Von Irene Graebsch

Keine einzige literarische Manufaktur ist so sehr im Gange als die Büchermacherei für die Jugend, nach allen Graduationen und Klassen ... Und siehe, jung und alt geht hin und sammeln Wenig Perlen und Ambra desto mehr Schlamm, höchstens buntgefärbte Schneckenhäuser. – Diese beredte Klage eines Schulmannes stammt aus dem Ende des 18: Jahrhunderts, aus einer Zeit also, da gerade erst das Kinder-, und Jugendbuch "erfunden" war. Freilich hatte es auch vorher schon ab und an Bücher gegeben, "der Jugend zur anmutigen, aber sehr. nützlichen Wir", Bücher, die neben der Hauptlektüre des Kindes – der Fibel, der Bibel und dem Gesangbuch – gelegentlich auch Stoffe aus Legende und Fabel darboten. Aber erst die Pädagogen, der Aufklärung haben recht eigentlich das Kind, und seine Welt entdeckt. Und ihnen und ihren sehr im Gegensatz zu der strengen Schulzucht früherer Jahrhunderte stehenden philanthropisehen, menschenfreundlichen Ideen verdankte die Jugend jene bunte Flut von Büchern; über die sich mancher Schulmann alten Schlages entsetzte. Lieblingsbuch von Generationen wurde damals schon der "Robinson", Campes "Robinson". Allerdings hatte dieser "Robinson" nicht das uns vertraute Gesicht; sondern hier waren es die Kinder des Campischen Internats, die mit einem Lerneifer ohnegleichen die ganze Geschichte des Einsiedlers aus dem Erzähler herausfragten und alles, was an nützlichem und moralischem Wissensstoff darinsteckte – und das war.gewiß nicht wenig, wenn man bedenkt, daß es sich um die Geschichte der Menschheit handelte...

Heute ist übrigens alles, was unser erboster Schulmann als "buntgefärbte Schneckenhäuser" bezeichnete, selten und zugleich unser großes Entzücken, die Freude jedes Bücherliebhabers geworden: Denn all diese Almanache, Natur- und Länderkunden, all die Anschauungsbücher mit den betulichen Titeln wie "Erste. Nahrung für den keimenden Verstand guter Kinder" oder "Zweite Nahrung für den zunehmenden Verstand guter Kinder" sind mit "illuminierten", also buntgefärbten Kupfern, aufs liebevollste ausgestattet, wie dies sogar folgender Buchtitel schon auf, dem Ilmschlag verrät: "Bitte, bitte, liebe Mutter, lieber Vater, guter Onkel, beste Tante! Schenke mir dies allerliebste Buch mit den schönen ausgemalten Kupfern..." Mit welch unbekümmertem Mut zur Farbe sind Bier Grün und Rot und Violett und Gelb aneinandergesetzt, und immer noch so frisch sind diese Bildchen, als seien sie heut erst koloriert. Und zwar waren es meist unbekannte und doch handwerklich wohlgeschulte Kräfte, die in den letzten Jahrzehnten.-des 18. und im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts diese farbenfrohen, in der Stimme ihrer Einzelheiten so reizvoll gefügten Bildchen schufen. Wer heute noch eines dieser Bändchen aus Urgroßvaters Kinderzeit besitzt, hütet einen kostbaren Schatz.

Was haben unsere Großeltern nun aber im Kindesalter gelesen, nachdem die "buntgefärbten Schneckenhäuser" aus der Mode gekommen waren? – Am Anfang, des Jahrhunderts standen Christoph von Schmids rührende Geschichten "Die Ostereier", "Rosa, von Tannenburg", "Heinrich von Eichenfels", die auch unsere Eltern noch zu rühmen wußten. Die Kinder dieser guten alten Zeit lasen jene Geschichten trotz der frommen, predigtlangen Gespräche und trotz all der künstlerischen Mängel, die ihnen anhafteten. Grafen wohnten leutselig unter dem Volk, und edle Kinder fanden in den Hütten der Ärmsten Zuflucht, Diese Bücher sind billig und äußerlich unscheinbar gewesen. Unscheinbar aber war in seiner ersten Gestalt auch ein anderes Kinderbuch, das später in unzähligen Auflagen, mit allen erdenklichen Illustrationen und in prächtigen Ausstattungen erschien: die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm (1812). Will es uns mitunter nicht unbegreiflich erscheinen, daß es Generationen von Kindern vor uns gab, die ohne die Grimmschen Märchen heranwuchsen? Und kann man es für möglich halten, daß die Märchen von Andersen zuzeiten sogar den Grimmschen Märchen den Rang abliefen? Von welch zarter Schönheit ist aber auch eine der ersten illustrierten Ausgaben Andersenscher Märchen gewesen mit den Lithographien des Hamburgers Otto Speckter! Es war derselbe Speckter, der die Bilder, zu den Heyschen Fabeln schuf, die in zahllosen guten Und schlechten Nachdrucken erschienen und die seit einem Jahrhundert in jeder Kinderstube zu Hause sind, und nicht nur in deutschen.

An das Fenster klopft es: Pick! pick!

Macht mir doch auf einen Augenblick!

Diese Verse sind noch heute den Kindern ebenso vertraut wie viele andere lustige Reime von Friedrich Güll, jene Verse vom "Büblein auf dem Eis", und wie sie alle heißen. Zu Gülls "Kinderheimat in Liedern" zeichnete Pocci, der Münchener Kinderfreund und Erneuerer des Kasperletheaters, seine vergnüglichen Bilder. Vor reichlich hundert. Jahren ist auch den "Struwwelpeter" erschienen, den der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann für seinen kleinen Sohn verfaßte. Nahezu hundert Jahre sind es her, seit Thekla von Gumpert das "Töchteralbum" und die Kinderjahrbücher ,,Herzblattchens Zeitvertreib" ins Leben rief, die jahrzehntelang die Geschenke in gutsituierten bürgerlichen Häusern waren. Vor knapp hundert Jahren kam schließlich "Onkel Toms Hütte" nach Deutschland, das berühmte Buch von Harriet Bescher Stowe, das nachmals Generationen von Kindern unter Tränen – lasen. Ungefähr so alt ist das Kinderbuch "52 Sonntage", das Tagebuch derdrei Gutskinder, und ein wenig älter das von kleinen Mädchen zärtlich geliebte Buch "Die Schicksale der Puppe Wunderhold". Franz Hoffmann, Gustav Nieritz und W. O. v. Horn hießen andere Schriftsteller von großer Fruchtbarkeit, aber leider auch großer Oberflächlichkeit, deren abenteuerliche Kinderbücher an Erfolg mit dem "Schwyzerischen Robinson" von Wyss. und dem "Sigismund, Rüstig" von Marryat wetteiferten. Die Bilderbücher von Oskar Fleisch und die lustigen "Sprechenden Tiere" Von Carl Reinhardt und dem Text von Adolf Glaßbrenner waren die Freude der Kinder, denen noch die Spitzenhöschen unterm Kleid hervorsahen.

Seither hat jede neue Generation neue Lieblingsbücher gehabt, auch wenn fast alle Eltern meinten – keineswegs, immer mit Recht – was sie einst mit Begeisterung gelesen hätten, das müßte ihren Kindern das gleiche Vergnügen bereiten. – Wenn aber Bücher wie der "Robinson", der "Lederstrumpf", der "Struwwelpeter" oder "Max und Moritz" (ein Buch, das übrigens nicht sofort ein großer Erfolg gewesen ist und vor dem ängstliche Pädagogen warnten) sich dennoch der Vorliebe von mehreren Generationen erfreuten, dann danken sie dies ihrem unverwüstlich kindgemäßen Stoff, zu dem in einzelnen Fällen – wie etwa beim "Struwwelpeter" – auch noch eine einmalig wohlgeprägte Form hinzukommt. Das Meiste der Kinder- und Jugendliteratur ist aber vergängliches Gut. Doch. soll uns dies nicht allzusehr bekümmern. Denn alles, was an Unvollkommenheiten und Dilettantismus so oft gerade in modernen Kinderbüchern steckt, vermag das Kind aus eigener Kraft zu vollenden, Weil es die Fähigkeit besitzt, in seiner Seele das unvollkommene in ein vollkommenes Bild zu wandeln.