Das Gesetz, das in den Schlegel – Tieckschen Shakespeare-Übersetzungen waltet, ist das der Musikalität. Wer demgegenüber die Übersetzung von Hans Rothes lobt, weil ihre Sprache zupackender, klarer sei, vergißt, daß die "Umständlichkeit" der alten Übertragung mit ihren weiten Satz-, Perioden und verschlungenen Wortspiel-Arabesken den Reichtum und die Unbegrenztheit des Shakespeareschen Geistes viel besser, widerspiegelt. Kommt das Werk der Schlegel-Tieck etwa der musikalischen Polyphonie gleich, so läßt die Arbeit Rothes vergleichsweise nur die wesentlichen Melodien aufleuchten, oft allzu derb und knallig, oft schatten- und atmosphärelos. Rothes Übersetzung wählen, heißt: ins Publikum zielen. Aber die Gestalt Shakespeares, die uns durch die alte Übertragung. fast greifbar nahe war, tritt um jene Meterbreite zurück, die auf der Bühne so vieles entscheidet.

Dies ist aber auch das Einzige, was gegen die Aufführung von "Zweierlei Maß" an Stelle von "Maß für Maß" (wie es ursprünglich hieß) im Deutschen Schauspielhaus, Hamburg, einzuwenden wäre. Das Spiel der Darsteller hatte fast das Maß der Vollkommenheit wenn man davon absieht, daß die Rüpelszenen ein wenig zu grell hervorträten, wofür eben hauptsächlich jener Hans Rothe und nicht so sehr der Regisseur Friedrich Brandenburg verantwortlich war. Zwar ist es ein Schönheitsfehler, wenn der sonst so treffliche Komiker Willy Grill auch als Polizeiperson im Shakespeareschen Studie darauf, besteht, den hamburgischen Akzent, der immer die Lacher auf seine Seite zieht, beizubehalten. Hauptsache jedoch, daß man auch diesmal spürte, über wieviel hervorragende Chargen-Spieler das Schauspielhaus verfügt (Gustel Busch, Joseph Offenbach, Josef Dahmen, Walter Klam), da hier die ersten Voraussetzungen für eine wirkliche Ensemble-Kultur ruhen.

Werner Hinz, der Herzog, der Urlauber im Mönchsgewand, der – ein anderer Diogenes – auszieht, Menschen zu suchen. und ihr Maß der Güte und Gerechtigkeit zu prüfen, war der reife Gegenspieler Will Quadfliegs, dieses geradezu unheimlich begabten Darstellers, der dennoch in allen seinen Leistungen heiß um das künstlerische Gleichgewicht ringen muß und diesmal als Statthalter auf dem gefährlichen Grad zwischen Gut und Böse, Pflicht, Leidenschaft und Schuld ein ganzes Pandaimonion der Gefühle offenbarte bis zur kläglichen Entlarvung. Ganz schlackenlos war das Spiel Maria Wimmets, dieser: großen Künstlerin, die als Isabella tapfer, voll edler List und süßer Schönheit war: der reinste Klang in einer Inszenierung, mit der im würdigen Rahmen der Bühnenbilder Grönings das Deutsche Schauspielhaus – eigentlich zum ersten Male wieder – bewies, daß es alle Mittel besitzt, eine der ersten deutschen Bühnen zu werden,

Josef Marein