Im Bergischen Lande gibt es eine alte Geschichte vom, Bauern Langerfeld. Der hatte seinen Hof auf demKaternberg bei Elberfeld. Eines Tages ging er nach Sonnborn, um dort einem Gläubiger ein Kapitälchen zurückzuzahlen, das er von ihm geliehen hatte. Auf dem Rückweg nach Dunkelwerden gesellte sich ein unheimliches Wesen zu ihm, schritt immer nebenher auf dem Feldweg und murmelte unaufhörlich: "Wo soll ich es lassen? Wo soll ich es lassen?" Der Bauer, der wohl merkte,daß er es mit einem Geist zu tun hatte; nahm seinen ganzen Mut zusammen und erwiderte: "Trag’s hin, wo du es hergenommen hast!" Da sagte der Unheimliche mit erfreuter Stimme: "Über hundert Jahre habe ich auf dieses Erlösungswort gewartet." Nach wiesen Worten verschwand er. Der Geist war aber bei Lebzeiten ein Bauer gewesen, dereinst einen Grenzstein zwischen seinem Und seines Nachbarn Grundstück .verrückt hatte. Nun mußte er-jede Nacht den Stein an Ort und Stelle tragen, bis das erlösende Wort. fiel.

Otto Schell erzählt die Geschick in seiner Sammlung bergischer Sagen. Friedrich v. d. Leyen hat sie in sein Lesebuch der deutschen Volkssage aufgenommen und merkt an, daß die Sagen vom umgehenden Grenzsteinverrücker, den schon dasGesetz Moses verfluche, in ganz Deutschland verbreitet seien. Im siebzehnten Vers des 27. Kapitels des 5. Buches Moses heißt es: Verflucht sei, wer seines Nächsten Grenze engen! Und alles Volk soll sagen: Amen! Jahrtausende alt ist das – Verbrechen, den Grenzstein des Nachbarn zu verrücken. Kaiser; Könige, mächtige Helden, Eroberer und Agressoren, wie man sie auch immer nannte, die sich der gleichen Tat schuldig machten, konnten nicht in dunkler Nacht hingehen aufs Feld, um ungesehen den Grenzstein auszugraben und wieder einzusetzen; es ging um Provinzen und ganze Länder, und alle vaterländischen Heldengesänge konnten nichts daran ändern, daß das räuberische Motiv das gleiche blieb, nur ins Gigantische ausgeweitet. Wie denn Voltaire schon sagte: "Dans toutes les guerres il ne s’agit que de voler" in allen Kriegen geht es nur ums Rauben,

Sollten die Feldherren und die Diplomaten nach ihrem Tode umgehen müssen, to wird sich wohl kein Mensch finden, der sie mit dem Wort der alten Sage erlösen könnte. Bei Lebzeiten soll es ihnen schon in den Ohren klingen, das: "Trags hin, wo du es hergenommen hast". Denn nicht erst seit hundert Jahren, wie der Geist der Sage, wartet die Menschheit auf das Erlösungswort!