Von Josef Marein

Das Grab des großen Mannes von Bayreuth ist lange, lange schön geschlossen. Und all die Jahre nach des Künstlers Erdenwallen wie bei seinen Lebzeiten schon, sind soviele Bücher über Wesen und Werk der Meisters geschrieben und gedruckt worden, daß man ganze Straßen damit pflastern könnte. Das Bild sollte abgerundet sein. Dennoch! Sobald die musikalischen Deutschen den Namen Wagners hören, sind sie fest entschlossen, ihre gegenwärtige Lethargie zu verleugnen und sich in die alterprobte Phalanx der Wagnerianer und Antiwagnerianer einzureihen; worauf sieböse Worte wie feurige Bälle wechseln oder danach trachten, einander mit spitziger Feder tödliche Wunden zu reißen. Niemals hat ein Künstler auf die Dauer so viel Anteilnahme erwecken können, weder ein Maler noch ein Dichter, geschweige denn, ein Musiker.

Inzwischen hat sich in Bayreuth vieles verändert. In der vom Krieg vierzigprozentig zerstörten Stadt hat das Haus Wahnfried alle Faszination verloren. Dort, wo des Meisters "Wähnen Frieden fand", ist die Sorge eingezogen; aus dem ebenso berühmten Neubau auf demselben Grundstück ist ein Offizierskasino geworden, so daß die Räume mit amerikanischer Jazzmusik getränkt sind, in denen einst der "schlichte, körperlich zarte" Hitler zu wohnen pflegte; die Frau selbst, die mit diesen Worten den "Führer" charakterisierte, hat in diesen Tagen um Spruchkammerentscheidungen zu bangen, während die Tochter Winifreds, die Enkelin Wagners und Cosimas, – die Urenkelin Liszts und seiner interessanten Freundin, die Erbin deutschen, englischen, ungarischen und französischen Blutes, in Amerika, wohin sie der Abscheu vor dem Hausfreund Hitler getrieben, wenig Miene macht, sich zum Deutschtum Bayreuther Prägung zu bekennen. Verworrene Verhältnisse, fürwahr Und dennoch sind sie nicht der Grund dafür, daß Wagners Andenken uns Deutsche immer noch erregt. Es geht um Prinzipien. Während man nach einigem Zögern in-Hamburg den "Tristan", in Lübeck die "Walküre" und in anderen Städten andere Wagner-Opern aufs Programm setzte, ist im Stuttgarter Rundfunk seit der Kapitulation prinzipiell kein einziger wagnerischer Akkord und nicht das kleinste Zipfelchen eines der Leitmotive, aus denen der Meister seine "unendlichen Melodien" zusammen- – spann, erklungen. Heiß hat das Publikum, soweit es eingeweiht war, mit Für und Wider reagiert auch die Wagner-Vereine haben sich wieder gebildet: die Enthusiasten wollen am deutschen Wesen genesen. die Zweifler zur besseren Genesung ein Weilchen Ruhe vor dem "Bayreuther Zauberer" haben. Die Unruhe um die Problematik Wagners steckt also in uns Deutschenselbst und es liegt nahe, als Motto dieser Betrachtung jenen Titel abzuändern, den Max Picard seinem mit Recht vielbeachteten Buch "Hitler in uns selbst" gab, jenem bedeutsamen Suche, – das die innere Gefährdung der Deutschen – und nicht der Deutschen allein! – in so besorgter und zwingender Weise kundtat, daß wir allen Anlaß haben, die letzten Reste der jüngsten Vergangenheit in uns selbst zu überwinden, daß wir ernsthaft beginnen sollten, wieder echte Europäer zu werden:

In dieser Hinsicht muß Richard Wagner uns freilich als ein Problem erscheinen: Wagner, der nicht nur die Angewohnheit hatte, den Orchestermitgliedern durch den Satz: "Ihr seid deutsche Musiker!" zu danken, sondern der auch sonst nicht verfehlte. seine Werke als die weltgenesende Kunst zu preisen. Seine Operndichtungen, an die er seine wahrhaft genialen musikalischen Emanationen knüpfte, sind arg beladen von jenem unerträglich pathetischen, überspannten Wortschwall, wie er wohl nur auf dem deutschen Boden möglich war, so daß wir sie heute schwerlich ernsthaft noch als – Dichtungen werten können. Und dennoch haben sich gerade daran die Wagnerianer begeistert. Sein Geschmack an den bildenden Künsten zielte auf Makart, von dem er; am liebsten die Ausstattungen seiner Opern hätte besorgen lassen. Was bleibt. uns vom Glanz des "Gesamtkunstwerks", wenn so wichtige Komponente, nämlichdas Wort und auch das Bild, wie Wagner es sehen wollte, brüchig wurden und das Gesamte nicht mehr tragen wollen? Bleibt die Musik? Wer wagte, daran zu zweifeln, zumal wir wissen, wie wenig Operntexte bedeuten; vorausgesetzt, daß sie auf jeden Fall starke, eindeutige Stimmungen vermitteln, woran es bei Wagner ja freilich nicht fehlt!

Und was den Meister persönlich betrifft... nun, entsinnen wir uns recht; so ist Wagner kein Parteigenosse gewesen, und die Frage ist müßig, ob er einer geworden wäre hätte er Hitler noch erlebt. Es hat in diesem Zusammenhang auch wenig Zweck, etwa die sechzehn Briefe an Bertha, die Wiener Putzmacherin; aus den Jahren 1864 bis 1868 hervorzukramen und an Hand rosa, grüner, blauer, grauer Kostbarkeiten aus Seide, Samt und Spitze auf die pompösen Maskeraden Hermann Görings zu verweisen.

Und doch – Wagners Persönlichkeit! "Wagner war klein, mit einem sehr großen Kopf, schnell, energisch, voll von Ideen und Vorurteilen, immerbereit, sie auch auszudrücken, leicht verletzt, und dann geneigt, hemmungslos die volle Schale seines Zornes auszugießen... Völlig selbstsüchtig und egozentrisch, war er in der Verwirklichung seiner Absichten und Pläne und in der Befriedigung seiner Wünsche rücksichtslos, selbstgewiß, herrisch und zäh ... Verschwenderisch und ausschweifend lebte er bis an die äußerste Grenze seines Kredits und fragte nicht, wer seine Schulden bezahlte. Von Natur aus gutmütig, konnte er freundlich, charmant und hilfsbereit denen gegenüber sein, die ihm gefielen und bereit waren.sich seiner Führung anzuvertrauen ... Er war immer überzeugt, im Rechtzu sein, und seine lebendige und immer nur auf sich selbst bezogene Phantasie verwandelte die Dinge und Ereignisse in seiner Einbildung so, daß er selber in ihnen immer die Rolle des gutherzigen und edlen, wenngleich oft mißverstandenen Helden spielte." So also sein Porträt, das nicht etwa von einem bösartigen, irregeleiteten Zeitgenossenentworfen wurde, sondern erst in jüngster Zeit, fernab von Gewirr Europas, den beiden Professoren der Universität Kapstadt. Reyburn und Hindert, aus der Fülle zeitgenössischen Materials in ihrem neuen sehr kühlen, auf Abstand bedachten Buch "Friedrich Nietzsche" in die Feder kam.

Kein Zweifel, daß Wagners Persönlichkeit mit gutem Grund schon zu seinen Lebzeiten stark umstritten war: ein Gott seinen Freunden, ein Dämon seinen Feinden und ziemlich unausstehlich jenen, denen er gleichgültig war. Je nun, was Koch-Rossini, der Glänzende im Salon, der große Kochkürstler, prügelte sich, wenn die Gäste gegangen, aus wildem Geiz mit seiner Haushälterin herum und hat doch auch Melodien erfunden, die Millionen glücklich machten, weil er, der Geizige, in jungen Jahren verschwenderisch in Tönen gewesen. Es st gewiß nicht gerecht, im Angesicht eines Unsterblichen auf Seiten der Haushälterin zu stehen. Und dennoch: Wer die Beziehungen zwischen dem Wesen eines Künstlers und seinem Werke leugnet – man muß dies nicht, aber man kann es tun! –, den vermag ein anderes Moment bedenklich zu stimmen. Hitler nämlich, der, wie wir sahen, in der Tat nicht wenige Charakterzüge mit Richard Wagner gemeinsam hatte, glaubte nicht nur, ein Mitverschworener seines Geistes zu sein, nein, er identifizierte sich völlig mit ihm, wie André François Poncet in "Souvenir d' und Ambassade á Berta" dies hellsichtig beschrieben hat? "Zeitweise umhüllte er seine Träume mit Melodien Wagners. Er war nicht allein ein leidenschaftlicher Verehrer derwagnerschen Musik; er ,lebte‘ Wagner. Er sah in sich selbst den Helden Wagners. Er selbst war Lohengrin, Siegfried, Walther Stolzing und vornehmlich war er Parzifal, der die blutende Wunde in der Seite Amfortas heilt und der dem Graf seine magische Kraft zurückgibt." Übrigens, verraten die Schriften der Wagnerianer nicht seit langem, schön, was manche Beobachtung in den deutschen Opern-, häusern zu bestätigen scheint-, daß nämlich, wenn Hitler seit seinem ersten Bayreuthbesuch sein Leben lang wagnerianisch träumte, dies in ganz ähnlicher Weise das Publikum wenigstens für ähnlicher Weise Gleichgültig, ob Wagner dies wollte oder nicht – wie lange wird es dauern, bis nach der falschen Weihe des Bayreuther Geistes, die der Nationalsozialismus brünstig auf sich niederträufeln ließ, wir Heutigen, wir, die Leidtragenden dieses Systems, genügend seelisches Gleichgewicht wiedererlangen, den Meister der Nibelungen so anzusehen und anzuhören wie dies zum Beispiel die Operngäste außerhalb Deutschlands in aller Unschuld tun: als einen fruchtbaren, bezwingenden Musiker, der packende Opern nach altdeutschen Sagen schuf, – wenn er auch, ähnlich wie es dem allerdings sehr viel kleineren Gounod mit dem "Faust" erging, die ursprünglichen Stoffe rücksichtslos verbog und verfälschte? Waren wir erst so weit, so wäre ihm und uns geholfen, und wir brauchten nicht länger zu fürchten, daß es den Antiwagnerianern und den Wagnerianern – den einen willentlich, den anderen wider Willen mit vereinten Kräften gelingt, vielleicht eines Tages die wagnerschen Werke, die heute Schonzeit verdien für allzu lange Zeit in den deutschen Opernhäusern unmöglich zu machen in den musikalischen Kunstgenuß in unserer Generation um einei großen Namen ärmer werden zu lassen.