Das gegenwärtige Dasein in Deutschland ist hart und Viele Menschen haben die Hoffnung verloren, einmal bessere Zeiten zu erleben. Die Zukunft wird, so meinen sie, ein fast aussichtsloses Ringen um die Sicherung der einfachsten materiellen Existenzgrundlagen sein, alle Kräfte werden sich darin erschöpfen, und auf all das, was das Leben wirklich lebenswert macht, wird man verzichten müssen. Wie verlockend ist es da, sich auszumalen, daß man eines Tages die ganze Misere des -ewigen grauen Proletarier-Alltags hinter sich lassen könnte, um irgendwo in der Welt neu anzufangen – doppelt verlockend deshalb, weil: ja. doch, für den Durchschnittsdeutschen, alle Wege ins Ausland fest verrammelt-sind!

So ist "Auswandern" heute ein Wunschtraum, den fast jeder einmal träumt. Würde man aber Umfrage halten, wer denn die feste, bestimmte Absicht habe, im nächsten Monat schön als Siedler in die Champagne zu gehen, als Melker nach Ulster, als Kohlenarbeiter ins Revier von Bethune oder nach Wales – wie viele der Auswanderungslustigen wären dazu Wohl bereit? Es ist eben ein Unterschied, ob man vagen Wunschvorstellungen nachhängt, in deren Bereich noch alle Möglichkeiten zur Wahl stehen, oder ob man sich plötzlich einer konkreten’ Möglichkeit gegenübergestellt sieht: "Dies ist Ihre Chance, Herr – können Sie das Verlangte leisten, können Sie sich aus den heimatlichen Bindungen, aus den menschlichen Beziehungen hier herauslösen, oder können. Sie es nicht?"

Ähnlich so haben sich viele deutsche Kriegsgefangene letzthin zu entscheiden gehabt. War es zu verwundern, daß nur eine ganz geringe Zahl von ihnen als freie Arbeiter bleiben wollten, wo sie bisher in Zwangsarbeit gewesen waren? Es ist nicht bloß Heimweh oder Sentimentalität, was zu dieser Entscheidung geführt hat, und nicht bloß das rein stimmungsmäßige Gefühl, daß dem P. O. W. der Ort seines Zwangsaufenthaltes bis zum Überdruß verleidet ist. Man soll sich auch vor der Prophezeiung hüten, daß diese Männer, sobald sie nur erst in die heimatlichen Verhältnisse, hineingerochen haben, es gleich Hans im Schnakenloch bitter bereuen werden, die Auswanderungschance ausgeschlagen zu haben. Hinter dieser Ablehnung steht ja doch, dem einzelnen mehr oder minder bewußt, das Gefühl; daß er im fremden Lande auf lange Jahre hinaus, vielleicht auf Lebenszeit, ein Bürger minderen Rechts sein würde. Er muß befürchten, daß jeder Betrieb ihn, den Fremden, bei Arbeitsmangel zuerst entläßt; die Arbeitskollegen, vielleicht auch, die Gewerkschaften, werden das selbst gegen den Willen des Unternehmers durchsetzen. Er wird, als Lohnarbeiter, fast immer das typische Proletarierschicksal haben, der "industriellen Reservearmee" anzugehören; er wird als Siedler – um weiter in der marxistischen Terminologie zu sprechen – sein Leben lang zu einer Existenz der "Selbstausbeutung" verurteilt sein.

Das gilt, mögen auch die Chancen für einzelne gesuchte Spezialisten besser sein, bei jeder Art von Massenauswanderung, wie sie neuerdings etwa von französischer Seite debattiert wird. Man kann der französischen Regierung nur dankbar sein, daß sie die Alternative so scharf herausgearbeitet hat: entweder ein relativ hoher industrieller Standard für Deutschland oder aber ein drastischer Abbau der Bevölkerungszahl. Ebenso klar ist aber auch, daß unsere Entscheidung angesichts dieser Alternative nur. lauten kann: wir wünschen ein ausreichendes Friedenspotential, und dazu gehören, auch die Männer der jüngeren, im besten. Arbeitsalter stehenden Jahrgänge. Eine Massenauswanderung, die in erster Linie diese Männer erfassen würde, könnte ihnen keine befriedigende Existenz "draußen" geben. Und in einem Lande, das durch Industrieabbau seiner Arbeitsmöglichkeiten, durch Massenauswanderung seiner besten Arbeitskräfte beraubt ist, würde der Lebensstandard für die Zurückbleibenden noch immer weiter sinken. Das ist also keine Lösung. Auswanderung, im großen Stil betrieben, wäre nicht die richtige Medizin für. unser krankes Land.

Man soll sich auch keine Illusionen über die Möglichkeiten einer Siedlung in den "unerschlossenen Gebieten" der Welt machen. Zunächst: Es gibt, trotz geringer Bevölkerungsdichte in Australien, Südafrika, Kanada und großen Gebieten Südamerikas, dort doch nur Verhältnismäßig wenig herrenlose Ländereien, also Land, das praktisch kostenlos an Siedlungswillige gegeben werden könnte. Kapitalien bringen unsere Auswanderungslustigen aber nicht mit. Und wenn das Siedeln im fremden Lande schon überhaupt schwer ist, so ist es doppelt und dreifach schwer für den, der mit den bloßen Händen, beginnen muß, ohne eine hinreichende Ausstattung mit Handwerkszeug, Traktor, Auto – mit einem Wort: ohne reichliche Kapitalien. Außerdem ist bei uns die Zahl geeigneter Siedlerfamilien, die über ausreichende landwirtschaftliche Fachkenntnisse verfügen, doch relativ recht gering. Das hat sich bereits bei den Bestrebungen gezeigt, Ostflüchtlinge in landwirtschaftlichen Betrieben und in Siedlerstellen der Westzonen unterzubringen.

Also ist, auch dieser Gedanke des Farmens in überseeischen Ländern nicht in einem irgendwie zu Buche schlagenden Umfang realisierbar.’ Nur der "Gelernte", der Facharbeiter, wird gesucht. Aber auch ihm droht ja im fremden Land? die Gefahr, ins Proletariat herabgedrückt zu werden.

n. f.