Daß ich Schriftsteller sei. hatte ich dem Herrn beim Kohlenamt gesagt, ich brauchte etwas zum Heizen, etwas für mein Arbeitszimmer, und wenn es nur ein Zentner Briketts oder Gras, es sei ein Allesbrenner: ich hätte einen lebenswichtigen Betrieb, geistige Kost sei lebenswichtig, dem nicht vom Brot allein ... Der Herr vom Kohlenamt grinste. Wenn ich es genau bedenke, Ichwandte mein Gesicht dem Herrn voll zu, ich wandte es wieder, ab, ich weiß nicht mehr, welche Gefühle mich damals, es war im Januar, bewegten. Es war ein stummer, aber böser, ein schmerzlicher und bitterer Blick. Ich dachte. Mord ist beste verwerflich. Gott sei Dank; die Menschenrechte regieren wieder.

All die großen Gedanken, die ich konzipieren wollte, mit denen ich damals trächtig ging, sind nicht niedergeschrieben worden, jeder Autor hat hat es ja an sich, die nichtgeschriebenen Gedanken für größer zu halten, als die geschriebenen. Und so beklage ich’s öffentlich, daß all die gewaltigen Gedankenflüge, die der Niederschrift harrten, untergegangen sind in einem Meer von Jammer und Zorn. Aber die Schale des Zorn, die ich aus, wie es in der Offenbarung heißt, und ich schrieb bei zwölf Grad Innentemperatur turn wider die Knechtsseelen bei den Behörden. Die ganze Welt lieget im argen, schrieb ich. denn auch hier konnte ich mich auf Johannes taufen.

Nun lehne ich. es istMärz, am Geländer des Rheinkais und sehe – grübelnd, wie man die Welt sittlicher machen könne – die letzten Schollen des Treibeises zu Tal fahren. Ich sage: Lebt wohl! Ich meine es moralisch und meine es mehr als Gleichnis. Ich sehe, um im Bild zu sprechen, dem Es gern auf den Rücken.

Hinter mir steht der zerrupfte Park. Gott erbarme sich auch des Parks, der so zerrupft ist wie wir Menschen! Jedes Jahr um dieseZeit standen früher wenigstens die Forsythienbüsche in Flammen. Jedes Jahr, beim kalendermäßigen Frühlingsbeginn, hatten die Kastanien schon ihre braunen, saftigen Knospen aufgesetzt, die Fliederstecken besaßen ein gewisses Frühlingsformat. Diesmal nichts von allem. Der infame, mörderische Winter, der nun kalendermäßig Abschied nimmt, hat auch dem Park mitgespielt, der aussieht wie ein stoppelbärtiges, verwahrlostes Gesicht.

Alsbald nun, als ich in die Betrachtung des Parks versank, sah ich einen einzelnen Menschen daherwandern; er pilgerte durch den Park, setzte sich auf einen der Zementklötze, die früher eine Bank. getragen hatten, und betrachtete lange die Berge jenseits des Stromes, die schon leicht mattblau dreinschauten. Sein Haar hing wie eine Pferdemähne über den Mantelkragen, und sein Schuhwerk war nicht das beste. An den Absätzen wachsen, wie meine gute Mutter zu sagen pflegte, Kartoffeln. Es war der Maler, den ich aus Wärmehalle kannte.

"Guten Tag", sagte er bitter, "wir sind noch mal davongekommen wie?" "Nun", sage ich, "Sie auch?" Dann verfielen wir in ketzerische, zynische Betrachtungen über das Leben und den Winter, denn Maler und Schreiber – das sagte ja schon Horaz in seinen Episteln – haben immer die vergönnte Macht gehabt, alles mögliche zu wagen. Wir sagten uns gegenseitig viel. Jetzt habe er was zum Heizen, sagte der Maler, er habe jetzt keine Molesten mehr mit seinem Öfchen, es sei jetzt wann bei ihm. Nachmittags kurz vor fünf der Kohlenzug – ob ich es gehört habe? Er für seine Persern habe die Gesetzestafel, die Moses am rauchenden und bebenden Berg Sinai dem Volk gegeben habe, zertrümmert. Erstmalig vor vierzehn Tagen, ja. Das achte Gebot habe er zuerst zertrümmert.

Langsam triebe unter die Schollen. und wir versanken wieder ins Grübeln. Aber in unsere gedanklichen Verstrickungen drang plötzlich ein bestimmtes Getön, ein Vogelgetön und Vogelgeschmetter; unmöglich, es zu überhören. Wir drehten uns um und sahen es: nun: es war ein Fink, ein Buchfink. Dieser Buchfink deklamierte, tremulierte und skandalierte: es ging – übertreibe nicht – es ging uns durch und durch, obwohl wir uns nach diesem Winter beide gegenseitig für rauhe, harte Männer gehalten hatten. Der Maler lächelte, sah den Vogel an, sah mich an, sah den Vogel an: "Dies", sagte er, "ist Frühlingsanfang, wissen Sie es?" –