Von Hanns Braun

Es gibt einen sehr einfachen Grund für die beklemmende Tatsache, daß allezeit nur wenig Menschen den tieferen Ursachen der Ereignisse nachgehen. Sich ernstlich damit auseinandersetzen, würde nämlich für sehr viele bedeuten: daß sie ihr Leben von Grund auf ändern müßten – eine Folgerung, die der alte Adam bekanntlich scheut. So ist es zwar erschreckend, aber nicht weiter auffallend, daß auch nach einer so einprägsamen Katastrophe wie der unsern (die für "überstanden" zu halten sich von Tag zu Tag mehr als Vermessenheit erweist), daß auch in oder nach ihr nur wenige realisieren, inwieweit die stattgehabten Zerstörungen wie die noch fortwährende Entmenschung durch das Wiederheraufkommen des Heidentums bedingt sind. Es hätte zwar an Vordeutungen nicht gefehlt. Wir alle haben in der Schule gelernt, daß die Zeit, in der zum erstenmal; das Heidentum ins christlich gewordene Abendland zurückkehrte, zugleich die Zeit der hemmungslosen Tyrannen, der Giftmorde, der zynischen Entwertung des Menschenlebens war. Und was wir von der Renaissance bereits wußten, hatten wir Gelegenheit zu rekapitulieren, als mitder Französischen Revolution eine Dame, nämlich die Göttin der Vernunft, auf den Altar erhoben wurde und ihr zuliebe Menschenopfer fielen, unerhört. Aber merkwürdig, man erinnert sich kaum, – daß in der Schule oder in unsern Geschichtsbüchern das eine klipp und klar mit dem andern in Zusammenhang gebracht worden wäre. Ganz im Gegenteil! So groß war der Glanz des Wortes "heidnisch". geworden, so sehr wurde er als einziger Bürge der normalen Kunstleistungen der Renaissance begriffen, so unvertilgbar schien in den Begriff des Heidnischen der der "Befreiung" eingesenkt zu sein, der Befreiung der Persönlichkeit von finsteren kollektiven Gewissenszwanges daß jene nicht Wegzuleugnenden Unmenschlichkeiten entweder als ärgerliche Zugabe (und Relikte des zu Überwindenden) oder aber als die furchtbar schöne Schattenkontur hingenommen wurden, die das Licht – und die Farbe im Bild nur um so leuchtender herausheben. In solcher ästhetischen Auffassung, in der das Leid, die Einiedrigung, der Schmutz und selbstredend das Böse im Zauberhütchen der Distanz verschwinden, in solcher Auffassung ging, via Nietzsche, das neunzehnte Jahrhundert zu Ende und machte das zwanzigste fertig zu dem, was inzwischen seinen Bürgern schon zum Teil wider fahren ist.

Die Ereignisse haben gesprochen. Aber wiewohl sich erwiesen hat, daß der "schöne" Versuch das Heidentum in der vorgeblichen Unschuld der vor-, christlichen Zeiten wiederherzustellen, abermals in Greueln endete, und es über die Maßen klar wurde, daß alles neuere (nachchristliche) Heidentum verurteilt ist, als das Antichristliche in Erscheinung zu treten, und wiewohl; die Vorreiter des Antichrist beim Tummeln ihrer Rosse, schon mehr als hübsch ist, Dreck und Elend über die Menschheit gehuft und geschleudert haben, so ist doch die Welt als Ganzes keineswegs entschlossen, daraus die rechten, die eigentlich praktischen Folgerungen zu ziehen und dem Geiste den Rücken zu kehren der solches möglich macht.

Fast könnte man: dem äußern. Anschein nach, jetzt schon behaupten, alle jene Heimsuchungen voll des Entsetzens seien vergeblich gewesen, weil nicht erkannt wirft, worauf sie zurückgehen. Angesichts der finsteren kollektiven Gewissenszwänge und Maschinenteilchenzwänge, die sie nunmehr bedrohen, scheinen die Menschen weniger trotzig oder bösen Willens als einfach – ratlos zu sein. Dieser Zustand völliger Desorientiertheit wäre nicht möglich, wenn nicht, in den letzten zwei Jahrhunderten, der Wiederaufrichtung des Heidentums ein Vorgang parallel gelaufen wäre, den man die Vernatürlichung des Christlichen heißen könnte eilt Vorgang, der den klaren Haß und die offne Feindschaft der antichristlich Gesonnenen an zerstörerischer Wirkung um ein Vielfaches übertroffen haben dürfte. Denn hier wird nicht abgelehnt und bekämpft, hier wird interpretiert’ und scheinbar "gerettet", nur eben daß die "geretteten" Geheimnisse sich auf eine Weise entschlüsseln lassen müssen, die dem Menschen in seiner "Fortgeschrittenheit" schmeichelt.

Um zu verstehen, was gemeint ist, wollen wir uns erinnern, wie – schon ein halbes Jahrhundert vor dem Heraufkommen des "Dritten Reichs" in den Zeitungen der liberalen Ära die christlichen Feiertage kommentiert worden-sind. War nicht schon damals Weihnachten ganz selbstverständlich das Fest des Kindes oder das Fest der Lichtumkehr? Und war nicht Ostern in zehntausend Leitartikeln – recht eigentlich Feier des Frühlings, Fest der Wie-.derauferstehung in der Natur? Wahrhaftig, dem Clan der Halbgebildeten, der es hiernach zu unsrer ewigen Beschämung fertig brachte, das Reich, der Deutschen in die Hand zu bekommen und zugrunde zu richten, ihm wurde es nicht schwer gemacht, die angebliche Verkleidung dieser schlicht natürlichen Wirklichkeit herunterzureißen, das Christliche auf den Kehricht zu werfen und zu fordern. daß jenes "Natürliche" allein gelten solle. Es war ihnen vorgearbeitet worden von Millionen’ Menschen, die den Sonntag "heiligten"; indem sie bis zwölf Uhr im Bett blieben, oder die – bestenfalls – in die Natur hinausgingen auch sie in der Gewißheit, damit das "Eigentliche", zu vollbringen, im Verhältnis zu dem die gottesdienstlichen Ordnungen. und Zeremonien in den Kirchen nicht mehr sind als ein Brimborium als Rückstände überwundener Menschheitsperioden.

Es käme einer verhängnisvollen Täuschung gleich, wollte man abstreiten, daß auch heute ein hoher. Prozentsatz Von Menschen aller zivilisierten Nationen so denkt und so handelt. Die Beleuchtung, in der sie diese ihre Freiheit und Fortgeschrittenheit empfangen haben, hindert sie zu sehen, wie eben sie es ist, die sie mit einer, unzerreißbaren Knechtschaft – von ihresgleichen – bedroht. Das Körnlein Wahrheit, daß, wie billige auch in ihrem Wahne enthalten ist nämlich daß jene natürlichen. Vorgänge der Lichtumkehr, des Frühlingsanfangs nicht außer Zusammenhang stehen mit dem, was in (aber freilich nicht nur in sondern auch, über und hinter) der Schöpfung; unsrer staunenden Anbetung würdig ist – diese Wahrheit macht doch immer noch nur wenige frei zu der tieferen, von aller Kreatur nur dem Menschen zugänglichen Erkenntnis, daß die besagten Naturerscheinungen Spiegelungen, Reflexe, Symbole, Bezeugungen übernatürlicher Geheimnisse sind und eben darum ahnungsvoll geehrt wurden, solange und soweit jene Geheimnisse nicht unter das Licht der Offenbarung durch Christum, getreten waren.

Dies ist ein Glaube, der Glaube der Christen –, unbeweisbar, da er seine Würde nicht nur aus der Gnade Gottes sondern aus der freien Entscheidungsmöglichkeit – des Menschen empfängt Unbeweisbar also und damit dem Kollektiv entzogen, aber nacherlebbar in der Einzelseele, und damit ihren Rang über der Masse bestätigend und verwahrend! Welch weiter Weg nun für den in Naturanbetung und Selbstverherrlichung abgesunkenen Menschen unseres Jahrhunderts, dem der Weg in die vergleichsweise Unschuld des vorchristlichen (adventistischen) Heidentums verwehrt ist, weil denn nach Christus der Weg nur mehr zum Antichrist offen steht, welch weiter Weg zu der demütigen Feststellung, daß über dem Natürlichen das Übernatürliche nicht nur als ein Undeutbares west sondern als ein Offenbartes in seinen geheimnisdurchdrängten-Ordnungen da ist und nur von diesen Ordnungen her die Menschen die ihrem Rang gemäße Formung ihres Lebens empfangen! Welch weiter Weg auch für die, welche herzlich gern, damit Ruhe sei, den Christus als einen Herrn Jesum wollen gelten lassen, der es gut gemeint habe mit den Menschen und aus reinem Idealismus sich habe töten lassen, und die mit der Version vom menschenfreundlichen (und natürlich erfolglosen) Lehrer das "Eigentliche" des Christusglaubens zu retten wähnen, – wobei es ihnen in ihrer "Natur"-Vermessenheit entweder entgeht oder gleichgültig ist, daß dieser Rabbi am Kreuz ja ein Schwindler, betrogener Betrüger oder ein Verrückter wäre. Denn immerhin hat er von sich bezeugt, GOTTES SOHN zu sein, in die Welt gekommen und Mensch geworden, nicht um schöne Lehren zu hinterlassen, sondern um die sündige Menschheit durch seinen Opfertod zu erlösen.