Dieser Oper des jungen Benjamin Britten ging ein großer Ruf voraus, der nicht zuletzt auf der Tatsache beruhte, daß das englische Opernschaffen seit Purcells "Dido", also seit mehr denn 250 Jahren, stumm und tot war. Und das Werk Brittens enttäuschte die Erwartungen nicht. Der Komponist, dem der große Wurf gelang und dem in der Musikgeschichte das Verdienst bleiben wird, die Stimme seines Heimatlandes wieder auf dem internationalen Forum der Oper, zum Erklingen, gebracht zu haben, ist mit seinen knapp über dreißig Jahren, wie nahe Freunde berichten, ein sympathischer, persönlich bescheidener Mann, dem Musizierfreude mehr, wert ist als musiktheoretische Problematik. So gab er mit frisch zupackendem Griff dem Theater, was des Theaters ist. Und wenn man nicht allein von Spannender Fabel; sondem auch von spannender Musik sprechen durfte, so wäre dazu – bei Britten und seinem "Peter Games" Gelegenheit. Die Fabel vom Fischer Grimes, dem verschlossenen, schwerblütigen Eigenbrötler, der Unglück mit seinen Fischerjungen hat – der erste stirbt ihm auf See "mitten zwischen den Fischen", der zweite stürzt vom steilen Riff zu Tode – und der den Verdacht nicht los wird, ein Mörder zu sein, hat Montogu Slater nach einer Ballade von George Crabbe zu einer Handlung gestaltet, die straff und unerbittlich zu jener unvergeßlichen Szene führt, da der Unglückliche von seinem einzigen Freund und im Angesicht der geliebten Frau den Rat empfängt, aufs Meer hinauszufahren und samt dem Boot in den Wellen zu versinken. So geschieht es, während die Gemeinde, die kurz zuvor noch Gott in der Kirche pries und deren anklagende Rufe. "Peter Grimes!" später wie Teufelsbeschwörungen gellten, seltsam starr, teilnahmslos und unerbittlich zusieht. Die Masse und der Einzelne –: so heißt das heute so aktuelle Problem, das diese Oper über manches Konventionelle der Handlung hinaus so tief erregend wirken läßt, daß es bei der Premiere nicht allein demonstrativen Beifall, sondern auch Tränen der Erschütterung gab.

Brittens Musik ist oft brutal und muß es wohl sein. Manchmal klingt sie wie Anklage. Das heißt: es ist eine durch und durch moderne Musik und gerade in ihren Höhepunkten von unmittelbarer Wirkungskraft, auch wenn sie stets im Diesseitigen, ja, im Theatermäßigen bleibt. Diese kluge Selbsbeschränkung und eine – unentwegt schwelende Glut der kurztaktigen, doch wertschwingenden Melodien – rasch auflodernd, rasch zusammenprasselnd – machen. den entscheidenden Teil der Wirkung aus; ja, fast konnte man in dieser Hinsicht von einer modernen Nachfolge Eugen d’Alberts in seinen besten Werken sprechen. Diese Musikhält alles, was sie verspricht, und mehr noch: sie weist auf einen Komponisten, dem auf dem Gebiet der Oper bestimmt ist, vielleicht sogar noch einmal Entscheidendes zu sagen.

Das packende Bühnenbild Alfried Sierckes, der den Peter Grimes in moderne Seemannskluft gesteckt hatte, weshalb sich diese Figur seltsam zeitnah abhob von den anderen Gestalten in der Mode vor hundert Jahren, ließ die Atmosphäre der sturmüberwehten Küste voller Dämonie lebendige werden. Heinrich Hollreiser, der Düsseldorfer Dirigend, zuletzt rühmenswert hervorgetreten durch die "Mathis"-Aufführung in der rheinischer Metropole, steuerte das bewundernswert aufmerksame Orchester überlegen durch alle rhythmischen Vertracktheiten der Partitur. Erna Schlüter, die große Sängerin, Guste Hammer, Hedy Gura, Caspar Bröcheler, Alfred Pfeifle, Sigmund Roth, Fritz Göllnitz, Johannes Draht und Gustav Neidlinger waren die Mit- und Gegenspieler des charaktervollen Peter Markwort in der Titelrolle. Und da der von Heinz-Reinhart Zilcher einstudierte Chor wesentlich die Handlung zu tragen hat, boten sich dem genialen Regisseur Günther Rennert unaufhörlich Gelegenheiten, in erregenden Massenszerien die ohnedies den besten Teil des Werkes bilden, Meisterleistungen erfüllten Theaters zu zeigen, auf die die Hamburger Staatsoper stolz sein darf und die man, da viele Gäste von nah und fern gekommen, auch anderwärts wird zu rühmen wissen.

Josef Marein