Von Heinrich Leippe

Man hat eine Katzenmißgeburt gefunden? Nun gut, anstatt sich zu verwundern und zu schreien, wird man sie sezieren.“ Dies ist gleichsam die Kennzeichnung für die intellektuelle Handlung, die sich in der geistigen Situation Europas um die Wende des 18. Jahrhunderts spiegelt. Kaum ein anderer Zeitabschnitt ist vom Blickpunkt der Gegenwart aus so bedeutsam. So beschwört jenes Buch, das Paul Hazard 1935 unter dem Titel „La crise europeenne“ veröffentlichte und dem das obige Zitat entnommen ist, eine quellende Fülle vergangenen Lebens herauf. Das Werk, von Harriet Wegener bereits 1939 in einer ausgezeichneten .Übertragung erschienen und nun in einer Neuauflage (im Höffmann-&-Campe-Verlag. Hamburg) als „Die Krise des europäischen Geistes 1680 bis 1715“ herausgekommen, trägt in der Tat mehr vor, als eine „bloße Meinung“. Hazard verdankt diesem Werk seine im Jahr 1940 erfolgte Wahl in die Academie française. Durch kriegsbedingte Hemmnisse blieb es aber in Deutschland fast unbeachtet. Inzwischen, ist dieser bedeutende Historiker, Literarhistoriker und vergleichende Sprachwissenschaftler; dieser glänzende Stilist und wahrhafte – Europäer 1944 sechsundsechzigjährig auf seinem Gut in Delincourt gestorben. Sein nachgelassenes Werk „La pensee européenne au XVIII. siède“, das erneut die geistige Gestalt Europas umkreist, liegt in deutscher Sprache bisher noch nicht vor. Um so mehr verdient die Neuauflage der deutschen Ausgabe der „Krise“ eingehende Würdigung.

Die ganze Erregtheit jener entscheidenden Zeitspanne, deren härtesteGeisteskämpfe innerhalb von 35 Jahren ausgefochten wurden, atmet in diesem Buch „diese so wenig blasierte Epoche, welche die Gleichgültigkeit haßte, den Zweifel fürchtete und die ständig auf der Suche war“. In immerwährenden Kontroversen, Diskussionen, Disputen und Tumulten breitet sie sich vor uns aus, und der Prospekt, vor dem sich diese geistigen Kämpfe entfalten, ist Europa, das noch keine Wirklichkeit ist – noch nicht einmal recht eine geographische! –, aber in ihnen und durch sie seine. Gestalt, – eine geistige Gestalt! – eben abzuzeichnen beginnt. Freilich ist es „nur ein Kampf zwischen Abstraktionen, der aber trotzdem seine erhabene Schönheit hat“. Und da Hazard es, meisterhaft versteht, die Abstraktionen zu konmeisterhaft liest sich seine Darstellung der frühen Aufklärung wie ein Heldengedicht: Iliade des Geistes.

Dieser Vergleich ist weniger überschwänglich, als es zunächst aussehen mag. Es trifft sogar recht genau den zentralen Vorgang. Das Ilion, das hier Jahrzehnte hindurch belagert, von allen Seiten unaufhörlich berannt, mit tausend Listen umschlichen, mit Tapferkeit und in immer wiederholten Ausfällen zähe verteidigt wird und das schließlich doch dahinsinkt, ist die Zitadelle der alten Zeit, in der sich der Glaube gegen die angreifende Vernunft verschanzt hat. Erbittert geht der Streit zwischen den „Religionären“ und den Freigeistern aller Schattierungen hin und her. Wie zu keiner anderen Zeit wird hier jeder Gedanke, den ein Philosoph denkt, jeder Satz, den ein Schriftsteller schreibt, unmittelbar ernst genommen: Von den einen als Datenbruch zur Freiheit umjubelt, von den anderen als Ketzerei verdammt, zieht man doch jeweils daraus die volle Konsequenz. Bossuet, der Bischof von Meaux, der Verteidiger der Tradition, kämpft, ein anderer Hektar, immer erbitterter und vereinsamter gegen die erdrückende Übermacht der Neuerer um die Reinerhaltung des überlieferten Glaubens. Er ist zwar keineswegs die gewaltigste Erscheinung, daß deshalb alles um ihn kreisen müßte. Aber seine Position ist die des Glaubens selber. Deshalb steht er im Schnittpunkt so vieler verschiedenster Richtungen. in den Nachtstunden, der einzigen Muße, die ihm sein umfangreiches Tagewerk als oberster Hirte der französischen Kirche läßt, schreibt er seine Entgegnungen auf die vielfältigen Angriffe gegen die Dogmen und Sakramente, von denen jeder Tag neue bringt. Und keinen läßt er. unwiderlegt. Immer wieder heißt es für diesen unermüdlichen defensor fidei, zu dem er sich vor Gott und seinem Jahrhundert berufen fühlt, in scheinbar harmlosen Schriften und abseits liegenden Gedankengängen die Gefahrenkeime für die Kirche erkennen. Die hinfällige Greisengestalt, die sich in einer Sänfte zu dem einzigen, der noch zu ihm hält tragen läßt: zu dem gleichfalls alt und müde gewordenen König den strahlenden rot soleil von einst, der vom kritischen Denken der Zeit in eine ähnliche Verteidigungsstellung gedrängt ist, verkörpert nicht nur die Schlußphase der alten Glaubenshaltung, sondern auch das Ende eines heroischen und tragischen Kämpferlebens.

So reiht sich Porträt an Porträt, und in immer neuen bezeichnenden Zügen – symbolischen Anekdoten –, die eine großartige Beherrschung des Stoffes verraten, lebt die Zeit, das konkrete Jetzt und Hier, wieder auf. Man versteht, was die Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 für die Menschen damals bedeutet hat: in alle Länder zerstreuten sich die verstörten Hugenotten. Man fühlt, welche Hoffnungen sich an die Bestrebungen eines Leibniz für eine Wiedervereinigung des Glaubens knüpften: es ging um die geistige Einheit des Abendlandes. Aber die neue Tugend der Toleranz, die außer von diesem edlen Geist vor allem auch von Locke verkündet würde, mußte einem, Bossuet als Verrat und Abfall von der Sache der Kirche erscheinen. Und man begreift auch die Notwendigkeit und innere Größe seines Beharrens. Aber die Ratio ist überall im Vorrücken, sie hält keiner mehr auf. Was für scharfe Geister, was für keiner Fechter befinden sich in ihrem Lager! für ist Pierre Bayte. ein leidenschaftlicher Kämpfer, der stärkste Anwalt der kritischen Vernunft. In seinem Dictionnaire-historique et critique zerstört die Kritik den Mythos der Geschichte. Da ist in der Bibelkritik, die sich als das große Betätigungs- und Bewährungsfeld des Geistes darbietet, vor allem Richard Simon ein früher Vorläufer Renans. Da proklamieren Grotius und Vorläufer das Naturrecht, Spinoza baut das geometrische Gebäude seiner deistischen Ethik, Newton und Leibniz entdecken gleichzeitig und unabhängig voneinander die lnfinitessimalrechnung. Da sind so glänzende Gestalten wie Hobbes und Thomasius, Fontenelle und Fénelon. Vico und Shaftesbury. Gleichzeitig werden Giordano Bruno und Vanini als Heroen und Märtyrer der neuen Denkungsart wiederentdeckt. Unauffällig wechseln – unterdessen die Lebensideale und Zeitmoden: der nonnête komme weicht Gracians Heldentyp. Aber dieser spielt nur eine flüchtige Gastrolle. An seine Stelle tritt sehr bald der europäische Universaltyp des Philosophen, der wiederum vom Bürger und selbstbewußten Kaufmann abgelöst wird. Auf dem Grunde der Zeit aber leben die Sehnsüchte Und Wahnvorstellungen der religiösen Schwärmer, der Rosenkreuzer. der Alchimisten, der Utopisten, der Abergläubischen weiter. Und dennoch, äußert sich in den alltäglichsten Dingen die vollzogene Umwälzung: „Man hat eine Katzenmißgeburt gefunden? Nun gut, anstatt sich zu verwundern und zu schreien, wird man sie sezieren!“

In tausend verschiedenen Momenten verwirklicht sich diese große und entscheidende. Wende. Jeder denkende Kopf trägt ‚eine. neue Nuance und ein besonderes Temperament in die bunte Vielfalt! Hazard denkt und fühlt ihnen allen nach, er hofft und verzagt mit ihnen, ja, zuweilen scheint er selbst ganz zum Menschen jener Epoche zu werden. Und doch hebt sich in seinem historischen Sinn nie völlig das Bewußtsein des Abstandes zu dieser Vergangenheit auf: er verfällt ihr nicht als Romantiker, sondern hält die Spannung des historischen Forschers elastisch durch. In gelassener Heiterkeit und einer lichtvollen, – elegant spielenden Ironie kommt diese Distanz immer wieder wach zum Ausdruck.

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Schon hiernach mag deutlich geworden sein, daß Hazards Krisenbegriff nichts zu tun hat mit der modernen Krisenstimmung, deren allgegenwärtiges Bewußtsein recht eigentlich heute den panischen Charakter einer modernen Massenpsychose angenommen hat. In Hazards Sprachgebrauch hat Krise ihren klaren, festen historischen Bezug: sie meint nichts anderes als eine tiefgreifende Ver-– änderung und Verwandlung des gesamten Lebens eines bestimmten Zeitraums im Stadium der Entscheidung, in der Situation des Übergangs. Als solche erscheint sie durchaus wiederholter, wenn auch nicht mit demselben Inhalt und Ziel. Wohl kann es in ihr zu katastrophenartigen Zusammenballungen und Zuspitzungen kommen, und meist wird dem Zeitgenossen davon der Horizont so verdunkelt, daß er keinen Ausweg mehr in die Zukunft sieht. Immer aber erfüllt sie eine geschichtliche Funktion, und keineswegs bedeutet sie Katastrophe oder Ende schlechthin. Diese historische Relativierung kann unserer Gegenwart, die mehr als jede frühere Epoche geneigt ist, ihre eigene Krise absolut zu nehmen, nur heilsam und erhellend sein.