Von Albert Camus

Unter den jüngeren Schriftstellern Frankreichs zählt Albert Camus zu den besonders begabten und regsamen. In seinen "Briefe an. einen deutschen Freund" nahm er nach dem Zusammenbruch als einer der ersten die Verbindung zu der Generation "der Jungen" in Deutschland auf, bemüht, die durch den Krieg unter brochenen geistigen Beziehungen zu dem Nachbarn im Unglück wiederherzustellen. Den Gedanken der Versöhnung dient auch, bei aller Schärfe in der charakterlichen Zeichnung der Hauptfiguren und der Zuspitzung des dramatischen Ablaufs, das Bühnenwerk "Caligula", durch das Camus seinen Erfolg und Ruf auch als Bühnenschriftsteller erneut beweist. Das Werk ist. von Ernst Glaeser und Hans H. Häuser ins Deutsche übertragen, im Bühnenvertrieb des Verlages Kurt Desch in München herausgekommen. Als Zeitstück im historischen Gewande, das der Staat Rom in den Jahren seines beginnenden Niedergangs dem Drama leiht, schildert es in der Figur des Kaisers Caligula einen Despoten, dessen abgründigeCharaktereigenschaften durch pathologische Züge fixiert werden. Hypertrophie und hemmungslose Entwürdigung der Beherrschten, niedrige Listien und grobes Machtfühlen gehen in dieser Erscheinung überzeugend auf. Wir brin gen die 9. Szene des 2. Aktes zum Abdruck, in der der gefürchtete Mann zu einem literarischen Wettbewerb die Dichter aufmarschieren läßt, um sie "auf Anhieb" über den Tod deklamieren zu hören.

(Caligula tritt auf, finsterer denn je.) Caligula: Ist alles bereit?

Caesonia: Alles. (Zu einem Gardisten): Laßt die Dichter eintreten. (Ein Dutzend Dichter, immer zwei zu zwei, treten auf. Sie marschieren im Gleichschritt und stellen sich auf die rechte Seite der ßühne.) Caligula: Und die anderen?

Caesonia: Metellus! Scipio! (Metellus und Scipio gesellen sich zu den Dichtern. Caligula nimmt im Hintergrund zusammen mit Caesonia und den Patriziern Platz.) Caligula: Sujet: Der Tod! Frist: eine Minute. (Die Dichter beginnen schnell auf ihrenTäfelchen zu schreiben.)

After Patrizier: Wer wird die Jury sein?

Caligula: Ich. Das genügt wohl?!