Von Hans Hajek

sind mißtrauisch – mit Recht; wir sind hundemüde – aus vielen Ursachen, und die Jugend ist besonders ungläubig und harthörig gegen alle politischen, moralischen, "weltanschaulichen". Lehren und Beschwörungen, die sie für verlogene Propaganda hält. Trotzdem müssen wir das unserem Mißtrauen, aus unserer Müdigkeit, aus unserem Unwillen heraus; denn so läßt sich nicht leben, noch viel weniger eine Zukunft aufbauen, die des Lebens wert ist Was kann da helfen? Der Zweifel, die Kritik! Zweifel und Kritik sind etwas anderes als Mißtrauen und Verneinung. Das Mißtrauen ist eine Krankheit des Herzens, der Seele, eine Art Vergiftung, deren Wirkung sich nicht im Verhältnis zu den Dingen und Sachverhalten, zu den Wahrheiten und Wahrscheinlichkeiten äußert, sondern sich nur in bezug auf Menschen und menschliche Zwecke kundtut Ich kann der Zuverlässigkeit einer Berechnung, der Standfestigkeit eines Baues, der Betriebssicherheit einer Maschine, der Nützlichkeit einer staatlichen Einrichtung mißtrauen, da dies alles Menschenwerk ist und aus einem Menschenwillen kommt, da die menschliche Absicht, der gewollte Zweck, das etwa dahinter verborgene Ziel in Rede stehn. Zweifeln dagegen kann; darf, muß ich an angeblichen Tatsachen, an Behauptungen. Das ist der entscheidende und wichtige Unterschied, der klargestellt sein muß, damit Zweifel wie Mißtrauen am rechten Ort und zur rechten Zeit, vor allem aber am rechten Gegenstand angewandt werden. Ist Mißtrauen eine – vielleicht nur allzu begreifliche – Krankheit des Gemüts, so ist Zweifel höchste Gesundheit des Geistes, vollkommenste Wachheit des Verstandes: Selbst wenn der Zweifel grundsätzlich so weit; geht, daß er vor feiner allgemein geglaubten und verteidigten Wahrheit mehr zurückschreckt, hält er den Kopf klar und nüchtern und – führt vorwärts. Denn das Produkt jedes Zweifels ist die neue Erkenntnis. Eine sehr bedeutsame, ja, vielleicht die entscheidende Erkenntnis aber ist diese: daß es zwar keine endgültigen, für alle Zeiten, für alle Länder und für alle menschlichen Wesen überhaupt gültigen und verpflichtenden Wahrheiten gibt und gehen könne, wohl aber vorläufige, auf das Heute und das nächste Morgen beschränkte, zum Beispiel uns Europäern oder auch nur uns Deutschen des zwanzigsten Jahrhundertsangepaßte Wahrheiten, die darum aber keineswegs wertlos sind, weil sie keine ausnahmslose und absolute Geltung für sich beanspruchen dürfen. Es läßt sich nämlich ohne solche vergängliche Wahrheiten kein Leben ertragen, keine Arbeit tun, und kein tieferer Sinn für dieses Leben und diese Arbeit finden.

Aber wie wollte man denn in diesen letzten Jahren seit 1933 irgendeinem Menschen in Deutschland, und gar einem jungen Menschen, irgendeine Gelegenheit und irgendein anerkanntes Recht geben zum Zweifel? Das "tausendjährige Reich" bestand ja nur aus "ewigen" Wahrheiten, aus für alle verbindlichen Grundsätzen, aus. gnadenlos absoluten Forderungen des Führers. Nur wer blind gehorchte, war, ein "Garant der Zukunft". Freilich gab es auch da noch Zweifler. Sie starben an den Fronten, ihren blinden Gehorsam verfluchend, sie wurden in der Heimat als Rebellen "ausgerottet", oder blieben verschwiegen und steckten niemand mit ihrem gefährlichen Zweifel an. Nur selten drang ein Schrei ihrer Empörung, ein Stöhnen ihrer Herzensnot an die Öffentlichkeit, wie etwa bei den Münchener Studenten, deren Opfertod weitere Wellen schlug in gleichgestimmten Seelen.

Es ist auch in anderen Ländern zu wenig gezweifelt worden. Aber wir wollen hier nur von den Deutschen sprechen: unsere Jugend war jahrzehntelang – viel länger als der Nationalsozialismus dauerte – in tiefer Knechtschaft; jetzt will die Jugend, soweit sie überhaupt schon wich geworden ist; wirkliche Freiheit Vergebens hält man ihr die alten, nicht gerade rühmlich zerfetzten Fahnen und Standarten vorund ruft sie zu neuer Nachfolge feierlich auf. Die Jugend spürt sicher und untrüglich, daß es um der alten Spießbürgerei willen nicht lohnt; sie beschuldigt alle Parteien, alle Richtungen und Bewegungen von gestern und vorgestern der Spießbürgerei. Sie will endlich etwas Praktisches tun. Sie möchte klar wissen, woran sie ist; Taktik ist nicht ihre Sache.

Kann hier der Zweifel helfen?Was ist denn Zweifel? Was ist Kritik? Zweifel und Kritik schaffen reine Luft und festen Boden unter den Füßen. Denn zweifeln heißt ja denken, furchtlos und folgerichtig denken, ernst machen mit dem, Was gedacht wird. Der Zweifel ist die männlichste geistige Tätigkeit, die man sich vorstellen kann; wobei nicht gesagt sein soll, daß Frauen etwa zu wenig Mut hätten, ebenso gründlich wie Männer zu zweifeln. Sie haben es vielfach bewiesen.

Kritik aber kommt vom griechischen "kritein" und bedeutet: Sichtung, Urteil durch Ausscheidung des Wertlosen und Falschen. Kritik ist sorgfältige, ihrer Verantwortung bewußte Scheidungvon Wahrheit und Irrtum, von Gut und Böse,’ von Brauchbar und Unbrauchbar, vonGemäß und Ungemäß. Kritik üben heißt nicht einfach "meckern", um sich selbst wichtig zu machen, sondern unbeeinflußt von persönlichen Interessen und Neigungen, ohne Rücksicht auf Liebe und Haß, Mitleid oder Rachewunsch abschätzen und werten, prüfend nachdenken, was ein anderer vorgedacht hat im eigenen Geist nachschauen, was ein anderer vor uns schuf. Es schließt die Ehrfurcht vor dem Ringen des andern, dieAngst vor dem Werk des andern nicht aus, sondern ein. Und es ist ein Recht aller jungen, aller junggebliebenen Menschen.

Man muß dafür jedoch ausgeruht sein und nicht müde. Man muß gesund sein dazu und nicht krank Vermag die Jugend von heute Kritik zu üben in diesem Sinne? Hier zeigt sich drohend und entmutigend der furchtbare Teufelskreis, in den wir jetzt alle gebannt sind, die Jugend am jammervollsten: wir sind müde, weil wir die Knechtschaft von gestern und vorgestern noch fühlen, wir möchten alle einmal lange schlafen, um zu vergessen, was hinter uns liegt – also sind wir nicht wach und nicht frisch genug zu Zweifel und Kritik. Aus diesem Unglückskreis, der uns wie ein böser Zauber. umfangen hält, müssen wir alle fortfinden, und die Jugend vor allen.