Rußland hat in der Zeit zwischen Kriegsende und dem Abschluß der Friedensverträge im südosteuropäischen Raum, eine sehr aktive Politik ent-– faltet, die sich nicht zuletzt auf, wirtschaftliche Maßnahmen stützt. Es ist Rußland gelungen, die besetzten, Staaten untereinander – intensiver, als dies bisher der Fall war – zu verflechtend wie auch jedes einzelne dieser Gebilde mit der eigenen Wirtschaft zu einer weitgehend unlöslichen Einheit zu verschmelzen.

Heute muß man das gesamte westliche Vorfeld der UdSSR, vom Schwarzen Meer bis Finnland, dem russischen Wirtschaftspotential hinzurechnen, I\n bezug auf all diese Gebiete hat Rußland vier Ziele vor Augen: niemals soll dieser Raum wieder militärisches oder ideologisches Aufmarschgebiet westlicher Mächte gegen den Osten werden können; durch soziale Reformen sollen die herrschenden Klassen vernichtet und die – neu zur Macht gekommenen Schichten Rußland verpflichtest werden; Mithilfe am russischen Wiederaufbau wird als moralische Verpflichtung nicht nur der besiegten, sondern auch der befreiten Länder angesehen; und schließlich – will die Sowjetunion ihre Wirtschaftlichen Hilfsquellen durch die Rohstoffvorkommen, Arbeitskräfte und Industrieanlagen jener,-Länder erweitern, deren Wirtschaft aus diesem Grunde möglichst ausschließlich nach Osten hin orientiert wird.

Zur Erreichung dieser Ziele bedient sich Rußland sowohl, politischer wie wirtschaftlicher Maßnahmen. Zunächst waren es die Waffenstillstandsverträge, dann die Handelsabkommen mit Polen, Bulgaren, der Tschechoslowakei und Jugoslawien, sowie die Reparationsabkommen mit Österreich, Ungarn und Rumänien, und schließlich die Gründung paritätischer Betriebsgesellschaften, die die Ausnutzung der Wirtschaftseinrichtungen und Bodenschätze dieser Länder ermöglichten. Sämtliche Wirtschaftspläne wurden soweit wie möglich, auf die russischen Bedürfnisse abgestimmt.

Bei den riesigen Abtransporten, besonders von Vieh, Maschinen und Fertigwaren während der ersten Besatzungszeit, wurde kaum zwischen eroberten und befreiten. Ländern unterschieden. Für die eroberten Länder folgten dann aber die Waffenstillstandsabkommen, deren Verrichtungen die Gesamtsumme der Reparationen noch weit übersteigen Den Umfang, den diese Leistungen für den russischen Wiederaufbau angenommen haben, läßt die Erklärung der rumänischen Delegation in Paris ahnen, die feststellte, daß ihr Land bereits vor dem Friedensschluß innerhalb von zwölf Monaten Lieferungen im Werte von 610 Millionen Dollar – das Doppelte der Reparationen – abgeliefert habe. Durch die Bildung, der Betriebsgesellschaften haben-Ungarn und Rumänien die Verfügung über Ihre wichtigsten Rohstoffe – Bauxit in Ungarn, Holz und Erdöl in Rumänien – praktisch aus der Hand fegeben. Auch die Donauschiffahrt soll in gleicher Weise gemeinsam genutzt werden, so daß die Sowjetunion dann auch über eine Donauflotte verfügt.

Die rassische Wirtschaftspolitik hat, sich im allgemeinen zweier Methoden bedient: erstens hat sie sich in vielen Fällen das Monopol für bestimmte Rohstoffe gesichert und zweitens in allen Fällen die intakt gebliebene Industrie der einzelnen Länder durch Veredelungsaufträge mit der eigenen Wirtschaft verkoppelt, Der neue Fünf jahresplan fordert wie bisher den Ausbau der Schwerindustrie. Der russische Verbraucher wäre daher weiter zu seiner Aschenbrödelexistenz verurteilt, wenn es nicht möglich wird, Konsumgüter in nennenswertem Umfang einzuführen. Da derartige Mengen aus Westeuropa kaum zu erwarten sind, liegt der Gedanke nahe, einen intensiven Außenhandel mit den – Staaten der russischen Einflußsphäre in dieser Richtung aufzubauen. Mit fast allen seinen Satellitenstaaten hat Rußland bereits Veredelungsverträge für Textilien abgeschlossen,-die aus russischen Rohstoffen, insbesondere Baumwolle, hergestellt werden. Die Textilindustrie von Lodz ist bereits wieder voll beschäftigt, und Ungarns Baumwollimporte sind sogar, größer als vor dem Krieg; auch Rumänien und die Tschechoslowakei erhalten Rohbaumwolle wofür Halbfertigfabrikate an Rußland zurückgehen. Außerdem liefert Jugoslawien Eisenerze an die Tschechoslowakei, die ihrerseits Maschinen nach Rußland exportiert. Die Versuche, den Wirtschaftsverkehr dieser Länder untereinander möglichst zu beleben, finden ihren deutlichsten Ausdruck in dem Plan einer Zollunion der Balkanländer, wie ihn der rumänische Ministerpräsident Groza propagiert.

Da im übrigen-die Leichtindustrie in fast allen Staaten der russischen Einflußsphäre gut entwickelt ist, ist anzunehmen, daß sich allmählich eine Arbeitsteilung – dergestalt herausbilden wird, daß Rußland mit jenen Ländern Rohstoffe und Erzeugnisse der Schwerindustrie gegen Produkte der Leichtindustrie tauscht! Auf diese Weise würde die Schwerindustrie im Innern Rußlands konzentriert bleiben, was durchaus im Sinne seiner strategischen Interessen liegt.

Natürlich betrachten die Westmächte die Erfolge der sowjetischen Politik in Südosteuropa mit einem gewissen Mißfallen. Auf die Anfrage der UdSSR bezüglich einer großen Anleihe teilten die USA mit, daß man darüber nur diskutieren könne wenn sich die russische Handelspolitiken Südosteuropa ändere. Besonders kritisiert wurden die durch Reparations- und Handelsabkommen errichteten russischen Handelsmonopole in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Tschechoslowakei und Finnland; ferner die Bildung gemeinsamer Handelsgesellschaften, durch die Handel und Industrie dieser Länder gleichgeschaltet, andere Staaten aber ausgeschaltet würden, sowie schließlich die Behandlung des amerikanischen Kapitals, das in der rumänischen Ölindustrie investiert ist. R.