Wann war es doch, daß der Begriff modern zuerst begann, eine geistige Rolle zu spielen? Wann tauchte der Schlachtruf auf: "Modem sei der Poeti"? War es nicht Arno Holz, der ihn ausstieß, während noch Schiller die von ihm angesungene Freude in einen Gegensatz zurMode und ihren strengen Teilungstendenzen stellte? Wann wurde das Moderne und die Moderne erfinden? Gab es sie immer, für jede Generation, oder sind sie Ergebnis einer besonderen Zeit, für die sie mehr als nur vergängliche Bedeutung besaßen, deren Leistung und Charakter in diesen Begriffen einen dauernden Ausdruck fanden?

Es gab sie nichtimmer; sie stiegen in der Tat mit der Arno-Holz- und Hauptmann-Zeit auf, zuerst im Umkreis der Literatur, für die die "modernen Dichtercharaktere" und Engen Darings "moderner Europäer" die erste betonte Verpflichtung brachten, noch bevorHermann Bahr zur Antike die Moderne erfand andihre erste rasche Kritik schrieb. Erst von der Literatur kamen sie in die bildende Kunst, wenigstens bei uns; die amtemporanéité Manets trat in Deutschland der Malerei mehr als ein Menschenalter später in die Erscheinung, und die Terminologie der Kunst- – betrachtung noch später. Um 1900 aber hattesich das Moderne durchgesetzt als Wort, wie als Wert. Naturalismus und Impressionismus, Hauptmann und Liebermann, George, Rilke, Wedekind und Hofmannsthal ebenso wie Munch und van Gogh, – van de Velde und Obrist, Hamsun und Strindberg, Minne und Klimt. Eine neue Welt war erstanden in offenem Gegensatz zu der alten, eine Welt, die grundsätzlich anderes als das Bisherige wollte, eben das Moderne, ohne Tradition, ohne Anschluß an die Vergangenheit, ohne Bezug auf das bereits Vorhandene.

War das nicht immer so gewesen? Kam nicht immer Baccalaureus mit dem Neuesten herauf, der sich grenzenlos erdreistete und nur sich, das Moderne, ja das Modernste gelten ließ? Wurde das Moderne von 1900 nicht nach ein paar Jahren von einem noch Moderneren abgelöst? Drängte nicht ein neues Geschlecht nur zu bald Naturalismus und Impressionismus und die Männer, die von ihnen herkamen, in den Hintergrund des Vergangenen, die alten Namen durch neue ersetzend? Wurde aus Impressionismus nicht nur zu bald Expressionismus, Kubismus und Futurismus, während der Naturalismus sich in neuen Klassizismus, Symbolismus, Formalismus, in lauter neue Modernitäten auflöste?

So seltsam das klingen mag:diese Ablösung vollzog sich nicht. Und daher gibt es keine neue Moderne, keine jüngste Moderne mehr. Es gibt die Moderne, und sie blieb. Gewiß: neben die Analyse des Impressionismus trat fast gleichzeitig die Synthese des Expressionismus, und zur Wirklichkeit des Gegenständlichen kam die des Wortes und seiner Ansprüche das geschah aber gleichzeitig. Münch war bei uns vor Monet, George und Rilke neben Holz und Hauptmann, van de Velde und Minne gleichzeitig mit Loos Und Meunier, der Dichter Kokoschka stand neben Ernst Hardt und Schönberg und der Musiker neben Richard Strauss. Es gab Gegensatze und Spannungen, aber nurinnerhalb des "Modernen": es gab, wie gesagt, keine neue Moderne, die die alte ablöste und beseitigte. Das Moderne trat nicht wieder zurück in den Hintergrund der Zeit: es setzte neue Ringe an, aber es blieb als Kern. Es behielt seine Gültigkeit, auch als neue Geschlechter an der Oberfläche Erschienen und neue Vorkämpfer fanden. Die alten blieben auf dem Plan und hielten die Welt von 1900 weiter hoch – man braucht nur an Meier-Graefe und Karl Scheffler und ihre Stellung zwischen Impressionismus und Expressionismus zu denken.

Das war vor 1914. und seitdem ist die Situation ins heute im Grunde die gleiche geblieben. Es ist fiel geschrieben undviel gemalt worden; eine neue Moderne aber hat es nicht mehr gegeben. Nach 1918 wurde der Expressionismus in all seinen Schattierungen Zeitmode, ein neuer Naturalismus des Malens wie des Dichtens Schloß sich ihm an; alles aber, was seit 1900 entstanden war, von. Barlach bis Klee, von Nolde bis Corinth, von Trakl bis Gottfried Benn, war so lebendig modern geblieben, daß es nachher in den dreißiger Jahren unterschiedslos mit dem Neuesten der Verdammung verfiel. Es war modern geblieben, und es blieb weiter modern, auch als nachher die Schranken wieder eingerissen wurden: die Namen von 1946 hießen ebenfalls van Gogh- und Manet, Rilke und Kokoschka, Schönberg und Kubin, das heißt: die Moderne von 1900 hatte beide Kriege gesund überdauert und war vier Jahrzehnte hindurch modern geblieben. Es gab keine neue, trotz unzähliger neuer Namen, die aufgetaucht warten. Die Gründe? Liegtes nur an den Kriegen, an der verworrenen Zeit, die den Menschen andere Sorgen brachte? Oder sind die menschlichen Gesamtenergien von anderen Gebieten, von den Naturwissenschaften, der Technik, der Politik, absorbiert und aufgesogen?

Die Ursachen liegen wohl tiefer, weniger im Äußeren als im Sinnvollen. Es ist wohl so, daß es darum keine neue Moderne gegen die letzte von 1900 mehr gegeben hat, weil die Wendung von damals nicht nur für ein paar flüchtige Jahre galt, sondern von grundsätzlicher Bedeutung für die gesamte Zukunft, für das ganze Jahrhundert und das ganze Leben gewesen ist. Der kluge Hamburger Maler und Schriftsteller Friedrich Ahlers-Hestermann hat einmal im Krieg ein Buch "Stilwende" veröffentlicht, das diese Tatsache mit schöner Deutlichkeit am Bilde der Entwicklung von 1900 aufzeigt. Schon beim Durchblättern des Buches. erlebt man das Wesentliche der ersten Moderne: sie war die entscheidende Auflehnung gegen das 19. Jahrhundert als das saeculum histericum,war Abbruch der lähmenden Beziehungen des Lebens wie der Kunst zum Vergangenen und damit bewußtes Schaffen von Fundamenten für das Moderne überhaupt, für das bleibend Moderne. Den Menschen von damals ging es bewußt um die Begründung einer neuen, vom Vergangenen unbelasteten Welt; es ging ihnen zuerst gegen das Geschichtliche, gegen den Historismus im Malen und Dichten, dann aber ebensosehr gegen den im Bauen und Wohnen, ist Denken und Leben, im menschlichen Dasein überhaupt. Man sagte modern und meinte das Unmittelbare, man sagte comtemporanéite und meinte Gegenwart und Zukunft, die eigene und die kommende Welt, das Gewesene wurde sich selber überlassen. Die Geschichte wirkte auch, ohne daß man auf sie Rücksicht nahm, von selber in allem mit, was man dachte und schuf und nutzte und gestaltetet es kam auf unsere Welt an. auf die Gegenwart, das Heute, auf das Moderne. Und zwar auf das Moderne des Ganzen, unserer ganzen Welt, nicht nur in Kunst und Dichtung und Denken und ähnlichen Teilgebieten. Das Leben in seiner Totalität sollte neu geformt werden. aus neuem, modernem Geist; es galt, die Formen zu finden, in denen es sich unbehindert durch Historie und Tradition unmittelbar und direkt auswirken und entfalten konnte. Das war der Sinn der Moderne von 1900 und ihres Kampfes gegen die Geschichte; aus diesem Sinn heraus aber ist sie selber Geschichte schaffend in die Historie eingegangen und hat gestaltend und bestimmend über die kurzen Jahre hinweg weiter gewirkt, die sonst einer Kunstbewegung beschießen sind – bis heute:

Darum aber konnte diese Moderne auch selbst nicht wieder von einer neuen abgelöst werden, weil sie erheblich mehr war als nur eine Moderne, nämmit Anbruch eines grundsätzlich Neuen und Bruch mit einer erstorbenen Vergangenheit. Das damals Neue war nicht nur Strawinskys kühle Stelle auf dem Kopfkissen, die man aufsucht, Wenn man Abwechslung gegen die Gewohnheit gewordene Wärme wünscht: es war Notwendigkeit, war erster Wille zu lebendigen Gegenwartsformen gegen die Geschichte und darum selbst geschichtsbildend. Das Neue, Moderne, was seitdem kam, erwuchs aus der gleichen Tendenz, war in gleichem Sinn modern wie das vorhergegangene: so brauchte es diese seine Modernität nicht mehr besonders zu betonen. Es ging auf in der Gesamtmoderne, die mit dem 20. Jahrhundert begonnen hatte und die seitdem als Grundstrebung das Leben beherrscht hat, so sehr sich auch die Mächte der Vergangenheit zur Wehr setzten. Nur darum war es möglich; daß die Kunst der letzten Menschenalter vom Impressionismus, über den Expressionismus bis zum Surrealismus und der neuen Sachlichkeit von der Jugend von heute als modern hingenommen und – angesehen wird, daß die große französische Ausstellung von 1946, die bei Monticelli und Boudin begann, durchaus als gegenwärtig begrüßt wurde – und daß die Formensprache der heute Jungen im wesentlichen kaum von den Ausdrucksmitteln der vorhergehenden – Generationen von 1900 bis zur Gegenwart unterschieden ist.

Es gibt keine Moderne mehr, weil das Moderne als allgemeiner Zeitausdruck so sehr gesiegt, das Leben und seine Formen überall so bestimmt hat. daß jede Bewegung, die sich gegen seine Welt auflehnen würde, automatisch dem Schicksal der Unmodernität verfallen müßte.