Der deutsche Buchmarkt gleicht heute einem Schwamm, der alle Publikationen gierig’ aufsaugt. Aber die Anzeichen mehren sich, daß der Leser der periodischen Schriften und der Broschürenreihen allmählich müde wird! Selbst wenn er den in Flammen aufgegangenen Bücherschrank nur durch ein dürftiges Regal hat ersetzen können, möchte, er wieder eins Bibliothek aufbauen, nicht eine par hasard, sondern eine nach seinem eigenen Kopf und Gusto. Und wenn er hineinfaßt, möchte er ein Werk in der Hand haben, möglichst gebunden, innen und außen "etwas Bleibendes". Man mag darüber lächeln, aber im Grunde ist dieser Wunsch, sich einen geistigen Eigenbesitz zu schaffen, verständlich. Es wäre also zu wünschen, daß die Verleger das wenige verfügbare Papier nicht in Schriften – und Schriftchen verzettelten – wie man dies heute immer wieder beobachten kann –, sondern lieber ihre Kontingente sammelten, um dann vielleicht seltener, dafür aber mit um so gültigeren Werken auf dem Markt zu erscheinen. Es ist immer besser, einer Entwicklung die sich über kurz oder lang anbahnen wird, voranzugehen, als ihr mühsam nachzuhinken.

Da lobe ich mir die Aphorismen und Notizen, die Heinrich Scholz unter den Titeln "Von großen Menschen und Dingen" (bei Carl Habel, Berlin) und "Zwischen den Zeiten" (Furche-Verlag, Tübingen) herausgegeben hat. Nicht nur, daß ein helles und klares Denken hier auf eine wohltuend kurze Formel gebracht ist: auch das verarbeitete Material, das von Boethius bis Lessing und von Perikles bis Napoleon reicht, führt dem Leser Dinge zu, die wert Sind, gewußt und überdacht zu werden. Derkleinen Form des Aphorismus ist die kleine Form der Broschüre durchaus angemessen. – Reinhold Schneider, der kürzlich zum Ehrendoktor der Universität Münster ernannt wurde, veröffentlicht im Verlag Hans Bühler jr. (Baden-Baden) einige lesenswerte Essays. In "Faust" Rettung" wird die Frage gestellt, ob Goethes "Faust", der "in gewissem Grade das heilige Buch eines Jahrhunderts gewesen ist", diesen Rang auch heute noch bewahren kann. Darf Faust, der "verbrannten Herzens die Welt verheerte und sich selber zum Fluche ward", auch heute noch den Inbegriff des deutschen Wesens repräsentieren? Schneider denkt nicht daran, das Werk oder gar den Dichter anzutasten, er wendet sich vielmehr gegen den Kultus des faustischen Ideals, wie er insbesondere von den Propagandisten des Dritten Reiches verbreitet und gefördert wurde. Nicht der rastlose, umhergetriebene, zerstörerische Faust soll unser Leitbild sein, sondern der erlöste, befriedete, in das Mysterium der Gnade zurückgeführte. Wenn Faust seiner eigenen Weichheit entgehen will, indem er in die Härte und Gewalttätigkeit flüchtet, so hat er damit eine Gefahr des deutschen Menschen aufgezeigt, deren Folgen uns allmählich klarzuwerden beginnen. Goethe hat das ganze Glück und das ganze Elend des faustischen Menschen gedichtet; es ist unsere Schuld, daß wir immer nur jenen Teil seines Werkes akzeptieren, der uns gerade in den Kram paßte. – Reinhold Schneiders Essay "Im Anfang liegt das Ende" trägt den Untertitel "Grillparzers Epilog auf die Geschichte". Man weiß, daß Grillparzer die Königsdramen des Habsburger Hauses schreiben wollte, wie Shakespeare die Herrschergestalten. der Häuser York und Lancaster behandelte. Er bat diesen Plan nicht Zu Ende geführt, nicht nur. weil er zwischen Glaubenund Aufklärung, zwischen Traditionsergebenheit und Eigenwillen zerrieben und zerrissen wurde. Dafür hat er uns, besonders in der "Libussa", Einblicke in seine Geschichtsauffassung tun lassen, die sehr aufschlußreich sind. Schneider führt erstaunliche Zitate an, erstaunlich deshalb, weil man an ihrer Tiefe und ihrer prophetischen Kraft oft vorbeigehört hat. Es lohnt sich, eines dieser Zitate, und zwar das aus dem "Bruderzwist" in Habsburg", hier anzuführen.

Ich sage dir: nicht Scythen und Chazaren,

die einst den Glanz getilgt der alten Welt,

bedrohen unsre Zeit, nicht fremde Völker:

Aus eignem Schoß ringt Joe sich der Barbar,

der wenn erst ohne Zügel alles Große,