Wir leben heute in einer Welt der Bürokraten, die ein wichtiger Bestandteil unseres Zeitalters sind, und deren wir uns ebensowenig entledigen können, wie wir ohne Autos, Flugzeuge und Radios auszukommen in der Lage sind. Ganz gleichgültig, welche Art Regierung ein Land besitzt; die Bürokraten sind überall; und es wäre naiv sich einzubilden, daß ein Regierungswechsel der charakteristischen Bürokratie unserer Zeit ein Ende machen würde. Der Beamte ist nun einmal da und wird es auch bleiben; so ist die einzige Lösung, mit ihm zu einer Einigung zu gelangen.

Bis jetzt haben wir uns immer nur über die Langsamkeit unserer Bürokratie, ihre Pedanterie, das Letten jeglicher Elastizität und oft sogar über ihre ausgeprochene Tyrannei beklagt; aber wir baben so auf wie nichts in konstruktiver Kritik unternommen unsere Beziehungen zu den Beamten zu verbessern oder deren Ansichten und Benehmen zu ändern. Wir sind nur allzuleicht geneigt, anzunehmen, daß die Beamten in der, Zukunft genau ‚so bleiben müßten, wie sie in der Vergangenheit waren. Aber dieses Vorurteil ist gefährlich; denn wenn die Bürokratie sich nicht bald zurückdämmen läßt, wird sie eine rapide Wendung nehmen, aber nicht zum Guten!

Der Grund hierfür, ist leicht erkennbar. Nichts – nicht einmal die Bürokratie – kann stillstehen bleiben. Wenn die Macht der Beamten ständig zunimmt, ohne daß sie in Schach gehalten und sich zur Überwindung ihrer Fehler gezwungen sehen, werden sie sich später allen Besserungsversuchen widersetzen können. Die bloße Tatsache, daß ihre Macht ständig im Wachsen begriffen ist, wird sie von der Richtigkeit ihrer Methoden überzeugen. Sie werden von uns verlangen – wie sie dies tatsächlich schon öfters tun – sich ihnen anzupassen. Statt die Bürokratie bloß zu verwünschen, sollten wir überlegen, wie sie verbessert werden könnte, und ihr durch kollektives Handeln unsern Willen aufzwingen Dies aber müßte geschehen, bevor sie sie, zu einer über jegliche Kritik erhabenen, regierenden Klasse entwickelt.

Der Hauptfehler der Bürokratie besteht darin, daß sie bei großen Aufgaben und der ganzen, mit ihnen verbundenen Macht Methoden zur Anwendung bringt, die nur auf die Lösung eines kleinen Problems zugeschnitten sind. Es ist, als ob der Vorsteher eines kleinen Museums plötzlich eine riesige Fabrik leiten oder die Lehrerin einer Mädchenschule auf einmal 10 000 Matrosen kommendieren sollte! Ob der tradionelle Bürokrat wenig energisch und nicht sehr erfinderisch ist, spielt keine Rolle – solange er keinen-Fehler begeht. Der Bürokrat unserer Zeit versieht aber Posten, die – vor allem jene beiden Eigenschaften, von ihm verlangen.

Eine der größten Schwächen der Bürokratie ist die Unfähigkeit, den Wert der Ausnahmen zu verstehen. in jedem Amt sollte es-einen Menschen mit der Kompetenz geben, trotz aller bürokratischen Vorschriften sagen zu können: "Ich weiß, daß dies Gesetz besteht, aber in diesem oder jenem-Falle handelt es sich eben um eine Ausnahme". Und je weiter sich die Tätigkeit der Bürokratie ausdehnt, um so mehr Ausnahmen wird es geben. Ein Beamter, der sich stets weigert, das Vorhandensein besonderer Umstände anzuerkennen, und der nicht einsieht, daß eine für neunundneunzig Menschen richtige Vorschrift für den Hundertsten einem Selbstmord gleichkommen kann, sollte in das kleine Museum zurückbefördert werden, wohin er gehört.

Eine Bürokratie, der so gewaltige Aufgaben gestellt werden, kann sich nicht aus Leuten zusammensetzen, dereir Laufbahn auf einem veralteten Dosiersystem beruht. Im öffentlichen Dienst erhält ein Beamter zum Beispiel einen "schwarzen Punkt", wenn ihm ein Fehler unterläuft; aber es wird ihm nicht im guten Sinne vermerkt, wenn er Initiative und Unternehmungsgeist an den Tag legt. Keine Risiken einzugehen und so wenig wie möglich zu – tun, ist für einen Beamten offenbar der beste Weg. Seine Beförderung erfolgt nach einer gewissen Zeit, wenn er den Ruf eines sicheren Mannes erworben hat. Aber diese, alle Verantwortung und Initiative von sich abschiebende Art Mensch, kann – eine außerordentliche. Gefahr darstellen für die Gemeinschaft, der sie dienen, soll. Hinzu kommt – je weiter sich die Bürokratie ausdehnt – die Gefahr, daß die Beamten sich ganz und gar ihrer Abteilung widmen, statt die Interessen der Öffentlichkeit zu vertreten. – Ein in einem großen Amt arbeitender Mann kann die Öffentlichkeit sehr bald, vollkommen aus den Augen verlieren, er findet sich von einem nie endenden Schachspiel zwischen den einzelnen Ämtern in Anspruch genommen.

Sehr oft kommt der Beamte mit dem Volk überhaupt nicht in engeren Kontakt, so daß ihm die Bedürfnisse seiner Mitmenschen im Vergleich zu den faszinierenden Intrigen des bürokratischen Lebens nur als entfernte Schatten bewußt werden. Innerhalb zweier Generationen könnten sich die Bürokraten zu eines eisernen Regierungsklasse entwickeln, die längst vergessen hat, daß ein Beamter in Wirklichkeit da ist, der Öffentlichkeit zu dienen.