Wänhrend. die Truman-Botschaft an den Kongreß,in der eine 400-Millionen-DolIar-Hilfe für Griechenland und die Türkei gefordert wurde, eine umfangreiche Erörterung des griechi-Hilfe Problems in allen Zeitungen der Welt zur Folge hatte, wurde der Position der Türkei bisher viel weniger Aufmerksamkeit geschenkt, Mit Unrecht. Denn angesichts der weltpolitischen Aspekte, die der neuen Truman-Politik angehören, fällt der Türkei in Wahrheit eine-noch größere Bedeutung zu als Griechenland,

Der Vorschlag Präsident Trumans ist die logische Folge der Politik, die die/Vereinigten Staaten seit dem Kriegsende in diesem Teil der Welt getrieben haben und die einen deutlichen Ausdruck in der USA-Note vom Herbst vorigen Jahres an die Sowjetregierung gefunden hat. In dieser Note ließen die USA den Kreml wissen, daß die Frage der türkischen Meerengen nicht nur die Schwarzmeerstaaten, sondern auch die übrigen Mächte interessiert. Es war dies die Antwort auf Fordejungen, die die Sowjetunion wiederholt an die Türkei. gerichtet hatte und in denen eine Revision des Meerengenabkommens von Montreux verlangt worden war. Die sowjetische Forderung lag auf der Linie der alten Meerengenpolitik Rußlands. Die Meerengen für die eigene Schiffahrt, einschließlich der Kriegsflotte, offenzuhalten, aber für die fremde zu schließen, war im Grunde der eineiner ganzen Reihe von Aktionen und Kriegen, die Rußland im Laufe von zwei Jahrhunderten mit dem Osmanischen Reich geführt hat. und türkische Regierung dürfte daher durch die Aufrollung der Dardanellenfrage in keiner Weise überrascht worden sein. Sie mußte damit rechnen, daß die Meerengenfrage von einer starken Sowjetunion zur Sprache gebracht werden würde. Auch damit, daß die Fragen von Kars und Ardahan, zweier strittiger Bezirke an der russisch-türkischen Grenze, die mehrmals den Besitzer gewechselt haben, neuerdings auftauchen würden. Die Haltung der Türkei in den letzten zwanzig Jahren hat ja denn auch deutlich gezeigt, daß sie selbst das Meerengenproblem als ihr Existenzproblem und somit als den Hauprgegenstand der türkischen Außenpolitik ansieht.

In diesem Sinne hatte sich die Türkei unter Atatürk mehr als ein Jahrzehnt bemüht, dieses Problem durch Annäherung und Freundschaft mit der Sowjetunion zu lösen. Erst ‚kurz vordem Beginn des zweiten Weltkrieges. ging sie auf eine andere Linie über und versuchte, durch den Beschluß eines Bündnisvertrages mit England (1939) Sicherungen zu erlangen, da sie damals den Verhältnis mit der Sowjetunion schon als geschwächt ansah. Sie ließ es aber, nach dem deutsch-russischen Pakt vom August 1939), nicht an Versuchen fehlen, auch ihr Verhältnis mit der Sowjetunion wieder zu stabilisieren. Der Prozeß des beginnenden Mißtrauens war jedoch damals schon zu weit fortgeschritten. Saracoglu saß wochenlang in Moskau, ohne mit Molotow in ein Gespräch zu kommen.

Im Kriege, der die Türkei zu einer Dauermobilisierung veranlaßt, versuchte Ankara eine Politik zu verfolgen, die Ihm Sicherungen für die Nachkriegszeit ohne Tellnahme an der militärischen Auseinandersetzungbringen sollte. Innerhalb dieser Politik schloß sie /auch den Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit Deutschland ab, der ihr, unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges im Osten unterzeichnet, später viele Vorwürfe einteilte, dessen reale Wirkung aber eine Abdeckung wohl der südkaukasischen Gebiete auf der einen wie Palästinas und des Suezkanals auf der anderen Seite war, in einer Zeit, als die deutschen Offensivatmeen unaufhaltsam zu sein schienen. Es mag sllerdings sein, daß zur Vertragsbereitschaft der Türkei damals auch die Mitteilungen der deutschen Regierung beigetragen haben, wonach Molotow bei seinem BerlinerBesuch im November 1940 unter anderem freie Hand an den türkischen Meerengengefordert hatten Wie dem auch sei, die Türkei hatte diesen Vertrag geschlossen, und zwar später als das Bündnis mit England, und offenbar nicht ohne vorherige Konsultation, so daß die späteren Vorwürfe, sie habe nicht rechtzeitig auf Seiten der Alliierten in den-Krieg eingegriffen, jedenfalls nicht – ohne weiteres, berechtigt waren. Trotzdem hat die Türkei im August 1944 die Beziehungen zu Deutschland abgebrochen, eine bedeutende Leistung zugunsten der Alliierten, die sich auf die gesamte. Kriegslage außerordentlich stark ausgewirkt hat. Denn diesem offenen Übergang der Türkei ins Lager der Alliierten, der in ganz Südosteuropa als ein Zeichen ausgelegt wurde, daß Deutschland nunmehr den Krieg verloren habe, folgten sehr schnell die Kapitulationen Rumäniens und Bulgariens und damitder Zusammenbruch des gesamten nunmehr Bündnissystems zwischen Wien und dem Schwarzen Meer.

Es scheint, daß die Türkei diesbezügliche Zusagen bereits im Februar 1943 bei dem Zusammentreffen zwischen dem Staatspräsidenten Ismet Inönü und Winston Churchill in der türkischen Stadt Adana gemacht hatte. Die Atmosphäre war damals mit Gerüchten erfüllt, daß die Westalliierten nicht nur im Westen, sondern auch auf dem Balkan eine Invasion vorbereiteten, was natürlich die türkische Lage fundamental verändert haben würde, später aber, sei es an der Haltung Roosevelts, sei es zum Teil auch an der Haltung Titos, der keine britischen Truppen auf der Balkanhalbinsel dulden wollte, nicht zustande kam. Da diese Balkaninvasion nicht eintraf, unterblieb auch, die türkische Kriegserklärung an Deutschland, die schließlich im Februar 1945 dann doch erfolgte, als die Alliierten in Deutschland, militärisch gesprochen, nur mehr Liquidationshandlungen vornahmen. Jedenfalls war die Wende der türkischen Außenpolitik, die im Jahre 1943 stattfand, auf die Einsicht, zurückzuführen, daß der Krieg nun in sein Endstadium eintrat und daß die Nachkriegszeit bevorstand, in der die Türkei neuerdings starker Existenzgarantien bedürfen würde, sollte sie nicht an ihrem alten Hauptproblem, der Meerengenfrage, zugrunde gehen.

Diese türkische Politik war zwar erfolgreich, aber auch außerordentlich kostspielig. Nicht nur hatte die dauernde Mobilisierung während sechs Kriegsjahten die Leistungskraft der Türkei; mir schwerste belastet, diedamaligenVerhältnisse hatten das Land zugleich genötigt, den größten Teil seines Handels mit dem devisenarmen Deutschland abzuwickeln. Nach dem Zusammenbruch der deutschen Balkanpositionen im Jahre 1944 fiel aber auch dieser Handel weg, so daß es sehr begreiflich ist, wenn die Türkei sich seit Jahr und Tag in einer außerordentlich prekären Wirtschaftslage beendet, die es ihr heute nicht mehr erlaubt, den geplanten Wirtschaftsaufbau fortzusetzen oder gar ihre Verteidigungskraft auf einer zeitgemäßen Höhe zu halten. Selbst die leichte Verbesserung ihrerHandelsbilanz, infolge der Abwertung destürkischen Pfundes im September 1946, konnte eine grundlegende Änderung der kritischen Wirttürkischen bisher nicht herbeiführen.

Hier setzt die Wirtschaftshilfe Trumans ein. Anders als in Griechenland sind die Einwirkungsmöglichkeiten groß, denn die Türkei verfügt über wohlgeordnete innenpolitische Verhältnisse, sie ist von Bürgerkriegen nicht bedroht und liegt auch nicht im Kampf mit einer akuten und katastrophalen Ernährungskrise wie das Nachbarland. Überdies ist eine gewisse amerikanische Interessennahme an den türkischen Wirfcschafts- und Verkehrsproblemen schon seit längerer Zeit im Gänge, und nicht ohne Erfolg, wie aus der türkischen Presse hervorgeht. Mit der verstärkten wirtschaftlichen kommt jetzt auf Grund der Truman-Botschaft auch die politische Hilfe ins Land.

Es fragt sich, Was über die Pressepolemiken hinaus die Reaktion der Sowjetunion sein wird. Es scheint aber, daß Stalin, wie in anderen Fragen, die nicht in seinem Sinne entschieden werden können, so auch hier, sich an die von seinem Feinde Trotzki geprägte Formel "Weder. Krieg noch Friede" halten und die Dinge in der Schwebe lassen wird: vielleicht in der Hoffnung, daß die Zeit für ihn arbeitet. A. B.