Miniaturen schlesischer Frauen

Von Ilse Reicke

Kleine müde Sterne bleichen im gelbblassen Morgenhimmel über den schwarzgezackten Wipfeln der Isergebirgshöhen. Schnee, Wind, März1946. Vier große Schlitten quälen sich vorwärts durch, den Harsch, der Pferden die Fesseln blutig scheuern würde. Aber es gibt keine Pferde. Darum gehen vorne vor jedem Schlitten angesträngt vier Frauen; zwei schieben hinten, je zwei gehen an den Seiten. Die ernsten Wipfel sehen unseren Zug der vier Schlitten alle Morgen so dahinziehen, gegen Mittag kommt er zurück, hochbeladen mit Heu, duftendem Heu, das in den verlassenen, verödeten Häuschen oben in Kobelwiese, auf dem Iserhochmoor, noch lagert.

Heute wird es anders, heute geht es weiter, bis zur Iserkammbaude. Ein Leutnant kommt geritten, die viereckige Mütze auf dem Kopf. Er braucht nicht zu schimpfen; nicht zu fluchen Wie sollte er auch, da die Frauen sich gegenseitig ermuntern, um nicht zu verzagen. "Mir Schöffen es", "Mir kennen arbeeta", "Das wär ja gelacht", "Weg da. Frau Dukter. unsereens mocht dos bessa"! Und das Unglaubliche geschieht: Vierzig Frauen schaffen die schweren Bohlen und Eisenteile einer Häcksel-Schneidemaschine heran, wuchten sie auf den Schlitten! Alsdann: Eine eiserne landwirtschaftliche. Fahrmaschine, ein "Mähbinder", wird aus vergletschertem Schnee losgehackt, hochgestemmt – hau, ruck, noch einmal – es gelingt; er sitzt auf dem Schlitten, und als Drittes – nein, unmöglich und es geht doch: eine gelbe vierrädrige Kutsche wird von der Frauenschaf hochgewuchtet,auf den Schlitten bugsiert... und die Mittagssonne sieht auf den Zug der "Angesträngten", die ihre Schlitten durch den Bruchschnee ziehen. Pferden würde ja der Harsch die Fesseln blutig scheuern...

Fron ist Arbeit geworden. Beweis seiner selbst – auch vor der viereckigen Mütze! Wie sagte im wilhelminischen Berlin die "Stellenvermittlerin" seligen Angedenkens? "Alle meine Herrschaften wollen immer die Dienstmädchen aus Schlesien. weil das die Arbeitsamsten sind!"

Juli 1946 In dem gewaltigen Auffanglager bei Helmstedt liegen wir auf geschüttetem Stroh am Boden für ein paar Tage und Nächte, zweitausend Menschen. Jedem gehören zwei Quadratmeter für eine Nacht. Aber wenn die Morgensonne durch die Riesenhalle scheint, dann; sitzt das alte Breslauer Ehepaar neben uns nicht anders beim Morgenkaffee als die fünfzig Jahre daheim in der Stube in der Höfchenstraße, oder der "Schuhbrücke". Auf dem alten gestickten Tischdecklein steht die Schnurrbarttasse vom "Vatel", sein gewohnter Löffel liegt daneben, und die "Ale" schneidet ihm das Brot und streicht ihm die Marmelade darauf wie in der "Heemte". Ein abgeschundener kleiner Koffer ist. ihr Tisch, aber die so überflüssige, so rührende kleine gestickte Decke darauf ist die Liebe zur Schönheit selbst, zur Durchseelung des Alltags ist die"Gemittlichkeet" auch noch mi Lagerstroht "Suschte nischt, ok Heemte" – "Nichts sonst, aber Heimat", sagen sie in Schlesien. Und ein Stück dieser Heimat nahmen sie mit, als sie vertrieben wurden,

Wie sagte die geliebteste, echteste, stärkste Schlesierin unserer-, Tage, die gleich der großen Schutzpatroninihres Eandes Hedwig hieß, die "Hedla" aus der Gast- und Bauernwirtschaft des "Hainberghofes" in der "Grafschaft", die Gattin-Hermann Stehrs, deren Seele und deren bildkräftige Sprache durch alle seine Bücher atmet? "Ach, Frau Ilse, ich bin halt a su abgemartert!"

Vor dem Krieg ist sie schlafen gegangen auf dem schönen Dorfkirchhof zu Schreiberhau. Aber der Gedanke an sie, an ihre geistige Gestalt, wie sie in den Hermann-Stehr-Büchern lebt, weht wie ein Trosthauch durch die vielen, vielen Seelen: ‚,Mir sein halt alle a su abgemuttert!"