Von Alfred Joachim Fisdier, London

Ein mit scharfer Kritik an der Innen- und Außenpolitik Englands begründeter Mißtrauensantrag Churchills wurde, im Unterhaus mit 337 gegen 198 Stimmen abgelehnt. Da es schwerfällt, sich aus dem bisherigen Verhalten der Opposition ein Bild ihrer eigenen konstruktiven Ideen zu machen, dürfte es wertvoll sein, ein Bild von Wesen und Geschichte der Konservativen Partei Englands zu gewinnen.

Englands Konservative Partei ist jenes politische Instrument, das nach Beendigung des ersten Weltkrieges die Mehrzahl aller Regierungen entweder führte oder allein bildete. Nach Lloyd Georges Niederlage schwand auch der Glanz seiner Liberalen. Ihre greifen geschichtlichen Verdienste! – sind jedoch nicht vergessen und lassen eine Wiedergeburt dieser Gruppe immer möglich erscheinen. Unter MacDonald bildete Labour 1924 (zum erstenmal) und 1929 Einparteienregierungen. Beide sahen sich jedoch unüberwindbaren Schwierigkeiten gegenüber. Im sogenannten nationalen Kabinett des Jahres 1931 – Premierminister war gleichfalls MacDonald – herrschten bereits wieder. konservative Einflüsse vor. Während des zweiten Weltkrieges regierte bis über die Entscheidung in Europa hinaus ein Koalitionskabinett. An seiner Spitze aber stand eine so starke und eigenwillige Persönlichkeit wie Winston Churchill. Dadurch vergaß man fast die Zusammenarbeit der Parteien und identifizierte Churchills Regierung mit Churchill, das heißt dem führenden konservativen Staatsmann der Gegenwart. Der überraschende Arbeitersieg des Sommers-(1945 brachte Major Attlees Partei die größte – Mehrheit, über die sie bisher in Englands Geschichte je verfügte. Regieren ist immer schwerer als opponieren. So hat Labour inzwischen zweifellos an Boden verloren. Brotrationierung und Kohlenkrise können, obgleich sie auch keine andere Regierung verhindert hätte, nicht ohne nachteilige folgen bleiben. Auch wirken sich Verstaatlichungen von Industrien erst nach einiger Zeit positiv aus, während ein Übergang von der Privatinitiative zur Bürokratie anfänglich materiell nicht erfolgreich sein kann. Unter solchen Voraussetzungen hält sich Labour immer noch erstaunlich gut. Bisher hat sie keine Nachwahl verloren – gleichfalls etwas noch nicht Dagewesenes in Großbritanniens, jüngerer parlamentarischer Geschichte.

Wer britische Parlamentsdebatten der letzten Zeit verfolgte, weiß, daß die konservative Partei gegenwärtig aggressivere Methoden anwendet als gleich nach ihrer Niederlage. In der Empire-Politik bekämpft sie sehr scharf "eine allzu nachgiebige Regierungshaltung" gegenüber Indien und Ägypten! Churchills Motto lautet: "Wir müssen halten, was wir haben". Während sich Labour nunmehr langsam entschließt, eine Palästinaentscheidung den Vereinigten Nationen zu überlassen, wurde dieser Vorschlag, vom konservativen Parteiführer schon vorher mehrfach gemacht Churchill ist ein alter Zionist und Weitzmanns persönlicher Freund.

In der Außenpolitik liegen die entscheidenden Differenzen nicht. Vor kurzem erst äußerte ein prominenter "Tory" im privaten Gespräch: "Bevin ist der ideale konservative Außenminister Desto schärfer spitzen sich innere Gegensätze zu. Sie machen nicht bei den Gegenwartskrisen und? der konservativen Ablehnung aller Sozialisierungen halt, sondern erstrecken sich auch auf Finanzfragen, wie die Verwendung der amerikanischen Anleihe (obgleich ihr Churchills Partei nach einiger Kritik selbst zugestimmt hatte). "Winnies" Ausruf im Unterhaus: "Gott erlöse uns von unseren gegenwärtigen Herrschern" spricht nicht nur für sein berühmtes Temperament, vielmehr auch für polemischen Kampfgeist. Premierminister Attlee ließ es sich dennoch nicht nehmen, am nächsten Tage der Hochzeit von Churchills Tochter Mary beizuwohnen – ein erneuter Beweis dafür, daß politische Verärgerungen persönliche Freundschaften in diesem Lande nicht beeinträchtigen.

Churchill bleibt nach dem zweiten Weltkriege die große nationale Figur, die Lloyd George nach dem ersten gewesen ist. Sein Prestige wird von niemandem geschlagen, sein Ansehen ist selbst bei erbitterten politischen Gegnern groß. So gehören bezeichnenderweise dem unter Winston Churchills Präsidentschaft stehenden Paneuropäischen Komitee auch prominente Liberale und Labourleute an, darunter sogar Victor Gollancz. Der konservative Parteichef ist jedoch ein 76er. Daher drängt sich die Frage auf, wie tief seine Partei, Unpersönlich betrachtet, Wurzeln im englischen Volksbewußtsein geschlagen hat. Unter ihren Anhängern herrscht kein besonderes Verständnis für Traditionen. Während sich der Durchschnittsliberale immer noch gern auf Gladstone und Lloyd George beruft, sprechen Konservative weit seltener – von Disraeli oder Joseph Chamberlain. Man muß selber forschen (oder schon prominente konservative Freunde haben), um einiges über die Geschichte dieser Partei zu erfahren.

Sie ist die in jüngerer Zeit mit der Unionistischen Partei zusammengeschmolzene Nachfolgeorganisation der Tories, deren Namen als inoffizieller, aber desto volkstümlicherer Untertitel beibehalten wurde. Tory kommt aus dem irischen Sprachgebrauch und bezeichnete einen papistischen Vogelfreien. Es wurde dann für jene Elemente angewendet, die König Jacobs Erbrechte trotz seines römischkatholischen Glaubens anerkannten. Die Tories standen in unerschütterlicher Anhänglichkeit zur Krone, während ihre Gegner die Whigs, die späteren Liberalen, oft gegen die Hofpolitik rebellierten. Durch den jüngeren Pitt, Napoleons großen weltpolitischen Gegner, wurde ein neuer Torysmus geschaffen. In seinen Reformen ging er bis zur Einkommensteuer.