Ein Plakat, das in den kleinen Schaufenstern der Dorfstraße grell und fremd die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, kündigt eine Theatertruppe an. Man liest es, wie schon so oft ähnliche Ankündigungen und man beschließt, wie so oft schon, nicht hinzugehen. Theater – es gehört nicht mehr zu den unumgänglichen Ansprüchen des Daseins – denn man; hat sich im Laufe eines Lebens; "gesättigt". Man hat alles mitgemacht, was geboten wurde, man hat drei Stilwandlungen erlebt – die letzten Ausläufer der wilhelminischen Zeit, die Kriegs- und Nachkriegszeit der zwanziger Jahre mit Max Reinhardt und Piscator, mit Berger und Ziegel in Hamburg und schließlich als Ausklang der Zeit, zwischen zwei Weltkriegen, die Dreigroschenoper! Dann die Jahre ohne Erneuerungsversuche und interessante Experimente, die Jahre der Unfruchtbarkeit und Le Leere. Man braucht das Theater auf dem Dorfe nicht mehr um sein Leben zu füllen.

Aber man bleibt noch einmal sinnend – vor dem Aushang stehen: – "Lilofee" von Manfred Hausmann ist angekündigt. Der Name hat einen zwingenden Klang, der des Dichters wie der seines Werkes..

Nun wohl, man machte sich also auf. Der Saal des Dorfkrugs hat nicht just Theaterluft, die Stühle sind hart, die Reihen stehen so eng, daß man sich die Knie stößt, und der Lärm tost. Die Jugend ruft und winkt sich zu, man streitet sich um Plätze, und witzelt und spottet und hechelt. Dies alles ist schon Theater genug, and man sieht mit Bangen auf all die Unruhe, die schier nicht zu bändigen ist.

Als sich der Saal verdunkelt hat und auch die hartnäckigsten Störenfriede Ruhe geben, tönt vorn aus der Saalende eine Geige auf, ein Cello, dazwischen die Töne eines Klaviers. Der vor dem Vorhang gesprochene Prolog des Wassermanns vertieft, den Zauber, den schön die Musik ausübte. Man ist verführt, mehr noch: entführt, erlegen. Der Vorhang teilt sich dann, und wir sind die Gefangenen von Wort, Gebärde, Bild, Klang der Stimmen und der Instrumente, die im Zusammenklang die Fabel vor uns abrollen. Es geschieht nichts anderes dort oben, als was das alte Volkslied auch erzählt von Lieb und Liebesleid. Eine Mär, aus der ein Dichter "ein Spiel von Traum und Wirklichkeit" geschrieben hat. Es war also eingetreten, was sonst nur naiven. Ursprünglichen Naturen, jungen, empfänglichen Menschen geschehen kann: ganz in der Illusion aufzugehen, sich selbst zu vergessen.

Als ich mich – erst am folgenden Tage – von dem Zauber befreit hatte, dachte ich darüber nach, wie das hatte geschehen können und welche Kräfte hier am Werke gewesen: Es begann mit dem Weg zum Dorfkrug durch die Natur, die noch genau so voll sein kann von Geistern wie zur Zeit der Lilofee. Es war die dörfliche Bühne und das ungehemmte dörfliche Publikum. Es waren die fremdartigen Melodien und seltsamen Rhythmen, fast unbeholfen gestrichen. Es waren die sehr leisen Stimmen der Spielenden, die wie aus einer Zwischenzeit zu kommen schienen, der bezwingende Kehrreim des Seemannsliedes, "Brüder, die See!" Es waren die halb unabsichtlich und halb gewollt ungeschickten Kulissen, mit denen die Wanderbühne reist, die Typen der Darsteller, die keine Schauspieler mehr waren.

Ich habe viele hinterher gefragt, alt wie jung, einen Bauern und seine Frau, ein junges Flüchtlingsmädchen, das tagsüber Grütze verkauft, und meinen Elektriker, einen Architekten und den Fraktionsführer einer apolitischen Partei: Sie sagten alle dasselbe Wort: "Wunderbar". Sie wußten aber nicht, daß ein warmer Strom sie fortgetragen, daß sie einer magischen Kraft, widerstandslos nachgegeben hatten, die in ihr Herz gedrungen war. Gut, daß sie es nicht wußten, sie hätten es vielleicht geleugnet...

Thyra Dohrenburg