Abseits der Moskauer Konferenz, wenn auch durch sie ausgelöst, hat eine kurze Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass einen Sturm der Beunruhigung und Sorge in Deutschland erregt. Sie besagt nicht mehr und nicht weniger, als daß sich nur noch 890 535 deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion befinden, nachdem seit der Kapitulation 1 003 974 Mann nach Deutschland entlassen worden seien. Es ist nicht allein das Gefühl all der deutschen Familien, die noch ihre Söhne aus Rußland zurückerwarten, das sich gegen diese unwahrscheinliche Mitteilung aufbäumt. Auch der Verstand um jede nur aufzustellende Berechnung enden bei dem klaren Ergebnis, daß diese Ziffer von 890 535 Mann unmöglich den Tatsachen entsprechen kann. Würde, sie es, so erhöbe sich die Frage: Wo ist die deutsche Ostarmee geblieben? Wir haben im Osten drei Heeresgruppen mit dreizehn Armeen und 141 Divisionen stehen gehabt, zu denen sich noch die zugeteilten Sonderformationen (schwere Artillerie, Pioniere, Heeresflak und Transporteinheiten) geteilten. Ein Mindestbestand von rund 3 Millionen Mann ist durch ständige Neuaufteilung aus dem Ersatzheer der Heimat bis in das Jahr 1944 hinein an der Ostfront ständig aufrechterhalten worden, so daß bei hochgradiger Auffüllung bzw. Auswechslung infolge starker Verluste in drei Kriegsjahren bis zu 7 Millionen Mann und mehr an der Ostfront gestanden haben. Selbst wenn man die Gefangenenziffer des großen Rückschlages im Winter 1941/42 und der darauf folgenden Monate unberücksichtigt läßt, die Berechnung erst mit Stalingrad beginnen und noch vor der Kapitulation enden läßt, so daß auch all das noch unberücksichtigt bleibt, was zur Zeit der Kapitulation an regulären, Verbänden, Volkssturm und Alarmeinheiten den Russen in die Hände fiel, ergibt sich nach zuverlässigen deutschen Berechnungen immer noch ein Verlust von 2,5 Millionen Gefangenen von Stalingrad bis zum April 1945, wobei, um ganz sicher zu gehen, alle Ziffern noch einmal erheblich gesenkt wurden. Und zwar zeigen diese Schätzungen von unterrichteter ehemaliger Wehrmachtseite im einzelnen folgende Gefangenenziffern: 200 000 Stalingrad, 200 000 Auswirkungen von Stalingrad (Woronesch, Kuban und Südabschnitt), 500 000 Herbst 1943 an Mittel- und Südabschnitt, 500 000 Durchbruch Sommer 1944 am, Mittelabschnitt, 250 000 September-Dezember 1944 an anderen Abschnitten und 100 000 bis Ende 1944 in Ostpreußen und auf der Krim. Im Jahre 1945: 250 000 Kurland, 150 000 Ostpreußen und Mittelabschnitt, 200 000 Sachsen, Schlesien und Tschechei, 150 000 andere Abschnitte Januar, bis April – alles zusammen also 2,5 Millionen Mann. Unvollständig sind hierbei die Ziffern der Heeresgruppe Süd in – Rumänien, Ungarn usw. Eine Gesamtaufstellung würde, wie noch einmal betont werden muß, die Ziffern vom 22. Juni 1941 bis Stalingrad sowie die Gefangenenzahl aus der Kapitulation vom 8. Mai 1945 hinzufügen müssen.

Aber auch andere Ziffern sprechen gegen die Behauptung der Tass. Der auf dem Postamt Berlin N 7 erfolgende Posteingang aus sowjetischen Gefangenenlagern beläuft sich auf einen Tagessatz von 80 000 Stück. Unter Zugrundelegung der dem Gefangenen erlaubten Quote von einer Absendung pro Monat – wobei viele Gefangene erfahrungsgemäß – selbst diesen Turnus nicht innehalten können – ergibt dies allein 2,4 Millionen, Absender. Die Mitteilung des Moskauer Rundfunks vom 17. und 18. März, daß allein für die russische Zone, also nur für eine der vier Besatzungszonen Deutschlands, im Februar 1,5 Millionen Postsendungen aus der Sowjetunion eingegangen sind, würde auf der gleichen Linie liegen. Auch die von sowjetischer Seite unterrichtete Zentral Verwaltung für deutsche Umsiedler hat die in sowjetischer Hand befindlichen deutschen Kriegsgefangenen noch mit zwei bis drei Millionen beziffert. Da die gleiche Stelle am 5. März 1947 erst 188 000 Heimkehrer aus Rußland verzeichnet hat, sehen sich die Ziffern – der Tass auch von dieser Seite widersprochen. Berücksichtigt man, daß auch die Westmächte auf Grund ihrer Unterlagen stets von drei Millionen deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion sprachen, und auch das frühere Komitee "Freies Deutschland" diese Ziffer zu nennen pflegte, so erhebt sich immer dringender die Frage, wie die Tass zu ihrer Zahl kommt. Die deutsche Öffentlichkeit hofft, daß Molotow. zu diesem Thema befriedigendere Angaben als die Tass wird machen können oder daß die Zahl der Tass sich durch besondere technische Schwierigkeiten in der Erfassung der vollständigen Gefangenenzahl erklären wird.

v. De.