Von Gerd Bucerius

Lange haben sich die Nationalökonomen und Wirtschaftspraktiker der Welt den Kopf darüber zerbrochen, mit welchen Methoden Hitler die nicht zu leugnende, Erfüllung der Zusage, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, .geglückt sei. Man sprach schlechthin – nicht nur in Deutschland, sondern gerade im bewundernden Ausland – von einem "deutschen. Wirtschaftswunder". Heute liegt die Technik, mit der dieses Problem gelöst wurde, vor jedermann offen, Man spricht von einem Betrug, begangen unter Mitwirkung von Schacht mit Hilfe der sogenannten "Mefo-Wechsel’", jener Wechsel im Werte von 12 Milliarden Reichsmark, die tatsächlich die Geldaufschwemmung eingeleitet haben, die heute mit einem Notenumlauf von 60 Milliarden Reichsmark das Nachkriegsdeutschland belastet.

Die deutsche Währung stand, seit 1925 unter dem Schutz internationaler Verträge. Die ausländischen Banken hatten damals vor Gewährung ihrer An-; leihen die Sicherung der deutschen Währung verlangt. Die Reichsbank sollte’-als Trägerin der Währung vom Reich unabhängig sein. Ihr wurde durch das Statut geradezu verboten, dem Reich. Kredite zu geben. Darüber hinaus war ihr vorgeschrieben, welche Werte sie als Unterlage für die Notenausgabe ansehen durfte. Daraus ergab sich, daß alle von der Reichsbank ausgegebenen Noten entweder zu einem bestimmten Prozentsatz durch Gold oder Devisen oder aber durch echte Umsätze des deutschen Handels gedeckt sein, mußten.

Die Hauptabteilung I des Reichswirtschaftsministeriumshatte unter anderem die Aufgabe, die Sicherung der deutschen Währung zu überwachen. Ihr Leiter war Ministerialdirektor Dr. Schniewind. Die Aufzeichnungen des nach dem 20. Juli hingerichteten Botschafters, v. Hassel! berichten, daß Schniewind von Goerdeler als Wirtschaftsminister im geplanten Kabinett ausersehen war. Seine Haltung in der Angelegenheit der "Mefo-Wechsel" beweist, in welchem Maße, ihrer Verantwortung bewußte, mutige Beamte in den ersten Jahren des Systems ihre Stimme noch erheben konnten.

Das ganze Interesse der Hauptabteilung I richtete sich auf. die Methoden, die Hitler zur Bekämpfung: der Arbeitslosigkeit anwenden, würde. Glaubtedoch eine Welt, daß dies nurmit Hilfe einer gewaltigen Inflation möglich sei. Im Jahre 1936 erfuhr die Hauptabteilung I von der Existenz einer merkwürdigen Sorte von "Sonderwechseln", welche angeblich von der Reichsbank angekauft wurden. Es stellte sich heraus, daß eine große Zahl von Firmen vor allem der Rüstungsindustrie schon seit1934 Wechsel mit einer Laufzeit von fünf Jahren auf eine Firma "Metallurgische Forschungs-GmbH" zogen. Der Gesamtbetrag dieser Wechsel belief sich damals auf mehrere Milliarden. Das dem Reich gehörige Aktienkapital der Gesellschaft betrug nach den greifbaren Unterlagen aber nur; 300 000 Reichsmark. Ganz offenbar dienten die Wechsel der Bezahlung von Rüstungsaufträgen. Die Firma Krupp zum Beispiel erhielt für ihre Lieferungen an das Reich statt der Barzahlung aus der Reichskasse einen Wechsel der Metallurgischen Forschungs-GmbH. (Mefo). Man stellte fest, daß sich die Reichsbank den deutschen Banken gegenüber bereiterklärt hatte, die Mefo-Wechsel zu rediskontieren, wodurch sie die Banken in die Lage setzte, die Wechsel zu diskontieren. Da den Wechseln kein, normaler Handelsumsatz zugrunde liegen konpte erhob sich die Frage, mit welchem Recht die Reichsbank diese Wechsel bevorschußte. Lag hier vielleicht der Schlüssel, der zugleich das deutsche Wirtschaftswunder" und die Aufrüstung erklärte?

Jedenfalls war es Pflicht des Wirtschaftsministeriums und zwar, des Ministers selbst, sich bei dem Reichsbankpräsidenten über diese Frage Klarheit, zu verschaffen. Aber Reichswirtschaftsminister und, Reichsbankpräsident war ja ein und derselbe Mann: Hjalmar Schacht, der seit 1933 gleichzeitig als Reichsbankpräsident den Umfang des Notenumlaufs bestimmte und ihn. als Reichswirtschaftsministerkontrollierte! Die Hauptabteilung befand sich also in einer sehr eigentümlichen Lage. Es hat historisches Interesse zu hören, wie sie sie löste. Sie nahm einen Briefbogen mit denn Kopf "Den Reichswirtschaftsminister" und richtete auf ihm (gez.: "ImAuftrage: Dr. Schniewind"!) an den Herrn Präsidenten. der Reichsbank (also an ihren eigenen Chef) die schriftliche Anfrage, auf Grund welcher Vorschriften sich die Reichsbank zum Ankauf dieser Wechsel für befugt haltet Vom Reichsbankdirektorium kam, einesehr, vorsichtige Antwort: Hierüber seien besondere Abmachungen mit dem Reichsfinanzministerium getroffen; der Herr Reichswirtschaftsminister sei persönlich informiert worden. Mit anderen Worten: Euer Chef ist unterrichtet, gebt Euch gefälligst damit zufrieden! Doch die Hauptabteilung I – nicht eingeschüchtert – fragte zurück, welcher Art denn die Abmachungen seien. Antwort: Der Reichsfinanzminister habe sich der Reichsbank gegenüber schriftlich verpflichtet, die Mefo-Wechsel bei Fälligkeit in bar einzulösen. Ein drittes Schreiben der Hauptabteilung fragte, ob wenigstens ein Höchstbetrag vereinbart worden sei? Antwort: Das sei: nicht geschehen.

Als die Hauptabteilung I diese interessanten Unterlagen hatte, begab sich Dr. – Schniewind zu Herrn Schacht. Dr. Schacht schien die Bedenken zu teilen und lüftete ein bisher sorgfaltig gehütetes Geheimnis: er habe Hitler versprochen, eine "begrenzte" Aufrüstung zu finanzieren. Obwohl die Mefo-Wechsel keine reinen Handelswechsel seien, halte er sie wegen der Barzahlungszusage des Finanzministers für eine nach dem Reichsbankstatut zulässige Deckungsunterlage. Dr. Schniewind wandte ein daß man dann mindestens einen Höchstbetrag für die Diskontierung hätte, bestimmen müssen, wenn es sich schon um eine "begrenzte" Aufrüstung handele. Schacht stimmte zu und bat Dr. Schniewind, sogleich mit dem Reichsfinanzminister überdie Festlegung eines Höchstbetrages zu verhandeln. Als annehmbar erschienen 9 Milliarden Reichsmark, eine Summe, die damals gerade erreicht war und mit deren Hilfe sich zwar, eine bescheidene defensive, niemals aber eine Offensive Aufrüstung würde bewerkstelligen lassen. Reichsfinanzminister Graf Schwerin v. Krosigk sträubte sich anfangs sehr gegen die Festsetzung eines Höchstbetrages, einigte sich aber schließlich auf 12 Milliarden Reichsmark, rückzahlbar in bar. Mit dieser bindenden Zusage glaubten Dr. Schacht und DR Schniewind die Situation völlig in der Hand zu haben: 1939. mußte der Reichsfinanzminister aus Steueraufkommen oder Anleihen mit der Rückzahlung der Wechsel beginnen. Die Gefahr einer Inflation war gebannt.

Aber die Beteiligten hatten nicht damit gerechnet, daß die Entwicklung der nationalsozialistischen Staatsauffassung die Innehaltung einer zwischen Ministerkollegen gegebenen Zusicherung überflüssig machte. Als in der Tschechenkrise zum erstenmal erkennbar würde, daß Hitler es zur Verfolgung seiner Ziele auf einen ernsthaften Waffengang würde ankommen lassen, beschloß das Reichsbankdirektorium, von dem in seiner Hand befindlichen Druckmittel Gebrauch zu machen und die Barzahlung der Wechsel zu verlangen. Die Anregung gab Dr. Schniewind, der inzwischen wegen aridererDifferenzen auf Verlangen der Gestapo aus dem Reichswirtschaftsministerium unter Verzicht auf Pension und Amtsbezeichnung ausgeschieden und von Dr. Schacht bemerkenswerterweise in das – noch immer autonome – Reichsbankdirektorium übernommen worden war Den Vertretern des Reichsbankdirektoriums antwortete der Reichsfinanzminister, daß er eine Barzahlung nicht leisten könne. Er beabsichtigte der Reichsbank statt dessen Schuldverschreibungen des Reiches zu übergeben!

Daß hieraufhin sofort Maßnahmen zu eingreifen seien, war dem Reichsbankdirektorium einleuchtend. Was sich zugetragen hatte, war ein glatter Betrug unter Kollegen: offensichtlich hätte der Reichsfinanzminister von vornherein nicht, die Absicht gehabt; seine Zusage zu halten. Über die Art des Schrittes bestanden. Meinungsverschiedenheiten. Wie aus dem Nürnberger Prozeß hervorging, beantragte Dr. Schniewind im Einvernehmen mit Schacht, man solle, kurzerhand im nächsten, Dekadenausweis der Reichsbank den Posten "Handelswechsel" um den Betrag der "Mefo-Wechsel" kürzen und den Posten als Schulden des Reiches, die ja keine deckungsfähige Unterlage waren, ausweisen. Dieser Schritt hätte in der in- und ausländischen Banken weit sensationelles Aufsehen erregt und wäre durch Offenlegung des Betrugsversuchs einer scharfen öffentlichen Zurechtweisung des Regimes durch die Reichsbank gleichgekommen. Die Mehrheit des Reichsbankdirekforiums beschloß, einstweilen nur in einer Eingabe an Hitler gegen die unsachliche Finanzpolitik Stellung zu nehmen und zugleich darauf hinzuweisen, daß die Lage der Wirtschaft die Führung eines Krieges nicht gestatte. Dr. Schniewind erschien dieser Schritt nicht ausreichend; er trat aus dem Reichsbankdirektorium aus. Hitler bezeichnete die Eingabe als Meuterei und nahm sie zum Anlaß, die Führer der opponierenden Männer (an der Spitze Dr. Schacht, der gerade seiner Entrüstung über die Judenverfolgungen in einer Betriebs-, versammlung der Reichsbank Ausdruck verliehen hatte) aus dem Reichsbankdirektorium zu entfernen, das autonome Reichsbankstatut aufzuheben und die Reichsbank zu verstaatlichen. Damit war der Weg zu einer der Finanzierung der Aufrüstung dienenden Inflation offen.