Das war trat Anlaß der Leipziger Messe so bequem ... Fünf Tage lang, fuhren die Züge zwischen Berlin und Leipzig hin und her, als ob Frieden wäre und wir zwei Gleise hätten; Doch, längst ist die Messe vorbei. Die Scherze, die Ironie, die bitteren Witze und die Reden und Sonderzuteilungen für die Leipziger und die Taxis und die Spruchbänder: das liegt weit zurück. Auch die Züge fahren nicht mehr in solchen Rudeln wie während der glücklichen Messetage. Aber es ist merkwürdig, die Leipziger Sonderzüge sind verschwunden und dennoch nicht verteilt auf die anderen, armselig vernachlässigten Strecken der Ostzone. Man denke, wir haben in dieser Zone täglich fünf Schnellzüge. Der Zug Berlin-Erfurt und der Zug Berlin–Dresden haben sogar richtigen D-Zug-Charakter. "Charakter" – so wie es, bei der dahingeschwundenen deutschen Wehrmacht "Charaktermajore" gab ... Diese beiden Züge sind die großen repräsentativen Unternehmungen der Ostzone. Sie werden jetzt nur noch alle zwei Tage verkehren. Die Messe ist ja vorbei.

Aber was hilft es? Gefahren muß werden! Und es gibt erstaunlicherweise immer wieder Leute, die tatsächlich an ihrem Ziel ankommen, zum Beispiel in Weimar.

Nun, Weimar ist stets ein schönes Ziel. Aber bevor man hinkommt! Auf einem Bein zwischen Tür und Puffer zu stehen, ist in den ersten beiden Stunden der Fährt aufregend, aber dann beginnt es grauenhaft langweilig zu werden. Und immer Tuchfühlung mit denselben Menschen, die alle partout ans gleiche Ziel wollen: das kann man sich gar nicht langweilig genug vorstellen. –

"Na, meinen Sie, ich fahre zum Vergnügen?" "Alles Schiebung. Die Reisegenehmigungen vorneweg." – "Wo fahren denn die Berliner hin? Nach Thüringen und in die Grenzdörfer. Dann schleppen sie es nach Berlin und verkaufen es zum zehnfachen Preis." – "Blödsinn, was gibt’s denn schon dort in Thüringen noch zu holen?" – "Na, Mensch. Schnaps, Mehl, Kerzen Süßstoff. Na und!" – "Und weil die Schieber die Bahn blockieren, müssen wir Berufsfahrer uns hier die Knöpfe vom Mantel reißen lassen." – "Berufsfahrer ist gut. Was meinen Sie wohl, was uns unser Beruf kostet?"

Ja, es ist ziemlich langweilig, denn die Gespräche sind stets dieselben. Hört nur, was hier zwischen Puffer und Plattform alles erzählt wird; "Alles wegen dem verdammten bißchen Fressen." – "Lange geht’s aber nun nicht mehr weiter." – "Zwei Jahre jetzt schon. Aber drüben kriegen sie doch wenigstens was dazu. Eipulver und Fisch und "o. Meine Schwester hat mir aus Kiel geschrieben, daß sie zum Geburtstag eine Kremtorte gebacken hat." – "Ach, du lieber Gott. Das können Sie hier auch haben. Kostet halt eine Kleinigkeit. Kartoffeln und Brot haben sie drüben viel schlechter als wir." – "Drüben ist alles anders." – "Ja, ja, anders ist es schon. Hier und dort ist beinahe ein anderes Land." – "Klar, hier wird ja euch schon was getan. Aber drüben, da leben die Reichen von ihrem Geld und die Armen verhungern peu-à-peu." – "Getan? Was wird denn hier getan? Auf einem einzigen Gleis fahren wir. Und das bißchen, was von der Demontage übriggeblieben ist ..." – "Alles Quatsch", sagt "Maxe", ein junger Mann, "sehen Sie mich an! Ich bin neunzehn. Haben sie zu mir gesagt: um Jotteswillen, Maxe, geh’ nicht in die Ostzone. Die nehmen dir. Na und? Haben sie mir genommen? Wo ich doch schon drei Wochen jetzt, hier bin und hin- und herreise in der Zone. Mensch, die richtigen Geschäfte kann man doch bloß hier machen. Die im Westen sind ja langweilig. Und Mut und Risiko – na, wo gibt’s denn das im Westen?"

So sind wir nach Weimar gekommen und waren hundemüde. Bloß den vielen russischen Soldaten und Offizieren, die hier aus den vorderen Wagen mit ausstiegen, schien die Reise gar nicht die gleiche Strapaze gekostet zu haben. Die Gefühle sind wenigstens nicht genormt. Darüber soll man sich freien.

Und man soll sich über Weimar freuen. In diese Stadt fährt ja keiner ohne das Bildungsgepäck, das sich für einen Deutschen gehört. Aber bevor er dazu kommt, wie immer enttäuscht zu sein, wird er gewahr, daß er in einer Garnisonstadt ist. Es muß eine starke Garnison sein. Zwanzigtausend, sagen die Einwohner, und sie wissen, was sie selber damit in der russischen Zone für eine Bedeutung gewonnen haben. Die Weimarer sind ja immer ein fremdenseliges Volk gewesen. Zu Goethe kamen nicht nur die Schulen und die Philologen, sondern auch Cooks Abonnenten. Jetzt ist das mit den Festen und den Kongressen allerdings etwas komplizierter. Aber dafür haben die Weimarer Geheimratswitwen ihre festen möblierten russischen Herren. Und vom Hausrat, den hier kein Bonbenärger angetastet hat, läßt "ich dies und jenes laufend gegen eine handfeste östliche Speckteile abstoßen. Das Leben, verlangt Konzessionen, und ohne Nippes läßt sich leben, heute so gut wie morgen.