Von GerhardSanden

Sobald dieses Wort "der Meister" ertönt, rüstet sich mancher zu spöttischem Lächeln, er denkt an Samtbarett und Toga, betonte Exklusivität, an hochfahrende Demut eingeweihter Jünger, an ver himmelnden Byzantinismus. Und tatsächlich führ ein schnurgerader Weg aus dem seidenbespannten Komponierzimmer, darin Richard Wagner in eigens von Tapezierern glockig-verdrahteten ten Musizierröckchen am Klavier zu Hitlers Berghof und den Luxuszügen, in denen finstere Dämonen täglich zu Gast waren. Indessen wird niemand leugnen, daß dieser spöttisch-erbitterten Abwehr solcher von Macht verfälschten Meisterlichkeit auf der anderen Seite auch eine echte Sehnsucht immer wieder entspricht. Denn der Mensch, sagt Nietzsehe, ist "ein verehrendes Tier". Er hatte recht, wenn er meint Verehrung gehört, zu den wesensbegründeten Merkmalen des Menschen. Aber er hat unrecht darin, indem er es so ausdrückt: nie ist der Mensch weniger Tier, als wenn er verehrt.

Früher war es keine Schwierigkeit, jemand und etwas zugleich zu verehren: eine Idee und den Menschen, der sie vertrat. Die Spaltung zwischen der Wahrheit und ihrem Träger ist erst in der Neuzeit eingetreten. Der Famulus Wagner schwört noch unbedingt auf seinen Meister Faust; aber Faust selbst glaubt nicht mehr an seine Sache. Er ironisiert die unkritische Gläubigkeit des Schülers, dem schon das Zugelassensein zum Dunstkreis des Meisters genügt, um, was er dort an objektiv Faßlichem erfährt, getrost nach Hause tragen, als ob es eine unanfechtbare Wahrheit sei. Dies ist eine Art Flitterwochenideal der Wahrheitssucher: sie glauben, es sei damit getan, wenn man dem Meister tief ins Auge blicke und auf sein Wort schwöre. Er sei, so meinen sie, die reine Quelle, die nie getrübt werden kann.

Aber Goethe, der auf eine zugleich lichte und unheimliche Weise alle Menschen und Dinge so auf sich zuordnete, daß sie ihn steigern mußten, hat nie einen echten Schüler gehabt. Die Problematik seines Verhältnisses zu Eckermann, Riemer und anderen Zeitgenossen ist hinlänglich bekannt. Aber gerade ihm erkennt ganz Deutschland die Würde des "Meisters" vorbehaltlos zu, gerade er nennt seinen Erziehungsroman "Wilhelm Meister" und entlehnt für den Namen des Helden bewußt einen Begriff des täglich-tüchtigen Handwerks, um darauf hinzudeuten, daß nur dies regsame Sich-Erproben und Bewähren an sachlichen Aufgaben den Menschen gradweise zu der ihm angemessenen Vollendung aufsteigen läßt. Sieht man näher zu, so wird man freilich bemerken, daß Wilhelm Meisters Erziehung ganz von ferne überwacht und unmerklich geleitet wird von der Gesellschaft derer, die sein Bestes wollen. Der Aufbruch eines jungen Menschen geschieht immer ins Nirgendwohin, er mäßigt sich dann zum Irgendwo und wird ein Hier und Jetzt zur Heimat wählen, wenn er reif geworden ist

Diese Betrachtung läßt erkennen, daß Goethe, zu Recht ein Meister genannt wird, auch wenn er keine nahen Schüler um sich duldete, auch wenn, wie Madame de Staël hellsichtig in ihrem Deutschlandbuch am "Faust" rügte, diese Dichtung ein Werk sei. das kein "gutes Modell" sei, auf das man also keine Schulen begründen kann. Goethe hat in seiner Jugend-erfahren, was dabei herauskommt, wenn ein Genie das andere nachäfft; während er selbst sich an Herder maß, folgte ihm in Straßburg und Sesenheim Jakob Michael Reinhold Lenz schattenhaft nach, wollte ihn im Dichten derselben Stoffe und im Lieben derselben Frauen übertrumpfen und erlag dieser ästhetischen Verführung. Unter den vielen Motiven seiner eigenen Enwicklung ist dieses Erlebnis für Goethes Haltung zu allen, die ihm blindlings nachfolgen wollten, entscheidend geworden; er spricht kaum je ausführlicher davon, aber ständig kontrolliert er sein Verhalten daraufhin, daß ihm niemand zu nahe trete, um ihm anzuhangen und nachzufolgen. Denn er weiß, daß seine Wahrheit nicht die Wahrheit des anderen Menschen ist.

Meister sein heißt also nicht einfach Schüler, haben Meister sind nicht Schulmeister. Wer echt führen will, muß sich fernhalten er darf nicht wie in irdischer Gott von den Opferräuchen derer leben, die ihn bewundern. Hat er solche Dämpfe nötig, um sein Werk zu vollenden, so wird es nichtig bleiben, auch wenn es dem verhimmelnden Rühmen der Adepten noch so gewaltig erscheint.

Jede Begegnung mit einem echten Meister ist tragisch. Tragisch darum, weil er zwar in dem lebt, was er erforscht und glaubt, es aber niemals zu lassen darf, daß man ihn als Wahrheitsfaktor für die Glaubwürdigkeit seiner Erkenntnisse einsetzt. Der Meister darf seine Hände nicht nach rückwärts strecken, er darf nur heranwinken und zeigen, was ihm erschlossen ist. Die Jugend nun, in qualvollem Zwiespalt zwischen Leidenschaft und Geist lebend, braucht das Vorbild des Meisters. Sie schließt sich ihm an, um zu reifen; ist das geschehen, dann löstsie sich ab. Jugend ist nämlich bei aller Bereitschaft zu verehren immer zugleich auch entschlossen, gegen den Meister zu revoltieren. Ihr Mißverständnis beruht, darin, daß sie von dem ersehnten Meister zu sich selber gebracht zu werden wünscht. Sie ist enttäuscht, wenn der große Mann sich ihr gegenüber sachlich verhält, von ihren Nöten wenig spricht und sich nur den eigenen Problemen zuwendet, von denen manchmal schwer einzusehen ist, inwiefern sie allgemeine Probleme sind. Zuweilen sind sie dies auch nicht sondern das, was der Meister jetzt gerade tut, muß von ihm um des Tuns, nicht um einer meßbaren Leistung willen getan werden: so etwa, wenn Hermann Hesse inmitten der Weltwinter vierzehn Tage einem werdenden kleinen Gedicht entgegenlauscht und dazu meint; es, sei wohl notwendig, eben jetzt, gerade dies zu tun – gewissermaßen, damit die Stille der Welt nicht ganz aufhöre. Daß jedermann allein durch solche, Hingabe an ein Tun sich aus der Zerstreuung der Zeit, aus dem Versprengtsein durch seine eigene Leidenschaft retten kann – wie vermöchte das ein Junger einzusehen? Die jungen Leute auf der Universität denken heimlich unentwegt: auf welchem Katheder finde ich den Mann, der mich erkennt? Der mir sagt, wer ich bin. was ich tauge, wozu ich berufen bin?-Die jungen Künstler warten, auf den entdeckenden Kritiker oder Mäzen und selbst der "junge Mann" im Betriebe wünscht "entdeckt" zu werden. Sie alle hoffen insgeheim auf einen Meister, der ihnen, die Verantwortung abnimmt und befiehlt. Ihm würden sie gern gehorchen wollen.