Mit Recht hat man die deutschen Ostgebiete: Ostoderland. Schlesien und Ostpreußen als die Kornkammer Deutschlands bezeichnet. Eingehende Berechnungen und Untersuchungen haben – wenn man das Ergebnis der drei in dieser Nummer veröffentlichten Karten auf einen einheitlichen Nenner bringt – gezeigt, daß dort in fünfjährigem Durchschnitt folgende Mengen produziert wurden:

Diese Produktion reichte unter Zugrundelegung des Potsdamer Satzes von täglich 2860 Kalorien aus, um insgesamt 18,6 Millionen Menschen zu ernähren. Da in den fraglichen Gebieten 9,3 Millionen Deutsche lebten, reichte der Überschuß, der an den Westen geliefert wurde, aus. um dort noch einmal die gleiche Anzahl Menschen zu versorgen. Bei den heutigen Zuteilungssätzen und deren qualitativer Zusammensetzung (wenig Fleisch und Fett und viel Cerealien) würde diese Menge unschwer die doppelte Anzahl der-Bevölkerung ernähren.

Es ist bei allen Untersuchungen immer wieder deutlich geworden, daß das Charakteristikum der östlichen Landwirtschaft darin besteht, daß dort bei einer nahezu fabrikmäßigen Konzentration, genauester kaufmännischer Kalkulation und starker Spezialisierung der Saat- und Viehzuchtbetriebe einerseits und der Hackfruchtverwertung anderseits große Marktleistungen hervorgebracht wurden. Der besondere Anlaß zu einer starken Intensivierung der Produktion lag einmal in dem Bestreben Deutschlands die sehr hohe Quote der notwendigen Lebensmitteleinfuhr zu verringern und zum anderen in der Ungunst der natürlichen Voraussetzungen, die die Landwirtschaft im Osten nur bei äußerster Rationalisierung rentabel gestaltete. Voraussetzung für diese Wirtschaftsweise war aber der Einsatz zahlreicher Fachkrafte, die die Auswertung der modernen betriebswirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erkenntnisse gewährleistete. Die Mechanisierung der Landwirtschaft, die Überwachung der Züchtungsergebnisse durch Kontrollvereine, zahlreiche Versuchsgüter und Beratungsstellen, Melkerschulen und Lehrkurse für Schweinemeister, Treckerführer und vertreten waren in irgendeinem land viel stärker vertreten als in irgendeinem anderen landwirtschaftlichen Gebiet

Wenn man sich unter diesem Gesichtspunkt einmal die Frage, verlegt, welche Bedeutung jene Gebiete ohne die deutschen Spezialisten und gelernten Arbeitet für Polen haben würden, so muß man sich folgendes vor Augen halten: Während Deutschland stets ein Drittel seines Exporterlöses für den Import von Lebensmitteln verwenden mußte, bestand der polnische Expört zu mehr als einem Drittel aus landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Würde also die Oder-Neiße-Linie die endgültige politische Grenze, so würde Deutschland seiner absolut lebensnotwendigen Produktionsgebiete beraubt, nur um damit Polens Überfluß noch zu vermehren. Für Polen bestünde dann noch weniger als bisher die Notwendigkeit, eine rationelle Landwirtschaft zu betreiben, und der Produktionsausfall in Osteuropa würde die daraus erwachsenden Versorgungsschwierigkeiten des Weltmarktes verewigen.

Vergleicht man die Hektar-Erträge einzelner Kreise des polnischen Korridors zu deutscher und zu polnischer Zeit, so wird die Vermutung eines absoluten, Produktionsrückganges vollauf bestätigt.

Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man die ostdeutschen Durchschnittserträge mit den polnischen Ernten in den klimatisch und bodenmäßig sehr viel günstigeren mittleren Wojewodschaften (die Durchschnittserträge Altpolens liegen wesentlich tiefer) auf Grund der polnischen Statistik vergleicht.

Wenn man unterstellt, daß in den deutschen Ostgebieten unter „polnische? Herrschaft die gleichen Flächen mit den gleichen Früchten bestellt würden wie bisher und nur die Ertragsverhältnisse sich entsprechend den obigen Durchschnitten verändern, dann zeigt sich, daß der eingangs errechnete Überschuß, der zur Ernährung von 9,3 Mill. Menschen im Westen diente, sich in ein Defizit verhandelt. Dies ist aber eine, gemessen an der Realität, Viel zu optimistische Unterstellung, denn Polen ist nicht in der Lage,-die aus den deutschen Ostgebieten Vertrieben“ Bevölkerung zahlenmäßig zu ersetzen. Schon aus diesem Grunde Ist eine ordnungsmäßige Bewirtschaftung des Landes gar nicht möglich, ganz abgesehen davon, daß die sehr primitive Bevölkerung aus dem Raum östlich der Curzonlinie, die jetzt in die ostdeutschen. Gebiete umgesiedelt wird, niemals .imstande sein wird, die intensive Wirtschaftsweise dieses komplizierten Organismus aufrechtzuerhalten. Um das letzte aus. einem solchen bis ins kleinste durchkonstruierten Produktionsapparat herauszuholen, muß man ein Fachmann sein – genau, so wie eine Leica in der Hand des Laien ebenso unzulängliche Ergebnisse zeitigen wird wie irgendeine primitive Kamera, weil eben nur der Kenner ihre Feinheiten zu nutzen versteht.

Wie es in der Realität bereits heute aussieht geht deutlich aus einer Äußerung des polnischen Landwirtschaftsministers Lechowiecz hervor, der unlängst mitgeteilt hat, daß eine Hungersnot in Polen unvermeidlich sei, wenn nicht 400 000 Tonnen Brotgetreide eingeführt würden. Jenes Gebiet ostwärts Oder/Neiße, das bisher 9,3 Millionen Deutsche ernährte, und zusätzlich für die gleiche Anzahl Überschüsse an den Westen abführte, ist also unter polnischer Herrschaft nicht einmal in der Lage, die drei bis vier Millionen Polen, die angeblich heute dort angesiedelt sind, zu ernähren. Es ist ein grotesker Zustand, daß die ganze Welt hungert, während Polen da; deutsche Land im: Osten quadratkilometerweit brach liegen und versteppen läßt, ein Land, das bisher alljährlich allein an Brotgetreide 3,1 Millionen Tonnen produzierte. Wenn man bedenkt, daß die Brotgetreideausfuhr der drei großen Exportländer Kanada, Argentinien und Australien zusammen im Jahre 1938 nur 8,4 Millionen Tonnen Weizen betrug, dann wird deutlich, daß die Frage, ob die Ostgebiete wieder voll zur Versorgung der hungeraden Menschheit herangezogen werden oder ob sie weiter unter polnischer Herrschaft verkommen, nicht allein eine Frage von nationalem deutschem Interesse ist, sondern daß es hier wirklich um ein Problem von weltwirtschaftlicher Bedeutung geht.