Nach Bildung der neuen Regierung hat Paul HenriSpaak wohl für längere Zeit mit einem durch seine Persönlichkeit festumrissenen Programm die politische Führung Belgiens in die Hand genommen. Der erst 48jährige Sohn des Theaterdirektors und Dichters Spaak und der unter dem Mädchennamen Marie Janson bekannten sozialistischen Senatorin, von Beruf Rechtsanwalt, gehört zu dem im westeuropäischen Sozialismus nicht seltenen Typ des brillanten und geistreichen Redners, des beruflich und finanziell unabhängigen, mit Energien geladenen, höchst eigenwilligen und damit oft auch etwas unbequemen Politikers, der im Kampf mit der Partebürokratie mutig neue Wege bestreitet.

Zum erstenmal machte er international von sich reden (und kam mit der sozialistischen Partei Belgiens in schweren Konflikt), als er 1936 das Programm einer eigenen, europäisch orientierten beigischen Außenpolitik darlegte. In Berlin hofften damals gewisse Kreise, Belgien aus der "französischen Abhängigkeit" lösen und ins deutsche Fahrwasser bringen zu können. In dem ersten Kriegwinter machte das Dritte Reich dem damaligen Außenminister Spaak sehr den Hof. Paul Henri Spaak ist politisch aber viel zu geschult, zu michtern eingestellt und zu wenig eitel, als daß er sich dadurch hätte beeinflussen lassen. Immerhin glaubte er, – Belgien aus dem Krieg haltenund vielleicht gar einen Frieden zwischen Deutschland und den Westmächten Vermitteln zu können. Der 10. Mai1940 war wohl eine seiner bittersten Enttäuschungen, doch entschlossen nahm er, nachdemer zurächst Belgiens Goldreserve inSicherheit gebrachthatte, von London aus den Kampf auf.

Für Belgien bedeutet Paul Henri Spaak vor allem ein innenpolitisches Programm. Wie so viele aus dem Bürgertum stammende Sozialisten begann, er in der sozialistischen Partei auf dem linken Flügel, entwickelte sich aber sehr bald, und zwar schon während seiner ersten Ministertätigkeit im Jahre 1935, deutlich erkennbar, nach rechts. In der letzter Zeit bemühte er sich, gemeinsam mit dem früheren Ministerpräsidenten van Acker (in der neuen.-Regierung Verkehrsminister) um die Verbindung mit den Christlich-Sozialen, obgleich diese von allen Parteien des politischen Katholizismus am weitesten rechts steht und in der Königsfrage mit der Sozialdemokratie in schwerem Konflikt liegt.Die sozialdemokratische Partei versagte, bis vor kurzem ihren beiden maßgeblichen Leuten in dieser Frage die Gefolgschaft, aber im Laufe der letzten Monate haben sich die Gegensätze etwas gemildert, hat Spaak, der vor dem Kriege in sachlicher und persönlicher Hinsicht mit dem Könige eng verbunden war, die Königsfrage neutralisieren können und hat dich vor allem die Notwendigkeit, stabiler Mehrheitsverhältnisse im Parlament gezeigt. So konnte Paul Henri Spaak jetzt eine Regierung aus Sozialisten und Christlich-Sozialen bilden, die in der zweiten Kammer, über 160 der 202 Stimmen verfügt, währendhinter der zurückgetretenen sozialistisch-kommunistisch-liberalen Regierung des jetzt zum Erziehungsminister ernannten Camille Huysmans nur 109 Abgeordnete standen. im Senat sogar nur die Mehrheit von einer Stimme.

Der innenpolitische Kurswechsel ist der denkbar radikalste, denn die Regierung Huysmans hatte sich in schroffer Opposition gegen die Christlich-Sozialen zu einer antiklerikalen, antimonarchistischen, und sozialistisch-radikalen Regierung nach dem Vorbild der französischen Sozialistischradikalen entwickelt. Innerhalb der Regierung mußten Gegensätze zwischen den "marxistischen" Parteien und der liberalenin Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik aufkommen. Die Unzufriedenheit derBevölkerung äußerte sich in Streiks und Demonstrationen, wobei Polizei und Feuerwehr in drastischer Form eingreifen mußten. Es kam aber etwas überraschend, daß die Kommunisten, weitere Konzessionenablehnten. und somit die Regierung stürzten, obgleich sie wissen, mußten, daß sie damit einer Regierung den Weg bahnten, die für sie eine reaktionäre ist. Von welchen Erwägungen die Kommunisten sich dabei leiten ließen, kann man nur mutmaßen. Die innen- und sozialpolitische Lage Belgiens läßt den Schluß zu, daß mit dem verhältnismäßig schnellen Aufstieg Belgiens als Schattenseite solche soziale Spannungen aufgekommen – sind, daß einekommunistischePartei an der Lösung nicht mehr gemeinsam mitarbeiten kann. Gleichzeitige Ereignisse in Frankreich und Italien legen aber auch den Schluß nahe, daß nicht – nur belgische Gesichtspunkte mitgesprochen haben.

W. G.