Von Herbert Fritsche

Peladan le Sar: Das Antlitz eines chaldäischen Hierophanten wird eingerahmt von der schwarzen wirren Lockenfülle des Hauptes und von einem viereckig geschnittenen Vollbart. Er trägt ein wallendes Phantasiegewand mit weißem Spitzenkragen und ist sich bei jedem Schritt, den er tut, der Großmeisterwürde bewußt, die ihn an die Spitze des von ihm gegründeten magischen Ordens stellt. Seine bohrenden Fakiraugen und die im Ton eines psalmodierenden Pathos abgefaßten Romane künden von seinem Wesen: christlicher Kabbalist will er sein, dem Gral und dem Rosenkreuz verschworen, ein Eingeweihter in die zeremonielle Magie und in die divinatorischen Künste, und zugleich betrachtet er es als seine Aufgabe, den Niedergang der romanischen Kultur zu verkünden und seinen Getreuen den Weg der magisch-alchymischen Wiedergeburt zu bahnen. Das Hauptmotiv seiner frühen Romane – zusammengefaßt unter dem Gesamttitel "La Décadence latine" – ist die Umwandlung desbanalen Eros in jene geheimnisvoll zeugende Kraft, die den unverweslichen androgynischen Menschen erstehen läßt. Die Trilogie "L’initiation sentimentale" und die Romane. "Der Androgya" und "Gynandria" behandeln mitPathos und einem gewaltigen Aufwand geheimwissenschaftlicher Mitteilungen und Andeutungen dieses Mysterium und sind darin den großen okkulten Romanen Gustav Meyrink wesensvervandt. Ein leidenschaftlicher Hasser alles Nationalen und Militärischen, hat Peladan stark auf den religiös gefärbten Pazifismus in Frankreich gewirkt, ist aber vor allem als der Apostel Richard Wagners und als markanter Repräsentant eines katholisch gefärbten Okkultismus ins Bewußtsein seiner Zeitgenossen eingegangen. August Strindberg begrüßte ihn als den Herbeiführereines neuen Morgens christlicher Weltverwandlung. In einem Peladans Bedeutung gewidmeten Kapitel seines Romans "Die gotischen Zimmer" Strindberg. Was ist mit dem Mann,daß er nicht über seine Kreise hinausgedrungen ist?" Und er antwortet: "Er war zu gebildet, um von allen begriffen zu werden; er war christlich, wie ein Kreuzfahrer, und das standihm im Wege bei den Heiden..." Strindberg hat noch miterlebt, wie die französische Jugend der neunziger Jahre von Zola abrückte und sich Peladan zum Lehrer und Propheten erwählte und wie die verschiedenen Bewegungen des Symbolismus ihren Mittelpunkt in seiner eigenartigen und auffallenden Persönlichkeit fanden.

Vor Jahrzehnten wagte, der Strindberg-Übersetzer Emil Schering eine deutsche Peladan-Gesamtausgabe; das Unternehmen mißlang, ein nennenswerter Einfluß des französischen Magiers auf unser Geistesleben kam nicht zustande. Nunmehr wiederholt Schering sein Wagnis: Peladans Roman "Das allmächtige Gold" eröffnet die endgültige deutsche Ausgabe seiner Werke, die jetzt im Hermann Meister-Verlag, Heidelberg, zu erscheinen beginnt. Der Niedergang einer großen und idealen Liebe, dienicht willens und imstande ist, sich der Allmacht des Goldes zu beugen, wird mit einer beschwörenden und anklagenden Sprache erzählt, wie wir sie ganz ähnlich – und auch von einem eng verwandten Thema her aus Leon Bloys "Blut der Armen" kennen. Mit einer Art schwarzer Messe, im Irrenhaus zelebriert – ein Hundertfrancstück ist die zu Ehren der Gottheit Geld konsekrierte Hostie – schließt das Buch.

Nur eine einzige Seite Peladans ist von diesem Romain her erlebbar. Das Schillernde seiner Persönlichkeit, in der so viel Beschwörungsgewalt, Zeitkritik, magischer Wandlungswille und Mut zum Sonderlichen steckt, offenbart sich am eindrucksvollsten in den drei Romanen"L’initiation sentimentale", die einen unvergeßlichen Einblick in das vordergründige und in das okkulte Leben der dritten Republik gewähren. Wir wissen in Deutschland viel zu wenig vom okkulten Frankreich. Der Jakob Böhme-Interpret Claude de Saint-Martin, der sich "le philosophe inconn" nannte und dessen Werke von Matthias Claudius, Gotthilf Heinrich von Schubert und Varnhagen von Ense übersetzt, von Franz von Beader ausführlich kommentiert wurden, rief die magisch-esoterische Bewegung des Martinismus ins Leben, in deren Strom auch der abtrünnige Priester Alphonse-Louis Constant gehört. Constant schrieb hinter dem kabbalistischen Namen Eliphas Levi umfangreiche magische Lehrwerke, deren Auswirkung sehr weit reicht. Über die unheimlichen Abirrungen dieser Geistesrichtung berichtet der mit Ungeheuerlichkeiten vollgestopfte Roman "Tief unten" von J. K. Huysmans, aber es sei auch daranerinnert, daß der aus Eliphas Levis Schule hervorgegangene FrauenarztDr.Gerard Encausse – bekanntgeworden unter seinem Pseudonym Papus – als einflußreicher Magier eine große Rolle am Zarenhof spielte, ehe dort Rasputin auftrat und alle anderen okkulten Sterne mit seinem fragwürdigen Licht überstrahlte.Während in Deutschland das Okkulte fast immer zu sektiererischem Winkeldasein verurteilt oder von Halbbildung durchseucht war,ist es im französischen Leben auf eine ganz andere Weise wirksam geworden. Wie ein Fabeltier der Vorzeit mutet uns Joséphin Peladan an, insbesondere wenn wir hören, daß er Lehrbücher der rituellen Magie verfaßt und Anweisungen für die Praxis des Tarokkartenorakels gegeben hat – und ganz gewiß hat der merkwürdige Mann auch unter seinen Zeitgenossen in Frankreich anstößig herausfordernd oder belächelnswert gewirkt. Aber daneben ist er keineswegs bloß unter- und hintergründig, seinerzeit ein aufrüttelnder Mahner, ein Erwecker zum Wesen, ein Fackelträger der esoterischen Tradition gewesen. Wer in das Spirituelle Frankreich der Gegenwart hineinlauscht, hört dort noch immer das Rauschen seiner Toga, und wer seine großen Romane liest, empfängt eine ganz neue, überaus reizvolle und vor allem eine für das Antlitz der Wirklichkeit wichtige Sicht in ein verborgenes Kapitel der modernen Geistesgeschichte. Der Fremdling Peledan, dessen Einfluß Strindberg als "unberechenbar groß" bezeichnete, kommt uns nach dem zweiten großen Kriege abermals beschen – und aber- mals kommt er als "le Sar", als pathetischer Theurg. Aber sein Werk erweist, daß er wirklich ein Zauberer war. Wer mit ihm geht, dem wird nur mancher Rätselspuktransparent werden für das Leuchten der höreren Welt.