Die Tagung der großen Vier in Moskau hat bisher zu wichtigen Beschlüssen nicht geführt. Bei den Sitzungen der Außenminister hat sich, gewissermaßen von selber, das Verfahren durchgesetzt, alle großen Fragen des Kontrollratsberichts – so die Entnazifizierung, Entmilitarisierung, Demokratisierung und die territoriale Gestaltung Deutschlands – provisorisch durchzusprechen, die Standpunkte kurz zu klären und dann die Behandlung der Materie an Ausschüsse zu verweisen oder auf später zu verschieben. Die Sitzungen der Außenminister sind öffentlich, es läßt sich nicht vermeiden, daß dabei hin und wieder auch für die Galerie gesprochen wird und die Gegensätze mit pointierter Schärfe vorgetragen werden, wobei Rußland meistens den Ton bestimmt. Von Zeit zu Zeit werden hierbei aber auch Vorstöße sehr ernsthafter und grundsätzlicher Natur gemacht, und zwei waren besonders bedeutungsvoll: Sie kamen von Staatssekretär Marshall und Außenminister Bidault.

Eine gesetzliche Festlegung der Stellung, die die Besatzungsmächte in jedem deutschen Einzelstaat einnehmen, und auch der Art, wie sie ihre Aufgaben erledigen, forderte Marshall. Jedem einzelnen Deutschen müssten die Menschenrechte zugesichert werden, und jede Regierung oder Gruppe, wie mächtig oder umfassend sie auch sein möge, müsse gehindert werden, diese Grundrechte irgendeinem einzelnen Menschen oder einzelnen Gruppen, wie schwach und klein sie auch seien, fortzunehmen und sie in Furcht zu versetzen. Nur so könne ein Wiederaufbau Deutschlands auf demokratischer Grundlage erfolgen.

Dies sind Grundsätze, die der anglo-amerikanischen Auffassung von Demokratie zugrunde liegen und die einen wesentlichen Bestandteil der Atlantic-Charter und der Verfassung der UNO bilden. Ihre Verkündigung auf der Konferenz, ebenso wie der von Bevin zu den Fragen der Freizügigkeit, der Entlassung der Kriegsgefangenen und der Hebung der deutschen Produktion eingenommene Standpunkt zeigen, daß beide Alliierte die Ideale aufrechterhalten wollen, für die sie in den Krieg gezogen sind.

Die grundsätzliche Stellungnahme Bidaults hingegen war, wie leider zu erwarten war, negativer Natur. Der französische Außenminister ging von der Feststellung aus, daß das deutsche Gebiet der vier Zonen übervölkert und daß es unmöglich sei, den weiteren Zustrom von Vertriebenen, die er mit zwei Millionen bezifferte, hier aufzunehmen. Er verglich die geringe Zahl der Polen und Franzosen, bezogen auf den Quadratkilometer Boden, mit der hohen Bevölkerungsdichte im heutigen Deutschland und verschwieg dabei, daß die französische Besatzungsmacht sich geweigert hat, Flüchtlinge in ihrer Zone aufzunehmen. Statt die logische Konsequenz zu ziehen, die vorläufige Ostgrenze wieder zurechtzurücken und damit ein Gebot der Gerechtigkeit zu erfüllen, schlug er vor, eine Auswanderung großen Stiles zu organisieren und dadurch Deutschland auch noch seiner Arbeitskraft zu berauben, die er als einen Teil des deutschen Kriegspotentials bezeichnete. Dies alles tat er im Namen der "Sicherheit Frankreichs", jener These, die schon einmal Napoleon nach Moskau geführt hat, eben der Stadt, in der heute die Friedenskonferenz tagt.

Man braucht die beiden: Äußerungen von Mar-– shall und Bidault nur zu vergleichen, um zu vergehen, welche modern ist und in die Zukunft weist und welche antiquiert bleibt und von der Vergangenheit und einem Festhalten an verklungener Größe lebt. Die Franzosen haben nicht begriffen, daß es nicht mehr genügt, "Kultur" zu exportieren, tun sich heute eine Vormacht des Geistes zu erhalten. Die Welt verlangt Menschlichkeit und ein rechtliches Gewissen. Wer diese Ideale hochhält und für sie kämpft, wird die Führung an sich reißen. Es ist jetzt viel von einem Zusammenschluß Europas die Rede; aus dem Geiste, den Frankreich vertritt, wird er nicht zustande kommen. –el