In einer Rede an der Universität Princeton zum Geburtstag von George Washington, der einzigen Rede, die er als Staatssekretär vor seiner Abreise nach Moskau öffentlich in Amerika hielt, sagte General Marshall: "Ich habe sehr ernste. Zweifel; ob irgend jemand gewisse grundlegende internationale Gegebenheiten Von heute mit vollkommener Einsicht und mit ernsthafter Überzeugung beurteilen. kann, der nicht wenigstens die Zeit des Peleponnesischen Krieges und der Niederlage der Athener noch einmaldurchdacht hat." Wir möchten sagen "Es. kann angesichts der Vorschläge, die in Moskau vorgebracht werden, niemand eine zutreffende Vorstellung von der Entscheidung gewinnen. die dort für Deutschland und die Welt getroffen wird, der sich nicht ein klares geschichtliches Bild von dem Westfälischen Frieden des Jahres 1648 macht und vor. dem Einfluß, den er auf die folgenden Jahrhunderte der europäischen Geschichte gehabt, hat."

Der Peleponnesische Krieg war ein Machtkampf zwischen Athen und Sparta und zugleich der Kampf zwischen einer Demokratie und einem diktatorisch regierten Militärstaat. Diesen Krieg gewann Sparta zum Teil dank der Uneinigkeit der Athener Bürger, deren innere Streitigkeiten zu einer unentschlossenen Kriegführung und zur Abberufung fähiger, bedeutender Männer führte. Sparta benutzte seinen Sieg, um sowohl in Athen als auch bei dessen griechischen Bundesgenossen in grausamer Form die demokratischen Einrichtungen zu beseitigen und lokale Diktaturen zu errichten. Die Rede von General Marshall enthält; also einen deutlichen Hinweis auf den Konflikt zwischen Amerika und Rußland, der heute die Welt in zwei Lager zu spalten droht. Sie war eine erste Ankündigung jenes Kurses der amerikanischen Politik, der dann wenige Tage später seinen offiziellen Ausdruck fand in der großen Rede, in der Präsident Truman Anleihen für Griechenland und die Türkei forderte. Inzwischen hat sich die Ankündigung dieses Kurses noch verschärft durch die Verordnung des amerikanischen Präsidenten, daß alle hohen Regierungsämter daraufhin zu überprüfen seien, wieweit sich in sie amerikafeindliche Elemente eingeschlichen hätten.

Elemente, unter denen nicht nur Mitglieder, sondern auch "Mitläufer" der Kommunistischen Partei zu verstehen sind. Der-stellvertretende amerikanische Staatssekretär, Dean Acheson, ging sogar so weit, Kongreßausschuß für auswärtige Angelegenheiten zu sagen, jede von den Kommunisten geführte Regierung irgendwo in der Welt sei "für die Sicherheit der Vereinigten Staaten gefährlich". Der Hinweis Marshalls auf den Peleponnesischen Krieg war also eine Mahnung, Einigkeit und Entschlossenheit zu bewahren zur Unterstützung der amerikanischen Außenpolitik.

Der Westfälische Friede nun, auf den wir verweisen, beendete den Dreißigjährigen Krieg. in Deutschland, der, ursprünglich aus religiösen Streitigkeiten entsprungen, durch das Eingreifen Frankreich zu einem europäischen Machtstreit geworden war. Im nächsten Jahr, das vielleicht den neuen Frieden für Deutschland bringen wird, werden drei Jahrhunderte vergangensein, – seitdem er inMünster und Osnabrück geschlossen wurde, drei Jahrhunderte, deren politisches Geschehen innerhalb Europas sehr wesentlich durch ihn mitbestimmt worden ist. Dieser Friede hatte endgültig die kaiserlicheAutorität in Deutschland geschwächt. Die deutschenFürsten festen hatten das Recht erhalten zu einer selbständigen Außenpolitik, mit der Befugnis, Bündnisse mit fremden Mächten abzuschließen; die Einschränkung, daß solche Bündnisse nicht gegen das Reich gerichtet sein dürften, wurde weder ernst – genommen, noch eingehalten. Die Macht der Habsburger war dadurch praktisch auf die österreichischen Erblande beschränkt werden. Der Rest Deutschlands stellte nur noch eine lockere Föderation einzelner territorialer Gewalten dar, seine einheitliche Macht war zerstört. Dies war die Krönung der französischen Außenpolitik, so wie sie von Richelieu begonnen und von Mazarin fortgeführt worden war. Der französische Einfluß, war in Münster ausschlaggebend gewesen. Die französische Politik fand dort ihren Ausdruck in den zynischen Worten des französischen Bevollmächtigten. Graf d’Avaux, man solle "die Religionsstreitigkeiten in Deutschland nicht beendigen, umdurch solche Schwächung der Einmischung und Eroberung immerdar sicher zu sein".

Zur Erreichung dieses Ziels genügten aber bereits die territorialen Bestimmungen. Frankreich erhielt außer der Bestätigung früherer Eroberungen, die österreichischeLandgrafschaft im oberen und unteren Elsaß sowie die Landvogtei über zehn im Elsaß gelegene Reichsstädte – zu denen Straßburg nicht gehörte –, wobei es. aber diesen Städten, die bisherigen Freiheiten und.-die Zugehörigkeit zum... Deutschen Reich zusichern mußte. Aus diesen Erwerbungen leitete Ludwig XIV. das Recht ab, durch die sogenannte Réunion, die "Wiedervereinigung weitere Teile des deutschen Landes Frankreich zu vereinigen. Doch nicht nur diese Rèunionskriege, die aus ihnen entspringenden,Verheerungen der Grenzländer und weiteren Eroberungen deutscher Gebiete auch die ständige Einmischung in innerdeutsche Streitigkeiten wurden immer wieder mit Bestimmungen des Westfälischen Friedens begründet.Dieser Friede war die Hauptursache für dietrostlosen nicht endenden Kämpfe zwischenDeutschen und Franzosen und damit zugeleich auch eine der-Wurzeln jener Konstellation, den ersten Weltkrieg herbeiführte.

Auch die heutige französische Politik, die unter der Devise"Sicherheit Frankreichs" geführt wird, steht unter den gleichen Vorzeichen wie die frübere, die von Richelieu und Mazarin begonnen wurde. Sie arbeitet auch mit ähnlichen Methoden. Denn was bedeutet jene Vergrößerung des Saargebiets, auf dessen wirtschaftliche Ausnutzung Frankreich Anspruch zu haben glaubt, durch die Hinzufügung der Kreise Saarburg und Wadern sowie einer Anzahl von Gemeinden der Kreise Birkenfeld und Trier-Land anderes als eine Politik der Réunion? Und gleicht der von Bidault geforderte lockere Staatenbund mit selbständiger Außenpolitik der einzelnen Länder, nicht genau dem Zustand, den Frankreich im Westfälischen Frieden für Deutschland durchgesetzt hat?

Diese Schwächung allein allerdings genügt den Franzosen heute nicht. Sie haben sich Polen gegenüber bereit erklärt, – die provisorisch als Verwaltungsgrenze festgelegte OdA-Neiße-Linie als endgültig anzuerkennen. Die Bevölkerungsdichte wiederum, die damit in Deutschland infolge der Ausweisungen der Deutschen aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei entstehen müßte, wird als eine neue Bedrohung Frankreichs empfunden. Sie soll nach französischen Vorschlägen dadurch behoben werden, daß eine groß angelegte Auswanderung von Deutschen organisiert wird, und zwar in dem Maße, daß eine Bevölkerungsdichte entsteht, die der von Frankreich und Polen nahekommt, eine Auswanderung also, die mindestens 35 Millionen Deutsche – also mehr als Clemenceaus "vingt millions de trop" – umfassen müßte. Diese Methoden sind, wie es der Übung französischer Politik entspricht, sehr realistisch; das Ziel ist, wie immer, romantisch, es heißt: Hegemonie Frankreichs in Europa.