In der Internationalen Kinderbuch-Ausstellung, die von Mönchen über Berlin jetzt nach Hamburg gewandert ist, gibt es eine Ecke, mit Kinderzeichnungen, die große Unterschiede zeigen, so daß es aussieht, als ob geographische Grenzen sogar Kinderherzen trennen könnten. Aber ich glaube das nicht. In Deutschland fingen die Kinder an mit Panzern zu spielen und die Kinderbücher wurden mit Trommeln und Standarten verziert, als Göring Kanonen gegen Butter kaufte. Da sieht man, welch böses Beispiel die Erwachsenen geben. Auch die kleinen Jungen und Mädel in Rußland spielen seit einigen Jahren mit Kanonen, während die Schweizer Kinder bunte Blütenkränze malen. Kindliche Unschuld leugnet das Vorbild nicht. Mit breitem Pinsel auf große Flächen – getuscht, verraten die amerikanischen Kinderzeichnungen das expressionistische Beispiel der Erwachsenen, und jene französische Fünfzehnjährige, die eine Landschaft mit Landmann und Pflug komponierte, hat ohne Zweifel – wenn vielleicht auch unbewußt – eine Vorlage kopiert: treffen, hier doch künstlerischtechnische Probleme zutage, die nicht aus der Welt der Kinder sind. Denn Probleme – das sind solche Sachen für Erwachsene denen die Kinderwelt längst verschlössen ist.

Es ist ganz gewiß eine Erfindung der Erwachsenen. schon den Kindern jene nationalen Unterschiede anzudichten, die dann später zu langen Sitzungen an Konferenztischen und am Ende zu furchtbaren Kriegen führen. Bleiben die Kinder ihrem eigenen Trieb und ihrer Phantasie überlassen, dann setzen sie sich auf ihre Art, selbstbewußt und unbekümmert; mit der Wirklichkeit auseinander, die mit der Entdeckung des Tieres beginnt und mit der Kraft. der Phantasie aus schlichten Holzstücken Türme und ganze Märchen-, reiche baut. Die Unterschiede liegen keineswegs in der Problematik der Ländergrenzen; sondern im Temperament. Als mein kleiner Freund Klaus, sechsjährig, zu den Elefanten im Zoo geführt wurde mit der Erklärung, dieses nun seien die größten Tiere der Welt, da ging er entschlossen darauf zu, um zu, sehen, wo der lange Rüssel mit dem dargereichten Brot blieb; während der Brüder Uli zwei Jahre später im gleichen Alter in derselben Situation scheu um sich blickte mit der leisen Bitte:

"Ach, gibt es hier keine, ganz kleinen Tiere!" Jene Greuel aber, die schon seit Jahrhunderten in den Kinderstuben erzählt und dann auch in den Kinderbüchern gedruckt werden, angefangen bei der Hexe des alten Volksmärchens bis zu Panzerparaden neuesten Musters, es sind Erwachsenengreuel, mit denen die gelehrigen Kleinen in der ganzen Welt auf die falsche Fährte gesetzt werden können. Eine große Vitrine in der Internationalen Jugendbuch-Ausstellung, die jetzt im Völkerkundemuseum in Hamburg eröffnet wurde, zeigt jene Bücher, die, in zahlreiche Weltsprachen übersetzt, von den Jungen und Mädel in Europa so gut wie in Amerika mit Begeisterung gelesen werden: "Robinson" und "Gullivers Reisen", unter ihnen. Die Weite der Welt und die Freiheit spiegeln sich aber besonders in der großen Auswahl aus Amerika, die durch reiche farbige Ausstattung und künstlerische Raffinesse lockt. Wohl möglich, daß man die Kultur eines Landes darin ablesen, kann, welche Rolle die Kinder spielen. Bleiben sie kindlich frei oder scheut man sich nicht, sogar die Kinder zu organisieren? Und danach müßte man sagen, daß Amerika ein Kulturland erster Ordnung wäre.

In einem eigenen Lesesaal mit kleinen Tischen und Stühlen, aber auch zwischen den gläsernen Schränken der anderen Räume, die mit feinsinnigen, aus echter Begeisterung geschaffenen Rollbildern der Meisterklasse Mahlau der Landes-. kunstschule Hamburg geschmückt sind, werden die deutschen Buben und Mädel platz nehmen und aus Amerikas Weite die bunten Abenteuer eines winzigen Borkenkanus auf kanadischen Flüssen oder die drollige Geschichte des kleinen Chinesenmädchens Mei Li studieren können, werden das zartgetönte Alpenblumenmärchen des Schweizers Ernst Kreidolf vom Rotapfel-Verlag, Zürich, durchblättern oder die lustige englische Erzählung vom Karussellpferdchen, das die angelsächsische Liebe zur Groteske schon den Kleinen beibringt.

Hans Leip, der für seine Tochter Agathe ein von ihm selbst illustriertes reizendes Bilderbuch "Das. Zauberschiff" (Verlag Hammerich & Lesser. Hamburg) schrieb, vertraut bei seihen kleinen Lesern "auf die unbefangene Sicherheit und Lebenskunst und die natürliche Heiterkeit, die die Erwachsenen erst nach sauren Umwegen als letzte Weisheit wiedergewinnen – wenn sie Glück haben". Das ist hier so und das . ist leider auf der ganzen Welt nicht anders. Uns aber scheint es, daß diese Ausstellung, an der so viele Nationen beteiligt sind, im Grau unserer Tage einen Lichtblick eröffnet: Viele Menschen aller möglichen Länder demonstrieren gemeinsam, daß sie den Kindern der ganzen Welt nur Gutes wünschen, auch den deutschen Kindern und auch für den Fall, daß aus Kindern Erwachsene werden! Erika Müller