Irgendwo in Deutschland ein überfülltes Eisenbahnabteil mit üblichem Gedränge. Ein älterer Mann sagt gereizt zu dem jungen Menschen hinter ihm: "Stoßen Sie mich nicht so." "Ich stubse doch nicht," sagt der, "ich werde selbst gestubst. Der alte Mann wird noch ärgerlicher: "Wo haben Sie nur die schlechten Manieren her? Die haben Sie wohl bei. der Hitler-Jugend gelernt." Und nun kommt es zurück: "Hitler-Jugend? Sagen Sie nichts gegen die Hitler-Jugend. Sie sind wohl bloß neidisch, daß Sie nicht dabei waren." Und so weiter. Das bekannte Hin und Her von Unfreundlichkeiten. Auf beiden Seiten das ebenso bekannte Werben um den Beifall der Mitreisenden. Aus den Zurufen geht eindeutig hervor, daß die Sympathien des Abteils dem jungen Mann gehören, besonders im Punkte Hitler-Jugend. Allmählich wird es Wieder, ruhig, aber nur bis zur nächsten Station. Und jetzt geht es blitzschnell. "Du, faß mal mit an!" Der alte Mann wird sicher und etwas unsanft hinausbefördert. Köfferchen hinterher. Niemand versucht einzugreifen. Der Zug fährt weiter. Der alte Mann steht auf; dem Bahnsteig.

Das ist eine währe Geschichte. Es waren nur Deutsche im Abteil. Aber wenn nun zum Beispiel ein Schweizer dabei gewesen wäre, einer von dienen, die wenige Tage in eine sehr fremde Welt hineinschauen und dann viel darüber zu sagen wissen; so hätte man vielleicht bald darauf einen längeren Artikel in der Schweizer Presse zu sehen bekommen: "Das heutige Deutschland". Darin wäre dann die kleine Geschichte im Eisenbahnabteil das Kernstück. Und die Schlußfolgerung des Schweizer Berichterstatters wäre, daß die Deutschen immer noch durch und durch nazistisch sind, daß sie auf den neuen Hitler und den neuen. Weltkrieg warten, daß vom Geist der Demokratie in diesem unerziehbaren Volk nichts aber auch gar nichts zu spüren ist. Ein solcher Artikel wäre womöglich neues Material für das "Internationale Komitee zum Studium europäischer Fragen". Und überhaupt: die großen Schweizer Zeitungen werden von vielen gelesen, auch außerhalb der Schweiz. Ein Bericht dieser Art würde bewirken, daß zahlreiche Gemüter sich neu oder zusätzlich verhärten. Die These von der Kollektivschuld bekäme neue Nahrung. Der Wille zu helfen, die Bereitschaft zu konstruktiven Lösungen würden geschwächt. Kleine Ursache, beträchtliche Wirkung,

Hätte der Schweizer recht? Hätte er ganz und gar unrecht? Lohnt es sich überhaupt, von der Geschichte im Eisenbahnabteil Notiz, zu nehmen? Ja, es lohnt sich. Wer heute in Deutschland viel mit der Bahn fährt,, wird gewiß nicht immerfort Ähnliches erleben wie die Sache mit dem alten Mann. Aber er wird in Bemerkungen, Gesprächsfetzen, Erzählungen vielfaches Seltsames; zu hören bekommen: einen ganzen Wust von Unverständigem, Mißdeutetem, Verbittertem, Verkrampftem. Darunter ist viel Böses über die Besatzungsmächte. Die Nazis kommen weniger schlecht weg. Es wird ihnen eher vorgeworfen, daß sie den Krieg verloren, als daß sie ihn geführt haben. Es wird gesagt: "Die Sieger sind ja auch nicht besser." Oder: "Damals hatten Wir doch wenigstens noch Ordnung, und selbst nach den schwersten Luftangriffen funktionierte alles gleich wieder. Und jedenfalls gab es mehr zu essen." Auch die "Volksgemeinschaft" wird gelobt: "Wir hatten doch, noch so etwas wie echte Kameradschaft. Die Menschen haben sich wirklich geholfen. Nie sind Deutsche so gemein zueinander gewesen wie seit dem Zusammenbruch." Sagt aber einer etwas von den Millionen ermordeter Juden, so heißt es bissig: "Waren Sie dabei? Haben Sie sie "gezählt?" Von den Nazigreueln will man schön garnichts mehr hören. Da-, gegen wird vermerkt, die Nazipropaganda habe mit ihrer Prophezeiung: von den "Überlebenden und Vernichteten" nicht so unrecht gehabt.

Sicher läßt sich sagen, daß die Menschen überreizt sind nach allem, was sie während des letzten Winters durchzumachen hatten, In der Bahn oder auch in der Schlange ist ohnehin niemand sehr geduldig, sehr distanziert abwägend gestimmt. Da sitzen die verärgerten Urteile locker, und da steigern, sie sich wechselseitig. Aber dies alles ist nicht allein eine jahreszeitliche Erscheinung und nicht allein eine verkehrstechnische, Man kann sehr Ähnliche? auch in zahlreichen Privatgesprächen beobachten, sogar in der Ruhe eines geheizten Zimmers. Ist also das deutsche Volk noch nazistisch? Ist es renazifiziert? Haben diejenigen Recht, die behaupten, wir hätten heute mehr Nazis als vor den Zusammenbruch? Das sind*sehr ernste fragen, mit denen man sich auseinandersetzen muß.

Wir müssen, uns klar machen, was eigentlich in Deutschland geschehen ist. Die meisten Deutschen haben zwölf Jahre ihrer eigenen Geschichte falsch erlebt. Das ist ein ganz ungewöhnlicher, ein nur sehr schwer zu berichtigender Vorgang. Im Bewußtsein? der meisten Deutschen war die Gefolgsmasse eine Volksgemeinschaft, die Tyrannei ein volksverbundener Staat, der Aufstieg aus der Krise "von ein Führungswunder, die große Weltpolitik eine Weltverschwörung gegen Deutschland," der "Weltjude’’ der Einpeitscher "der Plutokratien und des Bolschewismus", der willkürliche Angriff Notwehr, die "Neuordnung Europas" eine Deutschland aufgezwungene Mission. Die Nazis haben es fertig gebracht, mit den Vorgängen auch die Erlebnisse der Menschen zu fälschen. Und sie waren gerissen genug, die Geschehnisse von Auschwitz und Lidice und zahllose andere nicht in die deutsche Öffentlichkeit dringen zu lassen. Das alles muß man zunächst einmal nüchtern registrieren und zwar, was den Massendeutschen anlangt, ohne jede Tendenz der Beschuldigung, oder der Entschuldigung. Dann kommt man nämlich zu dem Ergebnis, daß dieser Massendeutsche der Jahre 1933 bis 1945 alles andere gewesen ist als ein. Nazi. Der wirkliche Nazi will und bejaht die Macht und den Angriffskrieg und jedes Mittel, auch das Verbrechen, das diesen Zwecken, dient. Der Massendeutsche will das Recht und den Frieden, und der Nazi verfälschte ihm die tatsächliche Macht und den tatsächlichen Angriffskrieg in ein Scheingeschehen, das dann als Recht und als Verteidigung erlebt wurde. Der Massendeutsche ist das Opfer eines unerhörten Nazibetrugs gewesen. -Seine Erlebnisse waren Illusionserlebnisse. Dem Nazi kann und muß man mit strafrechtlichen Mitteln beikommen. Aber die einzig sinnvolle "Entnazifizierung" des Massendeutschen besteht darin, daß man die in ihm fortwirkenden Illusionen auflöst, daß man An- desillusioniert. Natürlich wäre es falsch zu behaupten, es habe in den zwölf bösen Jahren nur Nazis und Massendeutsche bei uns gegeben. Es gab außerdem Opportunisten, die weder betrogen noch betrogen wurden, sondern glaubenslos der Straße ihres Vorteils folgten. Es gab die ewig Gedankenlosen. Es gab Wissende, die schweigend und widerwillig mitmachten oder sich einfach abseits hielten. Und es gab die Wissenden, die widerstanden und kämpften. Die Massendeutschen waren in der Mehrzahl, und sie sind keineswegs ausgestorben.

Ihre Desillusionierung ist nur teilweise geglückt. In vielen Fällen ist sogar eine Rückbildung zu verzeichnen. Zahlreiche Deutsche, die bereits weitgehend desillusioniert waren, sind, wieder auf dem Wege in neue und alte Illusionen. Nochmals: das. sind Massendeutsche und keine Nazis. Die Nazis waren immer in der Minderheit und sind heute in einer verschwindenden Minderheit. Die "Renazifizierung" im Sinne einer Nazivermehrung ist eine Legende. Die "Renazifizierung" im Sinne verstärkter Nachwirkungen des Nazibetrugs in den Massendeutschen ist keine Legende. Es handelt sich hierbei um zwei grundverschiedene Dinge,-die man genauestens unterscheiden muß, wenn aus der "Umerziehung" noch etwas werden soll. Sie bleibt eine unserer dringlichsten Aufgaben.

Warum gelingt sie so unvollkommen? Ist das deutsche Volk so hoffnungslos töricht, wie das durch Erlebtes und Gehörtes immer wieder bestätigt zu werden scheint? Man macht es sich viel zu leicht, wenn man hier verärgert und überheblich resigniert. Es wäre weit lehrreicher, zuzugeben, daß die Nachhaltigkeit der Wirkung des Zusammenbruchs überschätzt worden ist. Er hat zunächst desillusionierend gewirkt sogar in starkem Maße, aber das hat nicht angehalten. Der Anfangserfolg wurde nicht ausgewertet. Die Besatzung folgte so pausenlos auf die Niederlage, daß die neuen Erlebnisse jede andere Reaktion bald verdrängten. Und gerade die bezüglich des Nazismus illusionslosesten Deutschen verbreiteten völlig sinnlose Illusionen hinsichtlich der Poltik der "Befreier." Man hat ganz unmögliche Hoffnungen in sie gesetzt, besonders in der britischen Zone. Trotz vielen Fehlern, die die Siegel-, handelnd und mehr noch unterlassend, gemacht haben, gilt es festzustellen, daß das von ihrer Herrschaft erwartete Paradies auf keinen Fall zu Verwirklichen war.