Von Johanna Schopenhauer

Johanna Schopenhauer, die Mutter; des großen Philosophen, hatte 1793 – eine andere Emigrantin – die Vaterstadt Danzig an der Seite ihres republikanisch gesinnten Gatten verlassen, als die damals freie Reichsstadt preußisch wurde. Zu Weimar verfaßte sie in hohem Alter die Fragmente ihrer Kindheitserinnerungen, die unter dem Titel "Jugendleben und Wanderbilder erschienen sind und die Alt-Danzigs Atmosphäre mit großer Frische wiedergeben, darunter eine Begegnung mit dem Kupferstecher Chodowiecki.

Kaum hatte ich das dritte Jahr meines Lebens zurückgelegt, als ich schon täglich zweimal, vormittags und nachmittags, in eine kaum zweihundert Schritt von meinem elterlichen Hause ntfernte Schule" auf ein paar Stunden geschickt wurde. Die düstere Schulstube mit ihren getäfelten Wänden von durch die Zeit gebräuntem Eichenholz, in der wir dennoch so fröhliche Stunden verübten, das große, aus mehr als hundert kleinen runden Scheiben zusammengesetzte Fenster, stehen noch sehr lebhaft in meiner Erinnerung. In der Ecke dieses Fensters thronte in ihrem geräumigen orgenstuhl eine uralte Frau mit schneeweißem Haar, In etwas fremdartiger, sehr sauberer, aber infacher Tracht.

Das Alter hatte ihr Auge mit einem immer lichter werdenden Schleier umwoben, doch ihren eiteren Sinn nicht zu umdunkeln vermocht, deutsch sprach sie wenig und ungern, sie war eine geborene Französin und hatte als Hugenottin, ihres Glaubens wegen, aus ihrem schönen Vaterlande flüchtig werden: müssen, aber sowohl die Tracht als Sitte und Sprache des französischen Bürgerstandes beibehalten. Ihr Alter und ihr schwaches Gesicht erlaubten ihr nicht, ihren beiden, auch schon ziemlich bejahrten Töchtern in der Leitung der Schule beizustehen, aber sie war doch gern mitten unter den Kindern.

Mich hatte sie zu ihrem Liebling erkoren, ich durfte dicht in ihr hinflüchten, wenn das Getobe der wilden Knaben mit zu ärg wurde. Dana nahm sie mich auf den Schoß und sagte allerlei leichte französische. Worte und Redensarten mir vor; dieich zu ihrem großen Vergnügen wie ein gelehriger Papagei nachplapperte und zuletzt auch wirklich verstehen lernte. Der-Name dieser Frau wird in der Kunstgeschichte unserer Tage nie untergehen, denn sie war die Mutter des in seinem Fach bis jetzt noch unerreichten Chodowiecki.

Während eines Besuches von einigen Tagen, den Chodowiecki in Danzig bei seiner Mutter ablegte, Heft er auch in unsere Schulstube sich führen; neugierig sah ich, wie der fremde Mann ein Tischchen hin und her! rückte, bis es ihm recht stand. Seine beiden Schwestern, unsere Lehrerinnen, gingen indessen freundlich uns zuredend durch unsere Reihen, versprachen Thorner Pfefferkuchen, Rosinen und Mandeln die Hülle und Fülle, wenn wir nur ein kurzes Stündchen, so wie wir eben saßen und standen, uns ruhig halten wollten.

Der fremde Mann setzte sich inzwischen an seinen Tisch, legte Papier vor sich hin, packte Bleistifte und andere kleine Gerätschaften aus, sah aufmerksam umher, schrieb etwas, wie es mir schien, sah wieder auf, schrieb wieder, ich hielt mich nicht länger. Ich vergaß Rosinen, Mandeln und Pfefferkuchen und alles; leise, leise, wie ein Kätzchen, schlich ich zwischen und unter Tischen und Stühlen bis zu ihm hin. und sah so bittend ihm ins Gesicht, daß er es nicht übers Herz bringen konnte, mich zu verscheuchen. Freundlich nickte er die Erlaubnis mir zu, neben ihm stehen zu bleiben. Und nun sah ich auf dem kleinen Blättchen die ganze Schulstube vor meinen Augen entstehen: das hatte ich mir nie als möglich gedacht Der Atem verging mir darüber; ich dachte und empfand nichts als das Glück, dergleichen schaffen zu können. Und als nun der Künstler am Ende ein anderes Blättchen zurechtlegte, mich vor sich hinstellte, zeichnete, ohne daß ich sehen konnte, was er machte, und mir nun das Blättchen hinreichte, um nebst einem Gruß von ihm es meiner Mutter zu bringen, da fehlte nicht viel, so wäre ich aus Freude in Tränen – ausgebrochen. Meine ganze kleine Person, von dem bedormeuseten Köpfchen an bis zu den etwas einwärts stehenden Füßen, war im verkleinerten Maßstab dargestellt.