Von Adolf Frisé

Als der heute sechsundvierzigährige französische Romancier Julien Green im Sommer 1945 nach mehrjährigem Exil ans den Vereinigten Staaten nach Paris zurückkehrte, begrüßte ihn das. literarische Frankreich als Sendboten zwischen den beiden Kontinenten. Es wir in der Tat eine doppelsinnige Wiederkehr. Von amerikanischen Eltern in Paris gehören, hatte Green, ans einer komplexen Gleichheit der in ihm widerstreitenden Spannungen unseres Jahrhunderts prädestiniert erscheinen können, der Gegentyp eines Thomas Wolfe, auch eines Hemingway zu werden und wie diese in der Begegnung mit Europa umgekehrt in dem Erlebnis der Neuen Welt seine eigentliche dichterische Erfüllung zu finden. Indes schon in seinen jungen Jahren, die er vorübergehend im Staate Virginia verbrachte, war die Zugehörigkeit zur französischen Kultur so tief eingewurzelt in ihm, daß die Konzeption zu seinem ersten Roman, die er damals von drüben mitbrachte, trotz äußerer amerikanischer Anklänge jene minutiöse Psychologie verriet, für die ihm allein Frankreich das Klima bot Das Landgut "Mont-Cinere", das den Roman den Namen gab, hätte statt in der nüchtern-aristokratischen Umwelt der Südstaaten ebenso gut in einer jener fiktiven französischen Provinzen liegen können, in denen er die meisten seiner späteren Erzählungen beheimatete.

Der Julien Green des Jahres 1940 trug das französisch-abendländische Erbe noch bewußter in sich. Diesmal brachte er nicht einmal die Klang- – farbe der anderen Welt zurück. Befragt, worin entscheidend die Wetterführung seines Werkes in den Jahren der Abwesenheit von Europa zu suchen sei, hob er hervor, daß er die Streitschriften und Essays von Charles Péguy, des im ersten Weltkrieg gefallenen wegweisenden Vorkämpfers des Frankreich der Dreyfußzeit und geistigen Bruders eines Mauriac und Bernanos, ins Englische übersetzt und damit ihre Herausgabe in Amerika ermöglicht habe. Dies, so betonte er. sehe er als seine wahre Mission dieser Jahre an. und er glaube, damit mehr für die Sache Frankreichs getan zu haben als im Dienst des amerikanischen Kriegsinformationsamtes, dem er sich zur Unterstützung der Résistance in seiner Heimat zeitweilig zur Verfügung stellte.

Das Bekenntnis zu Péguy, so sehr es in einer tief religiösen Verflechtung des Green’schen Schaffens – religiös in einer oft geradezu ketzerischen Besessenheit – begründet liegt, hat dennoch etwas Überraschendes. In diesem Wiederanknüpfen aneinen der entscheidenden Erneuerer der Katholizität im geistigen. Leben Frankreichs, mit seiner – Ausstrahlung bis in die überreale Traumwelt eines Jean Cocteau, scheint Julien Green aus dem ihm bislang wie selbstverständlich zugestandenen Außenseitertum freiwillig herauszutreten! Auch er, einer der sich schroff abschließenden Monomanen des modernen Romans, unterwirft sich unversehens der Macht der Tradition, die die Literatur Frankreichs heute wie vor fünfzig – Jahren bis in ihre eigenwilligsten Abzweigungen beherrscht. Die persönliche Bindung an Péguy aber stützt sich auf Worte wie diese: "Die Moral ist von den Schwächfingen erfunden worden. Und das christliche Leben ist von Jesus Christus erfunden worden." Bei Green übersetzen sie sich in eine bis zur Dämonie gesteigerte Religiosität, die nicht Erlösung verheißt, sondern nur trostloseste Verlassenheit in einem Abgrund von Sünde und Schuld. Ihren unerbittlichsten Ausdruck fand sie in dem Roman "Leviathan", der bei seinem Erscheinen Anfang der dreißiger Jahre, dem Bild les alles verschlingenden Moloch der Bibel getreu, durch die Schrankenlosigkeit seiner entlarvenden Seelen-, deutung. die Grausamkeit der Schicksalsverkettung mit Bestürzung und Bewunderung vermischtes Aufsehen erregte.

Kritiker sagten dem Dichter nach der Lektüre dieses Buches die differenzierteste Kenntnis der damals noch jungen. Psychoanalyse nach, verblüfft von der manischen Kühle, mit der er die Triebe und Leidenschaften seiner Menschen in der Grenzlage zwischen Wissen und Ahnung, zwischen dumpfem Erliegen vor sich und dem Schicksal und satanischer Lust zum Bösen entzauberte and sich dennoch zynischer Entstellung fernhielt. Angesichts der Vereinsamung, der Green seine Menschen anheimgab, schon in der "Adrienne Mesurat", durch die, ihm im Jahre 1928 ein Preis der Académie française zufiel, weiter mit unbeirrbarer Konsequenz in den Romanen "Epaves" ("Treibgut"), "Le Visionnaire", "Minuit", mußte er als ein sich in hoffnungslosen Nihilismus verlierender Dichter erscheinen, ein in die Bezirke des Religiösen verirrter Jünger des Iren James Joyce oder, wie wir es heute sehen könnten, als ein in trüben Gefühlswelten tastender Vorläufer von Jean-Paul Satire. Green indes war sich über den existentiellen Ausgangspunkt seines Schaffens niemals im Unklaren: im verführte ihn sein Katholizismus, der ihn unter dem Pseudonym Théophile Delaporte ein Jimphlet contre les catholiques de France" verfassen ließ, so wenig zur Inthronisierung des Martyriums im Sinne Claudels wie zur politischen Dialektik eines Jaques Martern oder zur Cottsuche eines Georges Bernanos. Die Mitgift seiner konfessionellen Herkunft war allein der Gedanke der passio weniger des Leidenwollens als des Leidenmüssens in einer ohne Gott dargestellten Welt, der er keinen höheren Sinn überzuordnen weiß als den der Ohnmacht gegenüber dem Schicksal.

Man weiß von Green, daß er nicht eine selbsterlebte Handlung in seine Romane verflicht. Er könne es nicht, gestand er einmal und verriet, daß er, der Pariser, die Geschehnisse seiner Bücher vornehmlich deshalb in die Provinz übertrage, weil er nie dort gelebt und daher unbefangen genug sei, den Schauplatz ohne falsche Illusionen aus der Phantasie zu gestalten. Er hätte hinzufügen können, daß die provinzielle Beengung, die seine Romane umgrenzt, im übertragenen Sinne nur Folie ist für die unentrinnbare Verstrickung, in die er sich und seine Menschen gestellt sieht. Das rätselhafte Phänomen eines Dichters, der, in der Kühnheit seiner Analyse von unüberbietbarer Modernität, sich die befreiende Erkenntnis aus dem Glauben heraus versagt und keine Selbstqual scheut, um bis auf die Sohle der Niederungen der menschlichen Seele hinabzusteigen. In einer autobiographischen Erzählung des Dreißigjährigen, "Lautre sommeil" betitelt, findet sich neben Spiegelungen von erschreckendem Nüchternheit ein Satz, in dem die ganze Philosophie der Green’schen Dichtung widerklingt: "Seide la Monotonie d’un mal le rend vraiment insupportable".

So muß man die Straßen all der Orte sehen, durch die er seine Gestalten hindurch führt: tot, leer gefegt, unwirklich fremd und unversöhnlich und doch von unverwechselbarer Realität. Die Monotonie des Bösen, jener in Nacht und Schatten untertauchenden. Welt, wie Green sie sieht, breitet sich über Felder und Wiesen, sie durchatmet die Zimmer und Gänge der Häuser, aus deren Fenstern der Blick eines liebescheuen Mädchens wie "Adrieine Mesurat", einer ungetreuen Frau wie in "Epaves", eines vor sich selber, fliehenden Mörder im "Leviathan" sich in eine unergründliche Ode verliert, in ein entkleidetes Nichts, aber in jene Unerträglichkeit des Ausweglosen, vor der jede Sehnsucht, jeder verschwiegene, noch so streng gehütete Wunsch zur äußersten Preisgabe wird.

Die Suggestivität der Green sehen Erzählungskunst, ihre Fugendichte, ihre erbarmungslose Behutsamkeit allein erklären nicht den besonderen Rang, der ihr innerhalb der heutigen französischen Romanliteratur jenseits der Schulen und modischen Verpflichtungen eingeräumt wird. Das unzeitgemäße Losgelöstsein, das in ihr konturenlos zum-Ausdrucke kommt, wirkt inmitten der gesellschaftlichen Attitüde, die dem Roman in Frankreich von Balzac, auch über Stendaal und Zola bis Jules Romains anhaftet, wie eine tragische Elegie, faszinierend dörch die undoktrinäre, gesprächslose Ausdeutung eines Glaubens, der sich als solcher nicht zu erkennen gibt. Was uns als Nihilismus erscheint, wird vor der natürlichen Skepsis des Franzosen zum Abbild einer von Illusionen unbeschwerten Welt, die er durch den Glauben nicht verklärt, auch nicht mit den Mitteln der Erkenntnis durchleuchtet, sondern im Höchstfall interpretiert oder diskutiert sehen will. Wenn Green auch weder das eine noch das andere gibt, so bleibt seine Welt, selbst im Schatten ihrer unerlösten Finsternis irdisch begreifbar in jene Metaphysik gestellt, die auf die Götter lieber verzichtet statt sich ihrer unkontrollierbaren Gewalt, und sei es nur einer vorgestellten, zu überantworten. Der Weg zu Charles Péguy, auf den Green sich jetzt begeben hat, legitimiert ihn in den Augen seiner Landsleute als einen Ketzer, der die Hölle der menschlichen Leidenschaften nur durchschritten hat, um dort wieder anzuknüpfen, wo seit Pascal oder noch früher die Mitte aller Dichtung und Philosophie in Frankreich begründet liegt: in der Fragestellung des Menschen schlechthin.