Ein Denkmal für die Heimatlosen der Welt nannte der Vorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft Hamburg den Schweizer Film „Die letzte Chance“, der im Waterloo-Theater, Hamburg; unter dem Patronat der Friedensgesellschaft in der britischen Zone erstaufgeführt wurde. Er ist allen denen gewidmet, „die auf der Flucht vor Gewalt und Unrecht die Heimat und Hab und Gut verloren“.

In einem Ausschnitt aus dem Kriegsjahr 1943 in Italien – Badoglio hat die Regierung übernommen, aber Mussolini wird aus der Gefangenschaft befreit zeigt der Film auf dem Weg von einem italienischen Grenzdorf zur Schweiz an einer zusammengewürfelten Schar von Juden, Deportierten und entwichenen Kriegsgefangenen die Passion der Ausgestoßenen, die als letzte Chance in der neutralen Schweiz Freiheit und eine neue Heimat erhoffen.

Im Zeichen des Christentums – bezwingend, auch als größte schauspielerische Leistung, die Darstellung des Pfarrers durch Romano Calo – will dieser Film eindrucksvoll und schlicht die Ideale der Menschlichkeit verfechten; er spricht dafür in vielen Zungen: englisch und italienisch, französisch und deutsch, mit österreichischer, schweizerischer und jiddischer Klangfarbe. Aber dennoch läßt diese Vielfalt eine Stimme vermissen, die auch; dem Feind eine Chance gibt. Zwar sind die eigentlichen Vertreter von Gewalt und Grausamkeit taktvoll und objektiv nur schemenhaft gezeigt, zwar fallen einmal versöhnlich die Worte „Es gibt überall gute und böse Menschen“, aber wir Deutschen heute, die wir voller Scham und Demut vor diesen Bildern sitzen, wir haben eine Furcht: daß die große geistige Versöhnung der Völker noch sehr fern ist.

Es ist nicht das im Ausland jetzt so viel kritisierte „self-pity“ der Deutschen, das uns beim Anblick dieser Bilder an das Elend der eigenen Ostflüchtlinge denken läßt, es ist nicht mangelnde Einsicht, daß es in diesem Film um das Schicksal der seit 1933 Heimatlosen geht und um nichts anderes, aber es ist ein leises Bedauern; daß dieses in der ganzen-Welt heute mit Anerkennung bedachte dokumentarische Filmwerk der neutralen Schweiz, in gewisser Einseitigkeit, die eben jeder Ausschnitt haben muß, unbestritten edelster Absichten, allzu betont der anderen Seite gerecht wird und den Eindruck. „Alle Deutschen sind schlecht“ nicht vermeidet.

Endlich wieder war in Hamburg (im „Ufa-Theater Mundsburg“) ein französischer Film zu sehen: der „Nachtigailen-Käfig“, das Meisterwerk des Regisseurs Jean Dréville. Wo sonst durften wir in letzter Zeit, da wir Gelegenheit hatten, manch problematischen und interessanten Versuch ausländischer Ateliers zu sehen, so gelöster, schillernder und bei. aller Einfachheit des Sujets vielgesichtiger Filmkunst begegnen? Sicher hätten sich die pädagogischen Abenteuer eines begabten Schulmannes in einem ziemlich verrotteten Waisen-Internat, der mit der Zaubersprache der Musik die aufsässigen Bürschlein zur Rasen bringt, auch in einem einfacheren Handlungsaufriß darstellen lassen. Aber daß sich um jenen inneren Kreis der Handlung spielerisch leicht immerfort Andere Handlungskreise drehen, als da sind: Redaktionsbetrieb und Liebes- und Existenzsorgen eines junger Mannes, wobei echte Gefühlsbetonung sich mit Ironie, ja sogar mit schlagkräftiger Burleske vermischt –: dies eben macht die bezaubernde und ganz und gar französische Dramaturgie dieses Filmes aus, der mit dem Blick in störrische, verhärtete Jungens-Seelen so viel Trauriges, zeigt und doch zugleich einen anspornenden, souveränen Optimismus von der Art eines, heiteren Trostes vermittelt, für den zumal das deutsche Publikum sehr zugänglich, ist. Es gab helles Gelächter und Tränen unter Lächeln. Und wie überall, wo Lächeln und Tränen einander sehr nahe sind, so fanden wir’s in diesem meisterhaften Fünf: ein Beispiel schöner Menschlichkeit. (Die ansprechende Synchronisation des Rex-Films beweist, ebenso wie die kürzlich in Hamburg vorgeführte deutsche Fassung des englischen Films „Zum halben Wege“ der Rhythmoton Hamburg“, daß trotz größter Schwierigkeiten eine Annäherung an die alte Leistungsfähigkeit auf diesem Gebiet wieder, erreicht wird.) Erika Müller