Der moderne Mensch hat sich an den Gedanken gewöhnt, daß in seiner Wirtschaft nichts unmöglich sei. Fehlende Rohstoffe werden durch Umwandlung einheimischer Grundstoffe, wie Kohle und Holz, gewonnen oder auch synthetisch ersetzt. Aber der Landwirt weiß, daß die Natur sich nicht allenthalben überlisten läßt, sondern daß es gewisse Voraussetzungen gibt, die einzelnen Landschaften eine natürliche Monopolstellung für bestimmte Produkte einräumen.

Das Land zwischen Oder und Polnischem Korridor, das Pommern, Grenzmark, Neumark und tun Stück der Niederlausitz, umfaßt und hier kurz als Ostoderland bezeichnet werden soll, besitzt ein solches Monopol – in bezug auf den Anbau von Saatkartoffeln. 60 v. H. aller in ganz Deutschland erzeugten Hochzucht- und Elitesorten, nämlich der sogenannten Originalsaaten, wurden: in Ostoderland erzeugt. Der Rest kam jedoch fast ausschließlich ebenfalls aus dem Osten, so daß auf die Westzonen nur ein Anteil, von 7 v. H. entfiel.

Das raube Klima des Ostens ist offenbar der Hauptgrund für das Gedeihen gesunder, widerstandsfähiger Pflanzen. Während die Kartoffel im ganzen Westen in hohem Maße den verschiedensten Krankheiten, die alle auf Virusbefall beruhen, ausgesetzt ist, kennt man diese Erscheinungen im Osten kaum und konnte jahrelang Saatkartoffeln eigener Ernte auspflanzen, ohne einen Ertragsrückgang befürchten zu müssen. Die Virusverseuchung der Westzonen geht so weit, daß Hannover spätestens alle drei Jahre, Westfalen mindestens alle zwei Jahre und das Rheinland beinahe jedes Jahr seine Kartoffelsaat neu beziehen muß. Es ist zwar nicht so, daß virusbefallene Kartoffelpflanzen In jedem Fall absterben, aber sie kümmern und geben einen wesentlich geringeren Ertrag. Auf diesen Tatbestand – nämlich auf das Fehlen der pommerschen Saatkartoffeln – ist es auch, zurückzuführen, daß wir seit der Kapitulation trotz einer alljährlichen Ausdehnung der Anbaufläche im Westen nicht relativ, sondern sogar absolut geringere Ernten erzielen.. Die im vorigen Herbst auf dem jetzigen; Versuchsgut der pommerschen Saatzuchtgesellschaft bei Uelzen, -durchgeführten Versuche haben bei einem Vergleich zwischen viruskrankem und gesundem Saatgut der gleichen Sorte das Resultat ergeben, daß der Minderertrag sich auf 53 bis 69 v. H. belief.

Diese seit vielen Jahren bekannte Tatsache war der Grund dafür, daß alle namhaften – Züchter Deutschlands im Ostoderland ihre Betriebe hatten, auf denen die in ganz Mitteleuropa bekannten Standardwerten "Ackersegen", "Parnassia", "Flava" und "Voran" – die für den sachverständigen Landwirt den/gleichen Klang besitzen wie die Namen "Johannisberger" und "Rüdesheimer" für den Weinkenner – gezüchtet und vermehrt wurden. Die Provinz Westfalen hat im Jahre 1937 bei einer Kartoffelanbaufläche die von immerhin 95 000 Im nur 3 ha Hochzucht zur Saat ausgepflanzt eben weil man erkannt hatte, daß es unmöglich ist, im Westen’ brauchbares Saatgut zu ziehen.

Diese Erkenntnis ist sehr bitter, bedeutet sie doch, daß Westdeutschland nicht nur die großen Überschüsse Ostoderlands an Eßkartoffeln, die im Durchschnitt der Jahre von 1933 bis 1937 rund 2,7 Millionen Tonnen betrugen und die unter Zugrundelegung der heutigen Sätze zur Versorgung von rund 27 Millionen Menschen ausreichen würden, einbüßte, sondern daß ihm mangels einschlägigen Saatguts dann auch die Möglichkeit genommen wäre, die eigene Produktion zu steigern. Gerade die Kartoffel aber müßte heute die Basis sein, auf der einerseits der Wiederaufbau der westdeutschen Schweinebestände zur Lösung des Bettproblems erfolgen sollte, und die anderseits als Massengut auf Jahre hinaus, die Grundlage unserer Ernährung bilden könnte. Der Gedanke, ausländische Saat einzuführen, bringt keine Lösung des Problems, weil "landfremde" Sorten niemals optimale Ernten liefern und überdies den Abbauerscheinungen unter Umständen noch stärker ausgesetzt sind als die einheimischen. Es bleibt daher ein ein-unbestreitbares Faktum, daß jeder Versuch, die Erhaltung und gar den Ausbau der Kartofelproduktion in den westlichen Zonen ohne die pommersche Saatkartoffel durchzuführen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Ostoderland hat nicht nur ein absolutes Monopol für die Erzeugung von Saatgut gehabt, sondern ist gleichzeitig das ergiebigste "Kartoffelrevier" Mitteleuropas gewesen. Während die Kartofelerzeugung je Kopf der Bevölkerung im Reichsdurchschnitt 661 kg betrug (in den Westzonen 187 kg), belief sie sich in Ostoderland auf 2900 kg. Das bedeutet, in ein Rationierungssystem übersetzt, daß nach Abzug von 20 V. H. für Aussaat und Schwund und nach Rücklage des Eigenverzehrs der dortigen Bevölkerung jeder einzelne Bewohner Ostoderlands noch 2100 kg für die Versorgung, des Westens erzeugte, also entsprechend dem, Potsdamer Satz von 219 kg rund zehn Personen, miternährte. Wobei nicht vergessen werden darf, daß außerdem noch 2,2 Millionen Tonnen verfüttert wurden – eine Menge, mit der 2,2 Millionen Zentner, Schweinefleisch erzielt werden können.

Im Reichsdurchschnitt hat der Anteil der Kartoffelanbaufläche an der landwirtschaftlichen Nutzfläche 10 v. H. nie überstiegen. Im Ostoderland ’betrug er jedoch 17 v. H., auf einzelnen Großbetrieben sogar 30 v. H. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß je Hektar Getreide etwa 6 Millionen Kalorien erzeugtwerden, je Hektar Kartoffeln aber 13 Millionen Kalorien, dann kann man sich eine – Vorstellung davon machen, was es ernährungsmäßig bedeutete, daß es ein-Gebiet gab, das statt einem Zehntel ein Drittel seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche mit Kartoffeln bebaute.