Als Abschluß der dreitägigen Unterhausdebatte über die britische Wirtschaftspolitik bemerkte der Ministerpräsident Attlee, daß zwischen Regierung und Opposition ein größeres Maß an Übereinstimmung über die britische Wirtschaftspolitik bestehe, als man angenommen hatte.

Einig sind sich Regierung und Opposition in der Analyse: Die Wirtschaft Großbritanniens ist eine Mangelwirtschaft, die Schwierigkeiten sind die einer Überproduktionskrise, Großbritannien lebt über seine Verhältnisse und muß entweder den Lebensstandard senken oder die Produktion erheblich erhöhen. Einig sind sich Regierung und Opposition ferner in dem Grundcharakter der zu ergreifenden Maßnahmen: Abgelehnt wird von beiden Seiten eine freie Konkurrenzwirtschaft liberalistischen Charakters wie auch eine Planung totalitärer Art; gefordert wird eine demokratische Planung, um so die Lücken und Mangelerscheinungen zu beseitigen.

Es fehlt noch der Plan. Die Regierung plane, so bemerkten die Kritiker bissig, eine Planwirtschaft ohne Plan. Ihnen antwortete Attlee, daß an einem Plan gearbeitet werde. Ausgearbeitet werden soll dieser Plan, wie aus den Ausführungen vom Handelsminister Cripps hervorgeht, in einer engen Zusammenarbeit der Regierung mit allen Beteiligten, Industriellen und Arbeitern. An der Spitze des vorgesehenen Generalstabs der Planung soll ein Industrieller stehen, ihm zur Seite von der Regierung der Unterstaatssekretär des Handelsministeriums, Professor Marquand. Beschwichtigend erklärte Cripps, daß ein radikaler Kurswechsel oder Zwangsmaßnahmen nicht zu befürchten wären; Nennenswerte Einzelheiten über diese Planung hat die Parlamentsdebatte nicht ergeben, konnte man wohl von ihr billigerweise auch nicht erwarten.

Zu den Schwierigkeiten, insbesondere zu der Kohlenkrise der letzten Wochen, kam es vor allem, weil die Arbeitsleistungen nicht ausreichten. Churchill unterstrich speziell diesen Gesichtspunkt. Der Sozialismus, so führte er aus, zerstöre das freie Leben und lähme somit den Unternehmungsgeist und die Energie. Außerdem sei das britische Volk unterernährt, weniger gut genährt als Holländer, Belgier und Dänen und somit nicht genügend leistungsfähig. Die Erhöhung der Arbeitsleistung ist also teils eine Ernährungsfrage, teils eine politische Aufgabe des Ansporns der breiten Masse, teils schließlich eine technische Angelegenheit. Als solche steht diese wichtige Frage außerhalb des Streitpunktes, ob Sozialismus oder nicht. Neue und bessere Maschinen, rationellere Organisation, sinngemäße Verwendung der knappen Mittel, eine die Produktion fördernde Finanz- und Wirtschaftspolitik wurden als Mittel genannt.

Aber auch wenn durch Rationalisierungsmaßnahmen und durch eins Stärkung der Arbeitsfreude und der Initiative die Arbeitsleistungen wesentlich erhöht würden, bleiben sie noch hinter dem Notwendigen zurück, weil wie Manchester Guardian berechnet hat, mehr als eine Million Menschen fehlen. Dieses ist das entscheidende Problem, das sonderbarerweise im Unterhaus nur am Rande berührt wurde. Es fehlen Großbritannien die Menschen. Zur Kohlenkrise kam es z.B., weil die während des Krieges, nach dem Aufhören der Kohlenausfuhr, eingezogenen Kohlenarbeiter nie wieder ersetzt werden konnten. In der Kohlenindustrie soll die Zahl der Arbeiter bis Jahresende von 695 000 auf 730 000 gebracht werden, was unter Berücksichtigung der Abgänge 100 000 Neueinstellungen. bedeutet. Die Exportwirtschaft konnte die Arbeiterzahl gegenüber der Vorkriegszeit von 1,15 auf 1,5 Millionen bringen, muß aber 2,1 bis 2,4 Millionen Menschen beschäftigen, wenn das 175prozentige Exportvolumen erreicht werden soll. Die Frage, woher Großbritannien diese Kräfte nehnen soll, ist unbeantwortet geblieben. Einstellung von Fremdarbeitern wäre eine Lösung, aber dieser Weg findet wenig Gegenliebe. Verzicht auf die allgemeine Wehrpflicht wird als Ausweg noch eindeutiger abgelehnt. Von einer Erhöhung der Arbeitszeit war nicht die Rede. W. G.