterland dadurch gedient hatte, daß er mit vielen ähnlichen Dorfburschen in schmutzigen Kasernen von Mahlzeit zu Mahlzeit die Zeit mühsam totschlug, wurden sie allesamt in einen Güterzug verladen und fuhren lange Tage und lange Nächte. Sie fuhren bisweilen am Meer entlang und auch an hohen, sehr hohen Bergen. Sie kamen in ein Land, wo Carboni die Sprache gar nicht mehr Verstand. Man gab ihnen Bergen. zeuge, Hacken, Schaufeln, Hämmer und Kellen. Carboni betrachtete die Werkzeuge. Sie Waren nicht sehr gut. Carboni betrachtete das Land. Der Boden war nicht schlecht. Aber welch ein Jammer! Mitten in die Felder hinein waren Betonklötze gebaut. so weit das Auge reichte. Merkwürdige Beton – klötze, die aussahen wie Stücke von großen Zahnrädern, mit den Zähnen nach innen. Carboni tat es leid um das schöne Ackerland und die Weiden, die durch die Arbeit so vieler Menschen gründlich verdorben wurden.

An jedem Tag kamen Flieger in niedriger Hohe und beschossen Carboni. Sie warfen auch Bomben nach Carboni. Wenn sie für eine Stunde nicht da waren, arbeitete Carboni und schaufelte tiefe Gräben. Er hatte nur noch – Fetzen am Leib und Schuhe an den Füßen, durch die das Wasser der Gräben vorn herein und hinten hinauslief. Sie alle arbeiteten lustlos, aber sie arbeiteten, denn hinter ihnen standen alte Soldaten mit Gewehren auf der Schulter. Die Soldaten standen lustlos da. aber sie standen, denn hinter ihnen standen alte Offiziere mit Revolvern am Gürtel. Wenn die Offiziere allein in ihren Unterkünften waren, machten sie Gesichter ebenso lustlos wie die Arbeiter, wie die Soldaten, aber bisweilen klingelte das Telefon, und dann sagten sie stets: "Jawohl!" Aber eines Morgens waren die Soldaten und Offiziere weg, die Arbeiter gingen nun auch davon. Carboni war einer der letzten.