Von dem schleswig – holsteinischen DichterFriedrich Ernst Peters, dessen bedeutende Lyrik viel zuwenig gekannt und gewürdigt wird, erschien unlängst im Johann Trautmann Verlag, Hamburg, unter dem Titel "Blaise Pascal – Die Sternenbahn eines Menschengeistes" ein eigenartiges Buch. In der umfassenden Einführung liest man anfänglich mit Befremden, was hier in einem Pascal gewidmeten Werk alles an Zeitglossen abgeladen worden ist, bis man schließlich selbst in den vollen Ernst dieser Auseinandersetzung hineingezwungen wird und man die tiefe Berechtigung und Redlichkeit dieses ebenso zeitkritischen wie pädagogischen Anliegens begreift. Peters hat in der Begegnung mit Pascal eine solche Unmittelbarkeit und Ergriffenheit erfahren, daß er an ihm, dem Franzosen des siebzehnten Jahrhunderts, das Richtmaß abnehmen konnte für das Verhalten und Verfehlen unserer eigenen Zeit. Eine solche Haltung ist freilich nur möglich und nachvollziehbar im Bewußtsein abendländischer Gemeinsamkeit und der Verbindlichkeit des Geistes über alle Raum- und Zeitgrenzen hinweg.

In den "Pensées", diesen seltsamen Gedanken eines Weisen, die die Eigenschaft gezeigt haben, sich immer wieder frisch entdecken zu lassen – im erstenWeltkrieg wurden sie von vielen französischen Soldaten im Tornister getragen, ähnlich wie bei uns der "Faust" – in diesen nachgelassenen Aufzeichnungen des reifen und ganz vergeistigten Pascal finden sich nun auch wirklich Töne genug, die mächtig zu uns Heutigen sprechen. Hier schon hört das Denken auf, "luftiges Gedankengebäude" zu sein, hier schon wird es mit der vollen Existenzvollzogen. Gegenüber der Vermessenheit einer pathetischenVernunftgläubigkeit –der eigentliche Widerpart: der "Pensées" ist Descartes – stellt Pascal die Forderung, die Wahrheit auf den Wegen des Herzens zu suchen. Und dieses "connaitre la vérité par le coeur" meintzumeist und zutiefst Gott. "Gott und meine Seele, sonst nichts" ist das ihm von Augustin gegebene Thema seines angespannten Meditierens. "Da steht Pascal, in der Vereinigung von Glut, Geist und Redlichkeit, der Erste aller Christen", wie Nietzsches von Achtung und Ablehnung wunderlich gemischtes Urteil lautete. Ohne die ständige Vergegenwärtigung der Persönlichkeit, die diese "mit Blut und Tränen betauten" Gedanken niederschrieb, kann kein rechtes Verstehen der "Pensées" gelingen, die so recht ein apokryphes Buch des europäischen Geistes sind. So beschwört Peters Pascals Gestalt nicht nur aus dem geringen Wissen der Überlieferung, sondern ebenso aus dem Stil seiner Denkens und seiner Sprache. Deshalb übersetzte er neu, um das "frémissement singulier", das geheime Beben in der Stimme Pascals, das man hören muß, auch in der deutschen Übertragung vernehmbar zu machen; deshalb ordnete er seine Auswahl aus dieser "géométrie enflammée" – wie man die "Pensées" in Frankreich genannt hat – zu einem symbolischen Sternkreis, unter dem sich ihm selbst Pascals geistiger Weg erschlossen hat Seine Ausdeutung der einzelnen Gedankengruppen gipfelt in einem Zyklus von zwölf Sonetten, die im Zeichen der zwölf Sinnbilder des Tierkreises stehen. Im strengen, klaren Bau des Sonette gelingt es Peters, den Geist der Pascalschen Meditation kristallisch zu verdichten, und er erreicht in dieser Form eine Meisterschaft, wie sie in der Gegenwart neben ihm nur noch Reinhold Schneider zeigt.

Mit dem Sternbild der Waage ist die Mitte der Bahn erreicht, die Peters beschreibt. In ihm scheint zugleich Pascals geistige Unruhe am stärksten gefaßt zu sein: in der Mitte, im Angelpunkt der Waage, vermag Pascal "die Ruhe der Schwebe" zu erlangen. "Nie wird der Mensch seinen Stand auf Felsgrund nehmen können. Die Schwebe ist das Äußerste des ihm Erreichbaren. Das aber bezeichnet einen Zustand der Angespanntheit und Mühsal, der nie eine Lockerung zuläßt." Heinrich Leippe