Von Walter Henkels

Daß ich Schriftsteller seit hatte ich dem Herrn beim Kohlenamt gesagt, ich brauchte etwas zum Heizen, etwas für mein Arbeitszimmer, und wenn es nur ein Zentner sei. Briketts oder Grus, essei ein Allesbrenner; ich hätte einen lebenswichtigen Betrieb, geistige Kost sei lebenswichtig, denn nicht vom Brot allem ... Der Herr vom Kohlenamt grinste. Wenn ich es genau bedenke, er grinste schamlos. ich wandte mein Gesicht dem Herrn voll zu, ich wandte es wieder ab, ich weiß nicht mehr, welche Gefühle mich damals, es war im Januar, bewegten. Es war ein stummer, aber böser, ein schmerzlicher und bitterer Bilde. Ich dachte. Mord ist heute verwerflich, Gott sei Dank; die Menschenrechte regieren wieder.

All die großen Gedanken, die ich konzipieren wollte, mit denen ich damals trächtig ging, sind nicht niedergeschrieben worden. Jeder Autor hat hat es ja an sich, die nichtgeschriebenen Gedanken für größer zu halten, als die geschriebenen. Und so beklage ich’s öffentlich, daß all die gewaltigen Gedankenflüge. die der Niederschrift hatten, untergegangen sind in einem Meer von Jammer nnd Zorn. Aber die Schale des Zorns, die goß ich und wie es in der Offenbarung heißt, und ichschrieb bei zwölf Grad Innentemperatur ein Skriptum wider die Knechtsteden bei den Behörden, Die ganze Welt lieget im argen, schrieb ich, denn auch hier konnte ich mich auf Johannes berufen.

Nun lehne ich, es ist März, am Geländer des Rheinkais und sehe grübelnd, wie man die Welt sittlicher machen könne – die letzten Schollen des Treibeises zu Tal fahren. Ich sage: lebt wohl! Ich meine es moralisch und meine es mehr als Gleichnis. Ich sehe, um im Bild zu sprechen, dem Eis gern auf den Rücken.

Hinter mir steht der zerrupfte Park. Gott erbarme sich auch des Parks, der so zerrupft ist wie wir Menschen Jedes Jahr um diese Zeit standen früher wenigstens die Forsythienbüsche in Flammen. Jedes Jahr, beim kalendermäßigen Frühlingsbeginn, hatten die Kastanien schon ihre braunen, saftigen Knospen aufgesetzt, die Fliederstecken besaßen ein gewisses Frühlingsformat. Diesmal nichts von allem. Der infame, mörderische Winter, der nun kalendermäßigAbschied nimmt, hat auch dem Park mitgespielt, der aussieht wie ein stoppelbärtiges, verwahrlostes Gesicht.

Alsbald nun, als ich in die Betrachtung des Parks versank, sah ich einen einzelnen Menschen daherwandern; er pilgerte durch den Park, setzte, sich auf einen der Zementklötze, die früher eine Bank getragen hatten, und betrachtete lange die Berge jenseits des Stromes, die schon leicht mattblau dreinschauten. Sein Haar hing wie eine Pferdemähne über den Mantelkragen, und sein Schuhwerk war nicht das beste. An den Absätzen Sachsen, wie meine gute Mutter zu sagen pflegte, Kartoffeln. Es war der Maler, den ich aus der Wärmehalle kannte.

"Guten Tag", sagte er bitter, "wir sind noch mal davongekommen, wie?" "Nun", sage ich, "Sie auch?" Dann verfielen wir in ketzerische, zynische Betrachtungen über das Leben und den Winter, dennMaler und Schreiber – das sagte ja schon Horaz in seinen Episteln – haben immer die vergönnte Macht gehabt, alles mögliche zu wagen. Wir sagten uns gegenseitig viel. Jetzt habe er was zum Heizen, sagte der Maler, er habe jetzt keine Molesten mehr mit seinem Öfchen,es sei jetzt wann bei ihm. Nachmittags kurz vor fünf der Kohlenzog – ob ich es gehört habe? Er für seine Person habe die Gesetzestafel, die Moses am rauchenden und bebenden Berg Sinai dem Volk gegeben habe, zertrümmert. Erstmalig vor vierzehn Tagen, ja. Das achte Gebot habe er zuerst. zertrümmert.